Gesellschaft

Einsam bis in den Tod

Von Peter-Philipp Schmitt

Noch die Regel: ein fester Trauerort für Hinterbliebene

Noch die Regel: ein fester Trauerort für Hinterbliebene

08. Mai 2004 Zum Trauern ist wieder keiner gekommen. Einsam steht Frater Rafael auf der grünen Wiesen vor drei hölzernen Transportkisten. Auf den Deckeln steht "ZB": Zwangsbeisetzung. Im Hintergrund warten schon vier Friedhofsangestellte, neben sich zwei Schaufeln und einen mächtigen Erdbohrer, der später ganz leicht 80 Zentimeter tief in den noch feuchten Boden eindringen wird. Frater Rafael singt ein "Vater unser", spricht ein "Gegrüßet seist Du, Maria". Dann nähert er sich den Kisten, verneigt sich vor dem Inhalt und bekreuzigt jede einzelne Urne.

Zehn Tote in sieben Tagen - keine ungewöhnliche Zahl. "Im Moment stagniert es Gottseidank etwas", hatte Pastor Jürgen Probst am Tag zuvor nach der Aussegnung gesagt. Es gab aber auch schon Wochen, in denen die beiden Geistlichen bis zu 25 Urnen auf dem Hamburger Friedhof Öjendorf unter die Erde gebracht haben. Im Frühling und vor allem im beginnenden Sommer steigt offenbar auch der Lebensmut von Menschen, die vermeintlich oder tatsächlich keine Angehörigen mehr haben.

„Ein Großstadtphänomen“

Frater Rafael geht vorsichtig über den Rasen, als ob er noch wüßte, wo in den vergangenen Monaten und Jahren die Löcher gebohrt und die Urnen versenkt wurden. An den meisten Stellen ist schon Gras über die Toten gewachsen, über eine der Wiesen fährt ein großer Rasentraktor. Wer aber wo seine letzte Ruhe gefunden hat, weiß zumindest die Friedhofsverwaltung genau. So erklärt sich die Schale mit Stiefmütterchen, und - einige Meter weiter - das Holzkreuz, das einsam aus der ansonsten vollkommen ebenen und grünen Fläche herausragt. "Die Wiese, die wir seit vergangenem Sommer mit Urnen bestücken, ist fast schon wieder voll", sagt Frater Rafael. Nach und nach verschwinden auch an diesem frühen Morgen die bräunlich gefärbten Urnen mit ihren silbernen Deckeln im Erdreich, rutschen sanft von der Schaufel hinab in die zuvor gebohrten Löcher.

Namen haben die Toten fast immer. Pastor Jürgen Probst, der sich mit Frater Rafael bei den wöchentlich stattfindenen Beerdigungen abwechselt, hatte sie bei der Aussegnung im Feierraum Nord des Friedhofs verlesen lassen. Die Namen deuten auf das Alter der Verstorbenen hin: "Gerda, Josef, Anton." Obdachlos oder drogenabhängig sind die wenigsten von ihnen gewesen. Pflegebedürftig und dement waren einige von ihnen. Das einzige, was sie alle verbindet: Es findet sich niemand, der für ihre Beisetzungen zahlen kann oder will. "Es ist ein Großstadtphänomen", sagt Pastor Probst. "Immer mehr Menschen leben und sterben alleine - auf der Straße oder in den eigenen vier Wänden." Und immer öfter weigern sich die nächsten Angehörigen, für die Beerdigung der Mutter, des Bruders oder der Tochter zu zahlen. Weil der Kontakt seit Jahren abgerissen war, der Sohn Aids oder die Tochter einfach nur den falschen Mann geheiratet hatte. Pastor Probst meint: "Auf dem Land gibt es das nicht. Da würde man ja sofort sein Gesicht verlieren."

"Bestattungspflichtige" Angehörige

Eine Beerdigung ist teuer: Im Schnitt zahlt ein Deutscher 5000 Euro. Noch in den achtziger Jahren erhielten Angehörige, die für die Bestattung aufkamen, mehr als 4000 Mark von der Versicherung des Verstorbenen. In den neunziger Jahren wurde das sogenannte Sterbegeld der gesetzlichen Krankenkassen mehrfach reduziert. Bis zum vergangenen Jahr waren es dann noch rund 500 Euro. Am 1. Januar 2004 wurde der Zuschuß endgültig gestrichen. Zugleich stieg die Zahl der Toten, die von den Kommunen bestattet werden müssen, deutlich an: In Hamburg waren es 1998 rund 380, im vergangenen Jahr waren es schon mehr als 800. Und in den ersten vier Monaten dieses Jahres wurden bereits 265 Tote ohne Angehörige auf dem dafür zuständigen Friedhof Öjendorf beigesetzt; allerdings läßt sich die Zahl nicht einfach mit drei multiplizieren, da in den Wintermonaten mehr Menschen sterben als im Sommer. In Berlin ist die Tendenz nicht anders: Zwar liegen für die Hauptstadt insgesamt keine Zahlen vor, weil die Bezirke für "alleinstehend Verstorbene" zuständig sind. Als Beispiel aber nennt die Berliner Gesundheitsverwaltung den Bezirk Lichtenberg: 2002 gab es dort 68, 2003 bereits 136 Bestattungen, die die Bezirksämter zahlen mußten.

