Wissenschaft

Ente der Reise

Von Horst Rademacher, San Francisco

Im Dienste der Wissenschaft

Im Dienste der Wissenschaft

18. Juli 2003 Die meisten Badeurlauber gehen auf Strandspaziergängen achtlos daran vorbei: Treibholz, zerbrochene Plastikflaschen, zerfetzte Taue, verblichenes Kinderspielzeug und hier und da ein Auftriebskörper, der von einem Fischernetz abgerissen wurde. Für den Pensionär Curtis Ebbesmeyer sind diese Gegenstände aber alles andere als wertloses Strandgut. Der ehemalige Meeresforscher versteht es nämlich, diesen Funden die Geheimnisse der Strömungen in den Ozeanen zu entlocken. Anhand von Plastikenten, mit denen Kinder gewöhnlich in der Badewanne spielen, konnte er jetzt den Fluß des Meerwassers aus dem Pazifik quer durch das nördliche Eismeer bis in den Atlantik nachweisen.

Das Interesse an Strandgut wurde in Ebbesmeyer vor dreizehn Jahren geweckt. Damals war er in Seattle als Angestellter der amerikanischen Meeresbehörde NOAA in der Forschung tätig. Einer seiner Kollegen, Richard Strickland vom Meeresforschungsinstitut der Universität des Bundesstaates Washington, hatte im Juni 1990 bei einer Kajaktour vor der Küste von Vancouver Island in Kanada eine Flaschenpost aus China gefunden. Vorsichtig öffneten die beiden die verkorkte Flasche in ihrem Labor. Sie enthielt ein Flugblatt, in dem gegen die Festnahme des chinesischen Dissidenten Wei Jingsheng protestiert wurde. Wei war im Oktober 1979 festgenommen worden. Welchen Weg, so fragten sich die beiden Meeresforscher, mag die Flaschenpost wohl in den elf Jahren zurückgelegt haben, seitdem sie irgendwo vor China ins Meer geworfen wurde?

30.000 Paar Turnschuhe

Wenige Tage bevor Strickland die Flaschenpost bergen konnte, tobte im Nordpazifik ein schwerer Sturm. Das Containerschiff "Hansa Carrier", das von Korea an die amerikanische Westküste unterwegs war, konnte dem Orkan nicht mehr ausweichen. In Korea hatte das Schiff unter anderem mehrere Container an Bord genommen, die mit Turnschuhen beladen waren. Der Orkan etwa 700 Kilometer südlich der Aleuten-Inseln war so stark, daß sich 21 Container, jeweils 20 Meter lang, aus ihren Verankerungen an Deck losrissen und von Bord gespült wurden. Die Türen einiger dieser Container sprangen beim Aufschlag auf die Meeresoberfläche auf. Etwa 30.000 Paar Turnschuhe begannen auf dem aufgewühlten Wasser fortzuschwimmen.

Als Ebbesmeyer von der Havarie hörte, witterte er eine Chance, das Geheimnis der Flaschenpost aus China zu ergründen. Die Schuhe, so sagte sich der Meeresforscher, müssen ja irgendwann von der nordpazifischen Meeresströmung an Land geschwemmt werden. Tatsächlich tauchten im darauffolgenden Winter mehr als 2000 Turnschuhe an den Stränden von Britisch-Kolumbien, Washington, Oregon und im Norden Kaliforniens auf. Sogar in Hawaii wurden einige der Turnschuhe gesichtet. Trotz der langen Reise durch salziges Wasser waren die meisten Schuhe noch intakt - gelegentlich fanden Strandläufer sogar ein zusammenpassendes Paar. Die Wissenschaftler aus Seattle notierten akribisch nicht nur alle Fundstellen, sondern auch die Zeiten, zu denen die Turnschuhe von Strandläufern entdeckt wurden. Mit Hilfe dieser Listen und einem numerischen Modell konnten sie anschließend den Weg der Turnschuhe zur Havariestelle zurückverfolgen. Dabei entstand gleichzeitig ein genaues Bild der Meeresströmungen im Nordpazifik zwischen den Aleuten und der nordamerikanischen Westküste.

29.000 Spielzeugenten

Eine Gelegenheit, das Simulationsprogramm zu überprüfen, ergab sich am 10. Januar 1992. Wieder tobte ein schwerer Sturm südlich der Aleuten. Entlang des 45. Breitengrades, etwa auf Höhe der internationalen Datumsgrenze, geriet ein Containerschiff, das zwischen Hongkong und der Hafenstadt Tacoma bei Seattle unterwegs war, in dieses Unwetter. Wind und Wellen ließen das Schiff um bis zu 40 Grad um die Längsachse rollen. Wie im Falle der Hansa Carrier rissen dabei Container aus ihren Verankerungen und gingen über Bord. Einer dieser Container war mit 29.000 Spielzeugenten aus Plastik beladen, die normalerweise mit Kindern ein Vollbad in einer Badewanne nehmen. Auch die Plastikenten begannen auf der unruhigen Meeresoberfläche des Pazifik zu schwimmen. Nach etwa neun Monaten, so sagte Ebbesmeyer voraus, sollten die ersten Enten im Süden Alaskas oder an der kanadischen Pazifikküste angeschwemmt werden. Tatsächlich fanden Strandläufer am 16. November 1992 auf der Baranof-Insel südlich der Stadt Sitka in Alaska die ersten Enten. Bis zum Sommer 1993 wurden 400 weitere Enten an mehreren Stränden in Alaska angeschwemmt. Aus der Tatsache, daß weder aus Kanada noch aus dem Nordwesten der Vereinigten Staaten Funde gemeldet wurden, schlossen die Ozeanographen, daß ein großer Teil der Enten von der Havariestelle nach Norden in Richtung Beringstraße gedriftet war. Im Januar 1994, zwei Jahre nach dem Sturm, fanden Eskimos tatsächlich die ersten Plastikenten im Meereis nördlich der Beringstraße.

Was anschließend mit den Enten geschah, blieb einige Jahre lang im dunkeln. Falls sie weiter nordwärts durch das Nordpolarmeer drifteten, so sagte Ebbesmeyer voraus, könnten sie in sechs bis acht Jahren den Atlantischen Ozean erreichen - falls das Plastik überhaupt die jahrelange Drift im Eis überstünde. Und wieder sollte der Ruheständler recht behalten, denn im Jahre 2000 fanden sich einige der Plastikenten aus Hongkong an den Stränden der Nordküste Islands. Von dort trugen die Meeresströmungen die Plastiktierchen weiter westwärts. In diesem Sommer, mehr als elf Jahre nach der Havarie, hofft Ebbesmeyer, daß einige Hundert von ihnen an den Stränden Neuenglands ankommen. Erstaunlich ist dabei, daß die Enten nicht nur die stürmische See im Nordpazifik, sondern auch die jahrelange Drift im Eismeer unbeschadet überstanden haben. Einen besseren Test auf Haltbarkeit können sich die Hersteller der Plastiktierchen kaum wünschen. Und ohne es auszusprechen, hofft Ebbesmeyer insgeheim auf den nächsten schweren Sturm, bei dem wieder Container mit Massengütern über Bord gehen, die schwimmen können. Im Dienste der Wissenschaft kann er solchen Zwischenfällen sogar noch etwas Gutes abgewinnen.

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.07.2003, Nr. 164 / Seite 7
Bildmaterial: AP, F.A.Z.

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