Von Claus Peter Müller
19. Mai 2006 Mit dem Hessentag erhält die kleine Stadt mit ihren 13.700 Einwohnern im Werra-Meißner-Kreis eine große Chance. Hessisch Lichtenau hatte wegen seiner günstigen Lage seit jeher große Chancen, doch leidet es womöglich schon seit seiner Grundlegung in den Jahren 1283 bis 1289 an einem Webfehler:
Die Impulse kamen stets von außen. Im Falle Lichtenaus war es Hessens erster Landgraf Heinrich I., der nach der Trennung seines Landes von Thüringen im Jahr 1247 Lichtenau von Beginn an als Stadt am Kreuzungspunkt zweier wichtiger Handelsstraßen anlegen ließ. Der Landesherr gab den Anstoß, und die Bewohner folgten, während andere, größere Städte in ähnlich exponierter Lage nach der Reichsfreiheit strebten oder sich später der Hanse anschlossen.
Durch Lichtenau führt bis heute von Ost nach West die Leipziger Straße auf Kassel zu, die heutige Bundesstraße 7, während von Sooden an der Werra im Norden die Sälzerstraße nach Süden, nach Nürnberg und Frankfurt führte. Der Landgraf wollte diese geopolitisch und geoökonomisch wichtige Kreuzung und zugleich den Zugang zur jungen Landeshauptstadt Kassel gesichert wissen, wie Johann Frank berichtet. Der Pensionär leitet das Lichtenauer Stadtarchiv ehrenamtlich. Dreimal in der Woche nimmt er sich Zeit dafür. Seine Initiative ist beispielhaft. Frank und seine Frau sind keine Hessen, sie sind nach dem Krieg als Vertriebene zugezogen. Er kommt aus dem Sudetenland, sie aus Schlesien.
Integration von Familien
Der Hessentag sollte in seinem Ursprung Familien wie die Franks integrieren. Heute wäre es an der Zeit, die Frage zu erörtern, wo Hessen im Vergleich der deutschen Länder ohne diese Zugezogenen stünde? Die Leineweberei, sagt Frank, soll Lichtenau vom 16. Jahrhundert an zu Wohlstand verholfen haben, aber Kriege und Brände machten die Erfolge wieder zunichte. Lichtenau lag im Braunkohlerevier. Im 19. Jahrhundert öffnete eine Zeche abseits des Ortes, und an der Leipziger Straße gab die Zigarrenfabrik den Lichtenauern Arbeit. 1879 kam die Eisenbahn. 1907 siedelte sich mit Fröhlich und Wolff eine Schwerweberei an. Mit ihr, sagt Frank, sei der Aufschwung gekommen.
Mit dem Nationalsozialismus gerieten auch in Lichtenau die Eliten in Bedrängnis. Die Schwerweberei, bis dahin in jüdischem Besitz, wurde arisiert, und im Ortsteil Hirschhagen begann 1936 der Bau einer der größten Sprengstoff-Fabriken im Deutschen Reich. Die Fabrik wurde von den Alliierten zwar nicht während des Krieges zerbombt, aber bis 1945 kam es durch den Produktionsprozeß zur Kontamination des Bodens, und nach dem Krieg sprengten die Besatzer die Anlagen. Es blieb ein bis heute gespenstisch anmutender Wald voller Gesteinstrümmer und Bunkerreste.
Nach dem Krieg fiel die Region östlich von Kassel in einen Schlaf. Es schien, als wäre mit der Kasseler Ostgrenze die Welt zu Ende. Westdeutsche und selbst die Kasseler verirrten sich kaum mehr in den Zonenrand. Die B 7 war Transitstrecke in den Comecon. Die Lastwagen, die dort rollten, waren orangefarben: VEB Deutrans: Internationale Spedition der DDR lautete ihre Aufschrift. Andere kamen aus Ungarn, zahlreiche aus der Sowjetunion. Am Hohen Meißner horchten westliche Soldaten weit in den Osten. An der B 7 am Fuß des imposanten Hochplateaus gab es den vermutlich einzigen Intershop des Westens: Ein findiger Geschäftsmann verstand es, mit diesem Markennamen die Lastwagenfahrer aus den sozialistischen Ländern zum Einkauf zu animieren.