Dabei sind Angehörige ersten und zweiten Grades (Ehegatten, Kinder, Eltern, Geschwister, Großeltern oder Enkel) in Deutschland eigentlich "bestattungspflichtig", wie es im Bestattungsgesetz heißt. Verstorbene dürfen allerdings nicht unbegrenzt gelagert werden. Findet sich nach einigen Tagen oder Wochen kein naher Verwandter, sind die Städte verpflichtet, für eine Bestattung zu sorgen und dafür zu zahlen. Allerdings wird auch danach noch nach einem möglichen Kostenträger gesucht - mit zumeist wenig Erfolg. Auch Umbettungen, wegen der Achtung der Totenruhe ohnehin nur in Ausnahmefällen zulässig, sind die Ausnahme.

Christliche Bestattung

Manchmal kommen zu den Beisetzungen auf dem Friedhof Öjendorf Hinterbliebene. "Das ist dann meist sehr bewegend", sagt Pastor Jürgen Probst. Vor zwei Wochen seien plötzlich sechs Tippelbrüder aufgetaucht, um ihrem Kumpel die letzte Ehre zu erweisen. "Zum Abschied haben sie eine Flasche Korn über seiner Urne ausgegossen." Das sei aber kein typischer Fall gewesen, versichert Pastor Probst, sondern eher der Tote, der längere Zeit unbemerkt in seiner Wohnung gelegen habe und zu dessen Begräbnisse dann niemand komme. Pastor Probst ist Heimseelsorger, eingesetzt vom Evangelisch-Lutherischen Kirchenkreis Stormarn. Täglich hat er mit alten und schwerkranken Menschen zu tun, die vor allem unter Demenz leiden. "Ihre Zahl wächst jährlich um 200.000." Gerade sie gehören seiner Meinung nach zu den Menschen, die irgendwann einmal einsam und "alleinstehend" sterben.

Seit vier Jahren organisiert Pastor Jürgen Probst, Jahrgang 1949, ehrenamtlich die Beisetzungen auf dem Friedhof Öjendorf. "Das habe ich Renate zu verdanken", erzählt er. "Sie nahm regelmäßig an meinen Gottesdiensten teil. Eines Tages kam sie nicht, und niemand konnte mir sagen, was aus ihr geworden ist - nicht einmal ihr Lebensgefährte." Er könne sich ja mal bei der Gerichtsmedizin erkundigen, habe man ihm geraten. Erst nach einigen Tagen fand er Renate auf dem Friedhof Öjendorf wieder, in aller Stille und im Auftrag der Behörde für Soziales und Familie beigesetzt. Angehörige konnten nicht gefunden werden, die Kosten übernahm, wie in solchen Fällen üblich, die Stadt.

Seither sorgt der Geistliche für eine christliche Bestattung von Toten, die wie Renate einsam gestorben sind. Im November 2002 wurde auf seine Initiative hin die Skulptur "Die Beweinung" von der Hamburger Künstlerin Ricarda Wyrwol aufgestellt. Bei dieser Veranstaltung lernte Pastor Probst den ehemaligen Benediktiner Frater Rafael kennen. Der Zweiundvierzigjährige, der seit 1991 verheiratet und Vater von zwei Töchtern ist, bietet christliche Beerdigungen für Menschen an, die keiner Kirche angehören. Seither wechseln sich die beiden Geistlichen bei den Aussegnungen und den sich anschließenden Urnenbeisetzungen ab.

Preiswerte Feuerbestattung

In Hamburg werden Tote ohne Angehörige grundsätzlich verbrannt. Der Friedhof Öjendorf, mit 93 Hektar einer von zwei großen Zentralfriedhöfen, hat ein eigenes Krematorium - das größte in Deutschland. Feuerbestattungen sind vor allem im Norden und Osten der Republik die Regel. Sie werden aber insgesamt immer beliebter (in Hamburg stieg ihre Zahl 2003 um vier Prozent), weil sie wesentlich preiswerter sind als Erdbestattungen. Eine Einäscherung auf dem Friedhof Öjendorf kostet 281 Euro. Für die schlichte Beisetzung eines Toten ohne Angehörige werden der Behörde für Soziales und Familie 1650 Euro in Rechnung gestellt. Darin ist alles enthalten: die Überführung und Kühlung des Leichnams, die Einäscherung in einem Sarg, die Urne, der ein Schamottstein mit Angaben zum Toten beigefügt wird, die Beisetzung sowie eine fünfundzwanzigjährige Mindestruhezeit mit Grabpflege.

