Glücksversprechen

Das System Scientology

Von Florentine Fritzen

Im Celebrity Center der Scientologen

Im Celebrity Center der Scientologen

28. August 2006 Am Anfang steht nicht das Wort, sondern eine Maschine. Genauer als der Mensch selbst soll sie Auskunft geben über Erinnerungen und Erlebnisse, die seiner Unterwerfung im Wege stehen könnten. Diesen Widerstand mißt das Elektro-Meter, kurz E-Meter, indem es Strom durch den Körper schickt. Domenica ist Betreuerin im „Celebrity Centre“ der Scientologen in Düsseldorf.

Die hagere „Auditorin“ mit durchdringendem Blick aus blauen Augen weiß mit den Rädchen, Skalen und Digitalanzeigen des ovalen Geräts ebenso routiniert umzugehen wie mit Neulingen. „Wenn man den Pre-Clear auf etwas anspricht, was in diesen geistigen Massen vorhanden ist“, sagt Domenica, „dann bekommt man eine Reaktion auf dem E-Meter.“

Tom Cruise überredete seine Frau Katie Holmes zum Beitritt

Tom Cruise überredete seine Frau Katie Holmes zum Beitritt

Ein Pre-Clear ist ein Mensch, den Scientology noch nicht von allen seinen Widerständen gereinigt hat. Noch befaßt er sich, mit jeder Hand eine Blechdose umgreifend, die über Kabel mit dem E-Meter verbunden ist, mit seiner eigenen Persönlichkeit und gibt dem Auditor Auskunft darüber. Das ist nicht etwa ein Kursangebot, sondern eine handfeste Dienstleistung: Zwölfeinhalb Stunden Auditing kosten mehrere tausend Euro.

Getarnt als Nachhilfeschule

Wer genug investiert, sich mitunter gar dafür verschuldet, klettert die „Brücke zur völligen Freiheit“ nach oben und erkennt sich als geistiges Wesen - als „Operierender Thetan“. Der Schauspieler Tom Cruise, 44, prominentester Scientologe der Welt und Freund des Scientology-Führers David Miscavige, dürfte diese Thetan-Stufen längst erklommen haben. Unterdessen kündigte die Produktionsfirma „Paramount Pictures“ an, den Vertrag mit dem Hollywood-Schauspieler nicht zu verlängern - unter anderem, weil Cruise für Scientology werbe.

Seit etwa dreißig Jahren ist Scientology auch in Deutschland aktiv, vielen gilt die Organisation mit Zentrale in Los Angeles, die sich selbst eine Kirche nennt, als Synonym für „Sekte“. Nach massiven Aufklärungskampagnen in den neunziger Jahren wurde es ruhiger um die Anhänger des L. Ron Hubbard. Jetzt ist Scientology hierzulande wieder im Gespräch: Philologen und Verfassungsschützer warnten vor dem Nachhilfe-Anbieter „Applied Scholastics“, der Schüler mit Hilfe der Lernmethoden des Scientology-Gründers Hubbard manipulieren wolle.

Als Bayerns Innenminister Günther Beckstein (CSU) Anfang August seinen Verfassungsschutzbericht vorstellte, äußerte er die Befürchtung, Scientology könnte mit Hilfe der Unterorganisation auch um Mitglieder werben. Michaela Gross, Sprecherin der Organisation, protestiert: „Nicht Scientology bietet Nachhilfe an.“ „Applied Scholastics“ sei vielmehr ein privates Angebot einzelner Scientologen. „Dort wird in keiner Weise Scientology vermittelt.“

Der Mensch als Maschine

Laut Verfassungsschutz, der die Organisation seit 1997 beobachtet, stagniert die Zahl der deutschen Scientologen seit Jahren bei fünf- bis sechstausend; Scientology selbst spricht von 12.500 Mitgliedern hierzulande. Eine kleine Gruppierung, verglichen etwa mit 160.000 Zeugen Jehovas. „Die Scientologen sind nicht durch die Macht gefährlich, die sie tatsächlich haben, sondern durch ihr Menschenbild“, sagt Pfarrer Ferdinand Rauch, Sektenbeauftragter des Bistums Fulda.