Frau Holles Heimat
Mit dem Mauerfall lagen Hessisch Lichtenau und der Werra-Meißner-Kreis plötzlich wieder mitten in Deutschland und Europa. Doch während rundherum die Welt erwachte und sich seit der Wende die Gewerbegebiete und Neubauareale mit ungekannter Dynamik entfalteten, redeten sich die Hessen zwischen Meißner und Werra offenkundig ein, sie hätten weniger Chancen als alle anderen. Ihr Problem aber war selbstgemacht: Es lag an den Menschen selber, daß sich so wenig tat. Sie warteten, statt zu handeln. Ergebnis: Der Werra-Meißner-Kreis ist der einzige in Hessen, in dem in den kommenden Jahren ein massiver Verlust an Einwohnern zu erwarten ist. Freilich fehlt noch die A 44 von Kassel bis Eisenach, aber auf der B 7 fahren seit 1989 täglich Abertausende von Fernreisenden mit Lastwagen und Personenwagen, die es anzulocken gälte. Die alte Munitionsfabrik wäre ein ideales Gewerbegebiet. Aber erst 2008, rund 63 Jahre nach Kriegsende, soll die Sanierung endlich abgeschlossen sein.
Der Meißner ist Frau Holles Heimat. Er ist ein Natur- und Winterparadies, zumal er vom Kurhessischen Bergland umgeben ist. Er könnte ein Märchenparadies sein, aber es fehlt an zeitgemäßer Hotellerie und Gastronomie und an einer intelligenten Märcheninszenierung.
Und wie präsentierte sich Hessisch Lichtenau über all die Jahre? Die B 7, die Leipziger Straße, ist das Schaufenster der Stadt, doch an ihrer Nordseite reihen sich Tankstellen und Autohäuser, Spieloasen und Sonnenstudios, Imbißbuden und ein Sonderpostenmarkt, dazwischen Immobilienleichen. Auf der anderen Seite ist die ehemalige Werkssiedlung der Weberei vom Anfang des vorigen Jahrhunderts in bemerkenswerter Geschlossenheit erhalten, doch die Häuser sind in einem erbarmungswürdigen Zustand. Und in den Vorgärten liegt Abfall.
Verwunschenes Paradies
Im Ortsteil Fürstenhagen liegt das Mausoleum der Kasseler Fabrikanten-Brüder Lenoir an einem Teich wie in einem verwunschenen Paradies. Niemand scheint den Garten zu nutzen. Das Lenoir-Stift, drei prächtige, schloßähnliche Gebäudekomplexe, liegt unweit davon verschlossen und ungenutzt hinter einem schmiedeeisernen Zaun. Es heißt, das ehemalige Waisenhaus sei jüngst versteigert worden. Mitten in Deutschland trifft man auf ein ungekanntes Land.
Wer diese Stadt passiert, erwartet nicht, daß wenige hundert Meter entfernt ein mittelalterlicher Ortskern lockt. Die Schätze des Städtchens muß man geduldig suchen: Der Rundturm von 1450 ist verschlossen; der Junkerhof ist in Teilen abgebrannt; im Stadtbild finden sich Gastwirtschaften, die als Kulisse für einen Film über die frühen Jahre der Republik und die letzten Tage der DDR taugten; der Bäckerladen ist freitags um 17 Uhr leergekauft.
Das alles soll der Hessentag nun richten? Nein, es gehe nicht um den Hessentag alleine, sondern um den Prozeß, den dieser in Gang setze, sagt Thorsten Felstehausen im Hessentagsbüro in der alten Zigarrenfabrik. Wenn nach zehn Tagen die Festbeleuchtung abgeschaltet werde, solle es nicht ganz dunkel werden.