Auch in München werden die Toten ohne Angehörige (2003 waren es 865, Tendenz steigend) feuerbestattet. Henrik Jörgens vom Referat für Gesundheit und Umwelt begründet die Urnenbeisetzung mit einer leichteren Umbettung der Toten. Die allerdings sei in der Landeshauptstadt ebenfalls selten. Die einfachste Ausführung einer Feuerbestattung kostet 2000 Euro. Die Urnen werden auf den Stadtteilfriedhöfen meist in einer sogenannten Sammelgitternische beigesetzt, die sich in einer dafür vorgesehenen Mauer befindet. In Dresden, wie überhaupt in den Städten der neuen Bundesländer, werden mehr als 90 Prozent der Verstorbenen kremiert - auch die etwa 240 "Sterbefälle ohne Hinterbliebene", wie sie vom Ordnungsamt offiziell geführt werden. Allerdings ist diese Bezeichnung mißverständlich: Denn die Verstorbenen haben häufig sehr wohl Hinterbliebene, die aber nicht in Erscheinung treten. Und weil Sachsen als einziges Bundesland kein Erbenermittlungsgesetz hat, fällt es den Angehörigen leicht, ihrer Pflicht nicht nachzukommen.

"Leichentourismus" gen Osten

Viele Dresdner lassen sich auf einem ihrer 56 Friedhöfe in einer Urnengemeinschaftsanlage unter grünem Rasen beisetzen. Dabei werden acht Urnen zusammen bestattet - im Abstand von etwa 50 Zentimetern. "Wir stellen regelmäßig ein oder zwei Urnen von alleinstehend Verstorbenen dazu", berichtet Peter Hofmann, Betriebsleiter des städtischen Friedhofs- und Bestattungswesens. "Sie nehmen an einer Feier teil, es gibt Musik und eine Trauergemeinde. Sie werden also genauso wie die meisten anderen Bürger bestattet." Die Einäscherung im kommunalen Krematorium kostet 165 Euro, der Stadt werden 1300 Euro in Rechnung gestellt.

Die preiswerteren Bestattungsmöglichkeiten im Osten der Republik haben in manchen westdeutschen Kommunen dazu geführt, daß Stadtverwaltungen auf die Idee kamen, Tote ohne Angehörige auf Reisen zu schicken. In Offenbach war es eine Zeitlang üblich, Leichname in Thüringen einäschern und bestatten zu lassen. Mit dem Amtsantritt der neuen Sozialdezernentin Birgit Simon wurde diesem "Leichentourismus" vor acht Monaten ein Ende gesetzt. "Wir wollen niemanden als Menschen und auch nicht als Toten zweiter Klasse behandeln", sagt die Grünen-Politikerin. Sie bestätigt, daß selbst in einer kleinen Großstadt wie Offenbach (mit knapp 120.000 Einwohnern) die Zahl der Toten ohne Angehörige langsam, aber stetig wächst: Rund 50 waren es im vergangenen Jahr.

Kein fester Trauerort

Nur in wenigen deutschen Großstädten werden die einsam Verstorbenen nicht kremiert, sondern in Särgen erdbestattet: unter anderem in Frankfurt (etwa 100 im Jahr 2003) und in Nürnberg (rund 150). Dafür sind Reihengräber vorgesehen, die in Frankfurt sogar mit einem Holzkreuz (einem sogenannten Notkreuz) ausgestattet werden. In Nürnberg werden kleine Namenssteine auf die mit Rasen oder Blumen bepflanzten Gräber gelegt. Der Platzverbrauch ist groß: 2,60 mal 1,30 Meter stehen jedem Toten zu.

Soviele Quadratmeter muß der Friedhof Öjendorf in Hamburg den Toten ohne Angehörige nicht einräumen. Aber sie werden auch nicht benachteiligt. Im Gegenteil: Nur einige hundert Meter weiter werden anonyme Urnenbeisetzungen vorgenommen, für die sich Menschen entscheiden können, die ihren Hinterbliebenen keinen festen Trauerort hinterlassen wollen. Und weil das so ist, werden sie im Abstand von nur 30 Zentimetern beigesetzt. Doppelt soviel Platz und für Urnenbeisetzungen eine durchaus übliche Fläche (60 mal 80 Zentimeter) wird den Toten ohne Angehörige zugestanden - für den so gut wie unwahrscheinlichen Fall, daß sich doch noch jemand findet, der das Grab irgendwann einmal bepflanzen und regelmäßig besuchen möchte.

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.05.2004, Nr. 107 / Seite 7
Bildmaterial: ZB

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