Verhör mit dem E-Meter

Verhör mit dem E-Meter

Dieses Bild, das den Menschen als verbesserungswürdige Maschine sehe, sei unverändert gültig. Nach außen gebe sich Scientology tatsächlich sozialer als noch vor einigen Jahren - dank vielfältiger Aufklärung seien Menschen skeptischer gegenüber Glücksversprechungen dieser Art geworden, darauf habe man reagiert. Rauch sagt: „Heute ist Scientology bemüht, daß nicht mehr an die Öffentlichkeit dringt, wie rigide sie sind.“

Wie rigide sie sind, hat Andrea Richter bereits als Kind erfahren. Vor zwei Jahren ist die Tochter zweier Scientologen ausgestiegen. Ihren richtigen Namen möchte sie nicht veröffentlicht sehen, ebensowenig, wo sie lebt und welchen Beruf sie gelernt hat, als sie sich mit Anfang Zwanzig schon einmal zu lösen versuchte. Eine Furcht, die unter Aussteigern von Scientology-Familien verbreitet ist: Angehörige könnten Schwierigkeiten mit den „Ethik-Offizieren“ bekommen, die im System Scientology fürs Überwachen und Strafen zuständig sind.

Reinigungs-Rundown in der Sauna

Der bekannteste deutsche Scientologe: Franz Rampelmann alias Olaf Kling (r)

Der bekannteste deutsche Scientologe: Franz Rampelmann alias Olaf Kling (r)

Auf den ersten Blick wirkt Andrea Richter mit Jeans und hellrosa Bluse wie andere junge Frauen von Mitte Dreißig. Doch scheinbar ohne innere Anteilnahme, präzise und nahezu ungerührt berichtet sie über ihre Erfahrungen. „Da heißt es: Geh an diese Wand, berühr diese Wand, geh zurück. Immer wieder. Stundenlang. Oder man sitzt dem Auditor eine halbe Stunde mit geschlossenen Augen gegenüber. Stumm.“ Inzwischen kann Andrea Richter zwar wieder schlafen, doch bei sozialen Kontakten ist sie äußerst zurückhaltend. „Ich habe den normalen Umgang mit anderen nicht gelernt. Bei Scientology gibt es ja keine Gefühle.“

Seit sie einmal mit zehn anderen Menschen in einem winzigen, fensterlosen Kellerraum saß und ihre Verfehlungen aufschreiben mußte, hat die Aussteigerin Platzangst und kann keine U-Bahn mehr benutzen. Als sie zwölf war, verbrachte sie in den Ferien acht Stunden am Stück in der Sauna. Tag für Tag, anderthalb Wochen lang. Sinn dieses „Reinigungs-Rundowns“ ist es, Drogen auszuschwitzen, wobei der scientologische Drogen-Begriff auch Medikamente wie Aspirin einschließt. Nach der üblichen Dauer dieser Saunagänge befragt, wiegeln aktive Scientologen ab: „Eine halbe Stunde, eine Stunde - bis die Person Erfolg verkünden kann.“

Die größte Kirche der Scientologen:  Celebrity Centre in Los Angeles

Die größte Kirche der Scientologen: Celebrity Centre in Los Angeles

Dirk Wedemann konnte nach zwei Wochen Erfolg verkünden. In seinen Berichten über diese Prozedur findet sich auch der Hinweis, die Saunagänge hätten frühere Sonnenbrände aus seiner Kindheit zutage gefördert. Der 44 Jahre alte Architekt ist für die Öffentlichkeitsarbeit des einzigen deutschen „Celebrity Centre“ an der Düsseldorfer Luisenstraße zuständig. „Ein ,Celebrity Centre' kümmert sich um Geschäftsleute, Künstler, Schriftsteller.“

Verständnis nach innen, Morddrohungen nach außen

Der prominenteste derzeit in Düsseldorf betreute Scientologe sei der Schauspieler Franz Rampelmann, der in der Fernsehserie „Lindenstraße“ den Olaf Kling spielt. Einige Tage nach unserem Gespräch macht Wedemann einen Rückzieher. Er faxt: „Herr Rampelmann steht in gutem Ansehen unserer Kirche, da wir jedoch nicht abschätzen können, was dieser Artikel in der Bevölkerung verursachen wird, müssen wir . . . davon ausgehen, daß Herr Rampelmann Verunglimpfung ausgesetzt sein kann.“

Bekennende Anhänger: John Travolta und Jenna Elfman

Bekennende Anhänger: John Travolta und Jenna Elfman

Der Schauspieler dürfe „in keinster Weise“ erwähnt werden. Drei Stunden später ruft Rampelmann selbst an, um mitzuteilen: „Ich bin seit fünf Jahren begeisterter Scientologe und finde das klasse.“ Und: „Wir sind definitiv nicht diese eiskalten Leute, als die Scientologen oft hingestellt werden.“ Durch die Auditings sei er „im Umgang mit Mitmenschen, besonders mit meiner Lebensgefährtin, flexibler und liebevoller geworden“.

