Bröckelnde Infrastruktur

Auf den Straßen von New York lauern viele Gefahren

Von Roland Lindner, New York

03. August 2007 Auch Baustellen können zu Magneten für Schaulustige werden. Jedenfalls gilt das in New York, wo Kate Ascher oft die gleiche Szene beobachtet: „Wenn irgendwo in New York eine Straße für Bauarbeiten aufgerissen wird, sieht man meistens einen ganzen Pulk von Leuten, die neugierig in die Tiefe blicken“, erzählt sie. Die Passanten sind fasziniert von dem gewaltigen Wirrwarr an unterirdischen Kabeln und Rohren: Dicht gedrängt, nebeneinander und übereinander liegend, verlaufen hier die Lebensadern für die verschiedenen Teile der Infrastruktur in New York – von Stromkabeln über Telefonleitungen bis zu Wasserrohren. Ein gewaltiges System: So liegen unter den Straßen allein 150.000 Kilometer Stromkabel begraben. Auch das Netz an Gas- und Wasserleitungen erstreckt sich über etliche Tausend Kilometer.

Ascher, die bis vor kurzem für das Wirtschaftsförderungsamt der Stadt gearbeitet hat, ist mit dem System gut vertraut: Vor zwei Jahren hat sie die Infrastruktur der Stadt in dem Buch „The Works: Anatomy of a City“ beschrieben. Entsprechend ist es für sie wenig überraschend, wenn in diesem riesigen Netz etwas schief geht und es zu Störfällen kommt – so wie vor zwei Wochen mit der Dampfexplosion mitten in der Stadt in der Nähe des Bahnhofs Grand Central. „Mit solchen Dingen muss man rechnen“, sagt sie.

New Yorks Infrastruktur: sehr groß und sehr alt

Das Unglück hat die Verwundbarkeit der Infrastruktur unterstrichen. Diesmal war das rund 170 Kilometer lange Netz an Dampfleitungen betroffen und damit ein Teil der Infrastruktur, von dem viele New Yorker wohl gar nicht wussten, dass er existiert. Der Dampf versorgt eine Reihe von großen Gebäuden der Stadt wie das Rockefeller Center und wird vor allem zum Betrieb von Heizungen und Klimaanlagen genutzt. Eine dieser unterirdischen und stark unter Druck stehenden Dampfleitungen zerbarst und riss einen Krater in die Straße. Eine gewaltige Fontäne aus Dampf, Schlamm und Schutt stieg in den Himmel und sorgte für spektakuläre Bilder. Mehrere Dutzend Menschen wurden verletzt, eine Frau starb am Unglücksort an einem Herzanfall. Der Betreiber des Dampfnetzes, der Energieversorger Con Edison, sieht sich nun Fragen nach Mängeln im System gegenüber. Am kommenden Dienstag sollen Vertreter von Con Edison dem New Yorker Stadtrat in einer Anhörung Rede und Antwort stehen.

Die Infrastruktur in New York ist nicht nur sehr groß, sondern auch sehr alt – und das macht sie besonders anfällig für Störungen. Das Dampfsystem zum Beispiel geht auf das Jahr 1882 zurück. Das Stromnetz liegt ebenfalls seit dem späten neunzehnten Jahrhundert unter der Erde. Die U-Bahn wurde vor mehr als hundert Jahren in Betrieb genommen. „Jüngere amerikanische Städte wie Las Vegas sind da im Vorteil und haben modernere Systeme“, sagt Patrick Natale, Executive Director des Bauingenieursverbands American Society of Civil Engineers. Zusätzlich erschwert werden die Bedingungen in New York durch die knappe Fläche. Das gilt vor allem für die Insel Manhattan, dem zentralen Stadtteil. „Das führt dazu, dass die unterirdischen Systeme furchtbar verworren sind und verschiedene Teil der Infrastruktur auf engstem Raum nebeneinander verlaufen“, sagt Rae Zimmerman, Professorin mit einem Schwerpunkt auf Infrastruktur an der New York University.

Kanaldeckel, die unter Strom stehen

Für Negativ-Schlagzeilen sorgt die Infrastruktur regelmäßig mit Stromausfällen. Im Juli 2006, als New York von einer Hitzewelle heimgesucht wurde, hatten mehr als 100.000 Menschen im Stadtteil Queens bis zu zehn Tage keinen Strom. Im August 2003 kam es zum totalen Blackout in der Stadt und weiten Regionen im Nordosten der Vereinigten Staaten.

Die Dampfexplosion hat den New Yorkern nun wieder einmal vor Augen geführt, welche Gefahren auf offener Straße lauern können. In Einzelfällen hat das Versagen der Infrastruktur hier schon zu wahren Horrorgeschichten geführt: Etwa wenn Kanaldeckel oder Abdeckplatten für Versorgungsschächte irrtümlich unter Strom stehen. Im Jahr 2004 erlitt eine Frau im Manhattaner Viertel East Village einen tödlichen Stromschlag, als sie auf eine solche Platte trat. Im Februar dieses Jahres starb ein Hund an einem Stromschlag, nachdem er über einen Kanaldeckel gelaufen war. Kanaldeckel sind auch schon in anderer Form zur Unfallquelle geworden: Immer wieder kommt es vor, dass sich Kanaldeckel aus dem Boden lösen, wenn es einen unterirdischen Brand gibt. Manchmal fliegen sie dabei meterweit in die Luft.

Keine ausreichenden Inspektionen

Kate Ascher meint dennoch, dass New York im Vergleich mit anderen älteren amerikanischen Städten gut dasteht. In der Tat ist zum Beispiel die Zahl von Dampfexplosionen in den vergangenen Jahren zurückgegangen, auch die „fliegenden Kanaldeckel“ gibt es nicht mehr so oft wie früher. Für Anil Agrawal, Bauingenieursprofessor am City College, ist das kein Grund zur Beruhigung. Vielmehr wird nach seinen Worten das Risiko für Störfälle immer größer, je älter die Infrastruktur wird – zumal New York nach seiner Ansicht nicht genug zur Früherkennung von Schwachstellen unternimmt.

„Der Schwerpunkt liegt zu sehr auf Wartung und Reparatur und nicht genug auf Inspektion“, sagt er. Das Dampfsystem sei ein Beispiel: Risse oder andere Defekte an den Leitungen seien ohne moderne Technologien wie Roboter nur schwer zu erkennen, aber solche fortgeschrittenen Verfahren würden in New York bislang im Gegensatz zu anderen Ländern der Welt nicht eingesetzt. „Wenn aber nicht mehr zur Vorbeugung getan wird, wird das Leben in New York von Tag zu Tag gefährlicher“, warnt Agrawal.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP

 

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