04. Juli 2005 Heftige Bombenangriffe und Explosionen sind im amerikanischen Fernsehen seit dem Irak-Krieg alltäglich geworden. An diesem Montagmorgen, als auch in Kalifornien der neue Tag schon angebrochen war, übertrug der Sender der Raumfahrtbehörde Nasa nicht ganz so gewöhnliche Bilder solcher Art - von der ersten kosmischen Bombardierung durch Menschen.
Gut zwei Stunden vorher, um 7.52 Uhr MESZ, war ein 370 Kilogramm schweres Kupferprojektil mit einer Geschwindigkeit von 10,2 Kilometern pro Sekunde auf den Kopf des Kometen Tempel 1 aufgeschlagen und hatte einen ziemlich großen Krater gerissen. Endlich einmal ein Grund, eine Attacke aus vollem Herzen zu bejubeln. Zwei der Redner begrüßten die Zuschauer patriotisch, wie es sich in den Vereinigten Staaten gehört, mit Happy Birthday, America, denn bei dem Tag, der gerade begonnen hatte, handelte es sich um den 4. Juli, den Jahrestag der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung.
Als sei eine Atombombe eingeschlagen
Niemand hatte vorher gewußt, wie sich der Einschlag im Detail auswirken würde, ob der bei dem Ereignis erzeugte Krater nur einige Meter Durchmesser hätte oder so groß wie ein Fußballplatz wäre. Was die Wissenschaftler nun sahen, begeisterte sie. Zwar war auf den ersten Bildern der Krater selbst noch nicht zu sehen. Aber die Wolke des bei dessen Entstehung aufgespritzten Kometenmaterials zeigte sich als gleißendes Licht, als sei eine Atombombe eingeschlagen. Als vor wenigen Wochen, im Juni, aufgrund natürlicher Ereignisse ein Jet aus Gas und Staub aus dem Kometenkopf herausgeschossen war, hatte die europäische Raumsonde Rosetta einen Anstieg der Helligkeit des Objekts um zwanzig bis dreißig Prozent registriert.
Die jetzt künstlich erzeugte Wolke ließ die Helligkeit nach Angaben amerikanischer Weltraumobservatorien gleich auf das Sechsfache steigen. Britische Forscher maßen mit einem Zwei-Meter-Teleskop in Hawaii sogar das Zehnfache des Ausgangswerts - vielleicht, weil sie aus einer anderen Richtung beobachteten. Es war das erste Ergebnis, mit dem die an der Meßkampagne beteiligten europäischen Wissenschaftler an die Öffentlichkeit traten. Die amerikanischen Forscher berichteten derweil, sie hätten gute Spektren erhalten. Der Höhepunkt der DeepImpact-Mission, die nähere Aufschlüsse über das vermutlich über Jahrmilliarden unverändert gebliebene Innere von Kometen und möglicherweise auch über die Zustände im frühen Sonnensystem bringen soll, hatte fast genau vierundzwanzig Stunden vor dem Einschlag seinen Anfang genommen, als nämlich der kupferne Impactor von der Muttersonde getrennt und auf einen Kollisionskurs mit dem Kometenkern gebracht wurde.
Der Rammbock wurde vollständig pulverisiert
Aus Kupfer hatte man diesen Rammbock gefertigt, weil dieser beim Einschlag ohne Störung der Meßdaten vollständig pulverisiert würde. Kupfer hat in der Frühzeit des Sonnensystems keine Rolle gespielt. Man würde die Partikeln des Impactors deshalb bei den Messungen ohne Schwierigkeiten als nicht ursprünglich herausfiltern können. Während der Impactor auf sein Ziel - den aus Staub und gefrorenen Gasen bestehenden Kometenkern - zuraste, folgte die Muttersonde Deep Impact einer Bahn, die nur bis zu fünfhundert Kilometer an den Kometenkern heranführte. Ihre Aufgabe bestand darin, den beim Einschlag erzeugten Krater zu fotografieren und die dabei freigesetzten Partikeln - vor allem, aber nicht nur - chemisch zu untersuchen.
Die erste geschlossene Fotoserie, die im Kontrollzentrum beim Jet Propulsion Laboratory in Pasadena (Kalifornien) ankam, stammte dann allerdings doch vom Impactor, der seinen Anflug lückenlos dokumentierte. Die Bilder ließen einen Kometenkern erkennen, auf dem überraschend klare Krater zu sehen waren - wohl die Folgen früherer - natürlicher - Einschläge. Wie Schlote, aus denen Kometenmaterie in den freien Weltraum geblasen wird, wirkten sie jedenfalls nicht. Die Durchmesser der Krater dürften etwa ein bis zwei Kilometer betragen. (Der gesamte Kometenkern ist rund vierzehn mal vier mal vier Kilometer groß.) Das letzte Foto hat der Impactor drei Sekunden vor seinem Einschlag geschossen.
Unversehrt durch den Partikelschauer
Von den Bildern, die die Muttersonde aufgenommen hatte, wurden zunächst nur wenige und zudem noch in komprimierter Form übertragen. Den Forschern kam es vor allem darauf an, die Sonde unversehrt durch den erwarteten Partikelschauer zu bringen. Dreizehn Minuten nach dem Einschlag des Impactors auf Tempel1 wurde die Sonde daher so gedreht, daß jetzt ein Schutzschild gegen Auftreffer Richtung Kometenkopf wies. Eine Minute später flog sie in geringer Distanz vorbei.
Bald darauf wurde die Kamera wieder auf den Kometen gerichtet, nun nahm sie Bilder vom Abschied auf. Weil Deep Impact nur vergleichsweise wenige Meßinstrumente an Bord hat, hatte die Nasa Wissenschaftler in aller Welt aufgefordert, sich an dem Projekt mit eigenen Beobachtungen und Messungen zu beteiligten. Die Kommandos für die Raumsonde Rosetta, die von Tempel 1 derzeit achtzig Millionen Kilometer entfernt ist, wurden schon vor einigen Tagen vom europäischen Satellitenkontrollzentrum Esoc in Darmstadt aus übermittelt. Sie steuerten die komplexe Meßfolge automatisch.
Daten von Rosetta
Rosetta liefert Daten im optischen, im infraroten und im ultravioletten Bereich des Spektrums und sollte sich auf Daten zur chemischen Zusammensetzung des Gases und auf Temperaturdaten konzentrieren. Die Sonde hat drei Umdrehungen des Kometenkerns um seine Achse verfolgt, um genügend Vergleichswerte aus der ruhigen Phase des Kometen sammeln zu können. Kurz nach dem Einschlag des Impactors wurde die Übertragung der Daten von Esoc aus eingeleitet. Auch Daten des europäischen Röntgenobservatoriums XMM-Newton liefen am Montag vormittag in Darmstadt ein.
Während die Teleskope in Hawaii schon in Betrieb waren, als der Impactor einschlug, mußte die europäische Südsternwarte (Eso) mit ihren Beobachtungen in Chile bis zum Montag abend warten. Erst dann tauchte Tempel1, der von Hawaii aus gesehen während des Höhepunkts der Mission hoch am Himmel stand, über dem dortigen Horizont auf. Aber auch das Abklingen des Ereignisses ist für die Wissenschaft von großem Interesse. Die Infrarotmessungen konnten nicht vor 10 Uhr abends MESZ beginnen. Die ersten optischen Aufnahmen waren für die Zeit kurz nach der abendlichen Dämmerung vorgesehen, die in Chile an diesem Dienstagmorgen um 1.30 Uhr MESZ endete.
Text: F.A.Z., 5. Juli 2005
Bildmaterial: AP, DPA, dpa/dpaweb, REUTERS