Königshaus

Die Königin von nebenan

Von Michael Stabenow, Brüssel

21. März 2004 Still war es um sie in den vergangenen Jahren geworden. Eine Stunde vor Frühlingsbeginn, kurz vor 6 Uhr am Samstag morgen und wenige Wochen vor Vollendung ihres 95. Lebensjahres, ist Prinzessin Juliana an den Folgen einer Lungenentzündung in Schloß Soestdijk bei Utrecht gestorben.

Seither gehen die Bilder, Würdigungen und Erzählungen über eine Monarchin um die Welt. "Wenn für eine Fürstin die Beschreibung ,Mutter des Vaterlands' zutreffend gewesen sein sollte, dann gilt dies wohl für die verstorbene Prinzessin", schrieb "De Telegraaf", die größte Zeitung des Landes, in ihrer erstmals erschienenen Sonntagsausgabe. In einer Sondernummer der Amsterdamer Zeitung "De Volkskrant" hieß es: "Juliana war die Mutter, später die Großmutter des niederländischen Volkes."

"Ich komme der Menschen, nicht der Direktoren wegen."

32 Jahre lang, von der Thronbesteigung im Jahr 1948 bis zur Abdankung zugunsten ihrer Tochter Beatrix im Jahr 1980, war die seit 1937 mit dem aus Deutschland stammenden und inzwischen 92 Jahre alten Prinzen Bernhard zur Lippe-Biesterfeld verheiratete Monarchin Staatoberhaupt der Niederlande. Einvernehmen herrscht darüber, daß sie nicht nur die Geschicke ihres Heimatlandes nachhaltig geprägt hat. Sie hat auch zu einem zeitgemäßen Verständnis der Rolle von Monarchien beigetragen, das nach und nach auch die anderen europäischen Königshäuser erfaßt hat.

Ministerpräsident Jan Peter Balkenende traf in einer Ansprache das allgemeine Empfinden der niederländischen Öffentlichkeit mit einem Satz, den die Königin gelegentlich bei Reisen durch das Land zu sagen pflegte: "Ich komme der Menschen, nicht der Direktoren wegen." Den Hofknicks ließ sie ebenso verbannen wie die Anrede "Majestät". Sie zog es vor, sich "Mevrouw" nennen zu lassen. Sie zeigte sich ebensogerne auf dem "fiets" (Fahrrad) oder beim Verzehr von belegten "broodjes", wie die landestypischen niederländischen Brötchen heißen.

Bilder eines abwechslungsreichen Lebens

Ihre vier Töchter schickte die Königin nicht auf ausländische Edelinternate, sondern in gewöhnliche holländische Schulen. Noch wenige Monate vor ihrem Tod ließ sie sich - bereits im Rollstuhl und von der fortschreitenden Demenzerkrankung schwer gezeichnet - in einem Supermarkt blicken. Und bei öffentlichen Auftritten im Kreis der Angehörigen des zuweilen zu persönlichen Eskapaden neigenden Hauses Oranien ließ sie es sich nicht nehmen, Ehemann, Kinder und Enkel in die Arme zu nehmen und zu küssen. "Das Protokoll ist mein natürlicher Feind", soll die Monarchin einmal gesagt haben.

Immer wieder strahlten die Fernsehsender am Wochenende Bilder von den Stationen eines abwechslungsreichen Lebens aus. Aus unbeschwerten Tagen: im Kreis ihrer stetig anwachsenden Schar von Kindern und Enkeln, beim Skiurlaub in Österreich oder auf einer Halbinsel in der südlichen Toskana, wo die Familie regelmäßig ihre Sommerferien verbrachte. Aber auch aus schweren Zeiten: zum Beispiel, als sie sich Mitte der siebziger Jahre schützend vor ihren Ehemann stellte, dem Bestechung durch ein amerikanisches Luftfahrtunternehmen vorgeworfen worden war.

Unvergeßlich sind die Bilder aus den ersten Tagen des Februar 1953, als eine Flutkatastrophe weite Teile des Landes heimsuchte. In Gummistiefeln watete sie durch überschwemmte Gebiete und sprach den Menschen in der Provinz Zeeland und anderswo in den Niederlanden Mut zu. Auch der "Deltaplan", jenes Mammutprogramm zum Bau zahlreicher Schleusen und Deiche zum Schutz der meeresnah gelegenen Gebiete, ist eng mit dem Namen der Königin verbunden.

Auch dunkle Seiten im Hause Oranien

Wie in jeder gewöhnlichen Familie, von denen sich die Königin so wenig wie möglich unterscheiden wollte, gab es auch im Haus Oranien dunklere Seiten. Nach wie vor rätseln selbst Kenner des Königshauses darüber, welchen Einfluß in den fünfziger Jahren die Gebetsheilerin Greet Hofmans am Hof erlangen konnte. Auf sie war die Königin in der Hoffnung verfallen, die Augenkrankheit ihrer jüngsten Tochter Christina lindern zu können.

Daß die Ehe mit Bernhard nicht nur Höhen, sondern auch Tiefen kannte, ist dagegen inzwischen ein offenes Geheimnis. Dennoch überraschte der Prinz kürzlich mit einem Brief, in dem er bestimmten Journalisten insbesondere vorwarf, mit Berichten über uneheliche Söhne die Grenzen des Anstands überschritten zu haben.

Kindersegen am Trauerwochenende

Seit ihrem - für Königshäuser durchaus noch nicht gängigen - freiwilligen Thronverzicht zugunsten der Tochter vor fast einem Vierteljahrhundert hatte sie sich wieder offiziell als "Prinzessin Juliana" bezeichnen lassen. Das ehemalige Staatsoberhaupt zog sich mehr und mehr ins Privatleben auf Schloß Soestdijk zurück. Solange es ihr Gesundheitszustand noch zuließ, nahm Juliana zahlreiche vor allem karitative Aufgaben wahr. Im Februar 1999 teilte sie in einem Brief mit, daß sie keinerlei offizielle Einladungen mehr annehmen könne.

Am Sonntag hat sich vor Schloß Soestdijk ein regelrechtes Blumenfeld gebildet. Trauernde Niederländer haben Hunderte von Sträußen und Kränzen niedergelegt zum Gedenken. Bei aller Trauer über die verstorbene "Königin von nebenan" richten sich die Blicke auch auf ein freudiges Ereignis im Haus Oranien. In der Nacht zum Sonntag hat Prinzessin Laurentien, die Ehefrau von Prinz Constantijn, dem jüngsten Sohn von Königin Beatrix, ein 52 Zentimeter großes und rund vier Kilogramm schweres Kind namens Claus-Casimir zur Welt gebracht. Die Beisetzung seiner Urgroßmutter in der Familiengruft im zwischen Rotterdam und Den Haag gelegenen Delft ist für Dienstag kommender Woche geplant.



Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.03.2004, Nr. 69 / Seite 7
Bildmaterial: dpa/dpaweb

 

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