Drehort Mitteldeutschland

Zittau wird Wien, Görlitz Paris

Von Reiner Burger

Statisten in Zittau: Der Film „Mein Kampf“ soll 2009 ins deutsche Kino kommen.

Statisten in Zittau: Der Film „Mein Kampf“ soll 2009 ins deutsche Kino kommen.

06. Juni 2008 Beinahe wäre Budapest Wien geworden. Auf der Suche nach einem Straßenzug, der noch so aussieht wie ein Häuserensemble aus der Zeit des jungen Adolf Hitler, wurden die Leute von Schiwago-Film schnell in der ungarischen Hauptstadt fündig. „Sogar eine Baulücke für unsere Männerwohnheimkulisse gab es dort“, erzählt Produktionsleiter Frank Zahl.

Doch leider hatte eben diese Brache schon ein Investor gekauft, der mit seinem Bauprojekt nicht warten wollte. Also war Budapest doch nicht das geeignete Wien für einen Film nach George Taboris Hitler-Farce „Mein Kampf“, und die „Location Scouts“ mussten weiterziehen. Sechzehn Orte in Mitteldeutschland fuhren sie ab. „Da gab es wirklich schöne Ansichten. Aber Thüringer Fachwerk und Schiefer eignet sich nicht für unser Vorhaben.“ Erst ganz am Schluss, am 30. Dezember, kam man auf Zittau.

Österreich im deutschen Osten

Stars in Zittau: Anna Unterberger, Götz George und Tom Schilling bei den Dreharbeiten

Stars in Zittau: Anna Unterberger, Götz George und Tom Schilling bei den Dreharbeiten

In einer Mischung aus Ironie und Fatalismus sagen Zittauer manchmal, ihre Stadt beginne eben mit „Z“ und danach komme nichts. Dabei ist Zittau schon lange nicht mehr das Ende der Welt. Spätestens seit der EU-Erweiterung vor vier Jahren liegt die einst reiche Handels- und Industriestadt wieder mitten in Europa. War Zittau wie andere historische Städte in DDR-Zeiten dem Verfall preisgegeben, ist es heute in seinem Zentrum bis auf wenige Straßenzüge vorbildlich saniert. Aber gerade eine dieser heruntergekommen Ecken, die so genannte Uhreninsel, fasziniert die Filmleute. Kaum eine andere Stadt sehe so „österreichisch“ aus, meint Zahl.

Tatsächlich spielten die Österreicher Zittau im Siebenjährigenkrieg erst einmal übel mit. Jahrzehnte zog sich danach der Wiederaufbau hin. Fast alle Gebäude im Zittauer Zentrum stammen deshalb aus der Zeit des 18. und 19. Jahrhunderts. „Wo sie nicht saniert sind, erzählen sie die Geschichte vom Rand-Wien der damaligen Zeit“, sagt Zahl.

Und Regisseur Urs Odermatt schwärmt von einer kleinen „außerhabsburgischen Ecke“. Deshalb trifft dieser Tage der von Nachwuchsstar Tom Schilling gespielte junge Hitler im Männerwohnheim des Zittauer Wien-Nachbaus auf den jüdischen Buchhändler Schlomo Herzl (Götz George), der ihn vor dem Untergang in der Großstadt retten will und im am Ende sogar rät, in die Politik zu gehen.

Kulisse für den „Vorleser“

Insgesamt 33 Drehtage sind bis zum 18. Juni im deutsch-tschechisch-polnischen Dreiländereck geplant. Derzeit suchen die „Location Scouts“ noch Hände ringend nach einer Eisenbahnbrücke für die Szene eines Selbstmordversuchs von Hitler. Das Zittauer Viadukt über die Neiße wäre zwar ideal für den Dreh. Doch müsste dann die grenzüberschreitende Bahnverbindung für eineinhalb Tage unterbrochen werden. Ein anderer, schon sicher geglaubter Drehort musste wieder aufgegeben werden. Eigentlich war das Theater im tschechischen Liberec (Reichenberg) als Wiener Oper geplant. „Hier sind uns ein Stadtfest und der viele Verkehr dazwischen gekommen“, sagt Zahl. Kurzfristig kann die Crew nun in den polnischen Teil von Görlitz ausweichen, wo der Kulturpalast eine gute Kulisse abgeben wird.

Das nur knapp 40 Kilometer von Zittau entfernte Görlitz war schon in den vergangenen Jahren mehrfach Drehort für zum Teil aufwendige internationale Produktionen. 2003 wurden Teile der Stadt zu einem Pariser Quartier, als Szenen für den Kinofilm „In 80 Tagen um die Welt“ mit Jackie Chan entstanden. Vor wenigen Wochen erst haben sich neun Drehtage lange Teile der Stadt an der Neiße für den Film „Der Vorleser“ nach einem Roman von Bernhard Schlink in das Heidelberg der fünfziger Jahre mit Straßenbahn, Kopfsteinpflaster und grauen Hinterhöfen verwandelt. In der Geschichte beginnt der 15 Jahre alte Michael eine Affäre mit der 21 Jahre älteren Straßenbahnschaffnerin Hanna (Kate Winslet).