Elf Millionen Euro wurden investiert
Walenta Müller hat längst verinnerlicht, worum es geht. Auch sie arbeitet im Hessentagsbüro. Ihr Mann, Wolfgang Müller, ist Büroleiter des Bürgermeisters und Hessentagsbeauftragter der Stadt. In Wahrheit sind also die Müllers das eigentliche Hessentagspaar. Wenn Müller mit Charme vom Frau-Holle-Land berichtet, ahnt der Besucher die Potentiale, die im Meißner schlummern. Doch die Zahl von jährlich 35.000 Übernachtungen zeigt die Lücke zwischen Wunsch und Wirklichkeit. 50.000 wären schön, meint Müller.
Der Hessentag ist eine Chance, die Kleinstadt wachzurütteln. Als Hessisch Lichtenau 2001 zur Hessentagsstadt 2006 gekürt wurde, berichtet Felstehausen, haben sich die Bürger gefragt: Ist das nicht eine Nummer zu groß für uns? Inzwischen wurden elf Millionen Euro in die Infrastruktur investiert. Zahlreiche Häuser sind frisch gestrichen, und die Lichtenauer haben 5000 Meter Girlanden bestellt. Es wurden Kränze geflochten. So etwas, heißt es, habe es woanders, aber bisher nicht in Lichtenau gegeben. Für Müller ist der Hessentag Anlaß, mit den Eigentümern von Ferienwohnungen und Gästezimmern über Standards zu sprechen und für die Klassifizierung der Wohnungen zu werben.
Rechtzeitig zum Hessentag kam die Straßenbahn im Winter von Kassel über Kaufungen und Helsa nach Hessisch Lichtenau. Sie verbindet die Hessentagsstadt in 20 Minuten mit Kassel. Die Züge in Richtung Kassel sind vielfach schon an den ersten Stationen voll besetzt. Doch der Gleisanschluß steht beispielhaft für die Furcht der Lichtenauer vor Veränderung: Zunächst hatten die Leute Angst, die ganze Stadt entleerte sich nach Kassel. Aber es ist genau umgekehrt. Heute kommen die Kasseler zum Wandern und Einkehren nach Hessisch Lichtenau.
650.000 Besucher erwartet
Nun gibt es für Lichtenau kein Zurück mehr. Die enge Organisation der Staatskanzlei ist über uns gekommen wie ein Sommergewitter, sagt Felstehausen, und die Bürger hülfen mit. Als ehrenamtliche Helfer gesucht wurden, kamen 250 ins Bürgerhaus.
Eine Zahl von rund 650.000 Besuchern setzt Felstehausen dem 46. Hessentag von Freitag, 26. Mai, bis zum 4. Juni zum Ziel. Zu Leuchtturmveranstaltungen wie Bon Jovi reisen die Konzertbesucher aus ganz Deutschland und auch aus dem Ausland an.
Gleichwohl, sagt Felstehausen, sei der Hessentag in anderen Bundesländern schwer zu vermitteln, denn der Tag der Niedersachsen sei zum Beispiel nur ein folkloristisches Fest. Der Hessentag solle dagegen aber so bunt sein wie Hessen selbst.
Das Programm
Der Hessentag 2006 in Hessisch Lichtenau beginnt am Mittwoch abend mit Bon Jovi, aber alle 28.000 Karten sind schon ausverkauft. Ein Anruf unter 0 56 02/91 81 81 lohnt jedoch, um am Freitag, 26. Mai, um 20 Uhr die Jungen Tenöre zu hören oder um am selben Tag um 19 Uhr das Super Oldie Festival mit den Hollies, Sweet und Slade zu besuchen. Am Samstag, 27. Mai, um 19 Uhr kommt Suzi Quatro.
Das größte Konzert des Hessentags verspricht Radio FFH für den Samstag, 27. Mai, ab 18 Uhr in der Hessentagsarena mit Xavier Naidoo, Sasha, Andru Donalds und Marie Serneholt. Der Eintritt zur FFH-Hit-Tour ist frei. 30.000 Besucher werden erwartet. Die Hessentagsstadt bietet 13.000 Parkplätze und eine Straßenbahnverbindung im Viertelstundentakt nach Kassel.
Text: F.A.Z., 19.05.2006
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa/dpaweb
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