Die Patina des Verfalls begeistert

Schon sehen manche Görlitz auf dem Weg zu einer Filmstadt. Die kommunale Wirtschaftsförderung arbeitet an einer Werbekampagne, die Görlitzer sind ein wenig stolz darauf, dass mittlerweile sogar Paparazzi den Weg an die deutsche-polnische Grenze finden und Leute wie Kate Winslet auf Schritt und Tritt verfolgen.

Nicht nur Görlitz zieht Filmteams an. Derzeit entstehen Sequenzen für den Film „The last Station“ mit Helen Mirren in Sachsen-Anhalt. In dem Streifen geht es um die letzten Lebensmonate des russischen Dichters Leo Tolstoi – er starb auf einem Bahnhof. Im brandenburgischen Wittenberge werden häufig Geschichten gedreht, die in der DDR spielen. „Location Scouts“ sind regelmäßig begeistert von der Patina des Verfalls. Komparsen stehen geduldig und zu unschlagbar niedrigen Tagespauschalen zur Verfügung.

Schon im Postproduktionsprozess befindet sich der Streifen „The Countess“ (Die Gräfin), in dem Julie Delpy eine slowakische Gräfin spielt, die im Blut von Jungfrauen gebadet haben soll, um ewige Jugend zu erlangen. Von der „location“ Mitteldeutschland zeigte sich Delpy beeindruckt, als sie Anfang des Jahres im Meißener Dom und vor der Albrechtsburg sowie auf Burg Kriebstein im Zschopautal drehte.

Original statt nachgebaut

Produzenten, Regisseure und Schauspieler loben, dass es in Ostdeutschland noch viel Unverbrauchtes und Authentisches gibt, das nicht wie mancher Ort im Westen „totgedreht“ ist. Zunehmend lockt das auch internationale Produktionen in den Osten. Während vor allem in Amerika alles aufwendig nachgebaut werden muss, gibt es in Mitteldeutschland historische Burgen und Bauten als Originalkulisse. Was die Filmleute sonst noch brauchen, lässt sich leicht beschaffen. „Für unser Wiener Männerheim war altes Holz nötig – für die Zittauer Handwerker kein Problem. Wir profitieren von der ostdeutschen Findigkeit“ berichtet Frank Zahl.

Das Team von „Der Vorleser“ war auf der Suche nach der richtigen Straßenbahn in der Sächsischen Schweiz fündig. Die Babelsberger Produktionsfirma lieh sich Triebwagen Nummer fünf und Beiwagen Nummer 12 von der historischen Krinitzschtalbahn in Bad Schandau aus, ließ den Zug in Beige neu lackieren, mit zeitgenössischen Werbeaufklebern versehen, mit einer großen Portion Schmutz übergießen und im Inneren auf alt trimmen. Zwar ist der Zug längst wieder auf einem Tieflader in die Sächsische Schweiz zurückgekehrt, sein „Filmkostüm“ wird er aber die ganze Saison 2008 über behalten, denn Ende Juni soll Kate Winslet auch in die Sächsische Schweiz kommen, damit dort Sequenzen mit der „Heidelberger Straßenbahn“ gedreht werden können.

Der Charme des Unsanierten

Lange Zeit gab es die Hoffnung, Mitteldeutschland könne – mit dem Zentrum Leipzig – zu einer neuen Filmregion werden. Doch vor allem die Produktionsszene mit den Zentren München, Hamburg, Köln und zunehmend Berlin braucht kaum zusätzlichen Kapazitäten. Konsequent setzt deshalb die Mitteldeutsche Medienförderung (MDM) auf die Vermarktung der Drehorte, und dabei erweist sich die Nähe zu Berlin nun als großer Vorteil. Regelmäßig bietet die von den Ländern Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen sowie dem Mitteldeutschen Rundfunk und dem ZDF gebildete Gesellschaft so genannte Location-Touren für Regisseure und Produzenten an. Auf der Internetseite der MDM finden sich Städteporträts und ausführliche Hinweise für Drehgenehmigungen. Zudem fördert die MDM Filmprojekte – die Hitler-Farce „Mein Kampf“ etwa wird mit 350.000 Euro unterstützt.

Auch Fortbildungsveranstaltungen für Bürgermeister hat die MDM im Programm. Produktionsleiter und Szenenbildner zeigen den Kommunalpolitikern, wie sie Filmleute am besten unterstützen können. Der Zittauer Oberbürgermeister Arnd Voigt weiß auch ohne Nachhilfe, worauf es ankommt. So versucht er, die Sache mit dem Bahnviadukt für den Selbstmordversuch Hitlers zu regeln. Sogar an Bahnchef Hartmut Mehdorn hat sich Voigt schon gewandt. „Das Filmprojekt ist eine Riesenchance für Zittau, auf sich aufmerksam zu machen.“ Schon ein wenig ironisch sei freilich die Wendung, dass sich der Charme der unsanierten Uhreninsel als Chance für die Stadt erwiesen habe. So gut gefällt dem Oberbürgermeister die morbide Szenerie, dass er die Wiener Männerheim-Kulisse noch über den Sommer als Touristenattraktion stehen lassen will.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Foto ddp, REUTERS

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