„Über die Jahre wird man stabiler und kann anderen helfen“, behauptet auch Dirk Wedemann. Auf dem Weg zur Vollkommenheit wachse das Verständnis untereinander. Außer für „Feinde“ wie Günther Beckstein - und Ursula Caberta. Die Leiterin der „Arbeitsgruppe Scientology“ der Hamburger Behörde für Inneres bekommt eigenen Angaben zufolge oft Morddrohungen. Unermüdlich mahnt die robuste Aufklärerin, Scientology habe auch in Deutschland Einfluß: „Lobbyisten können überall sitzen, auch in der Politik.“

Kein einfacher Verein

Nach wie vor jedenfalls ist die Organisation ausgerichtet auf den 1986 gestorbenen Gründer L. Ron Hubbard, jenen Mann mit eher groben Gesichtszügen, der 1911 in Nebraska zur Welt kam und 1954 seine säkulare Kirche gründete, um eine „Zivilisation ohne Wahnsinn, ohne Verbrecher und ohne Krieg“ zu schaffen. In jeder Niederlassung wartet der Ehren halber ein penibel aufgeräumtes Büro auf ihn, Hubbards Schreibtisch an der Frankfurter Kaiserstraße etwa schmücken frische gelbe Rosen. Nebenan sitzt Michaela Gross, eine Einzelhandelskauffrau mit burschikosem Kurzhaarschnitt, und erregt sich über das Scientology-Bild der deutschen Öffentlichkeit. „Wir sind ein Verein. Man kann eintreten und austreten.“

Austreten, einfach so? Andrea Richter hat es anders erlebt. Kaum hatten ihre Offiziere mitbekommen, daß sie sich zu distanzieren drohte, wurden ihr etliche neue Seminare verordnet, unter anderem in Kopenhagen, wo sie mehrere Wochen in der videoüberwachten „Sea Org“ verbrachte, einer Eliteeinheit mitten in der dänischen Hauptstadt. „Wir waren vierzig Neuankömmlinge, die das Einsteiger-Programm absolvieren mußten.“

Den minutiös geregelten Tagesablauf beschreibt Richter so: morgens um sieben Appell, Zimmer wienern, zum Frühstück fetttriefende Spiegeleier herunterwürgen, im Laufschritt von der Unterkunft zum Lehrgebäude eilen, dort fünf Stunden putzen, zwanzig Minuten Körperhygiene, Mittagessen, dann sechsstündiges Textstudium (nach der Hubbard-Methode), zurückjoggen, ausziehen, um halb elf das Licht löschen. Manche Aufseher seien erst zwölf Jahre alt gewesen, „die waren besonders linientreu“.

Werbung unter falschem Namen

Die Sorge, daß Kinder in die Fänge Scientologys geraten könnten, hat auch die Aufregung um „Applied Scholastics“ ausgelöst. Die Lernmethode nach Hubbard geht davon aus, daß Lernende ein unzulängliches Verständnis von Worten haben. Deshalb müssen Begriffe mit Bauklötzen und Knete nachgestaltet und selbst gewöhnlichste Präpositionen wie „im“ nachgeschlagen werden, ein Verfahren, das sich „Wortklären“ nennt. Andrea Richters Supervisor in Dänemark sorgte dafür, daß sie innerhalb von zwei Monaten nicht mehr als zwei Seiten Text bewältigte.

Viele Mitglieder treten in die Organisation ein, weil ihre Eltern oder Partner Scientologen sind. Manche kommen über ein „Kommunikationsseminar“ in Kontakt mit Scientology, das der Arbeitgeber wissentlich oder unwissentlich für sein Unternehmen gebucht hat. Nach wie vor wirbt Scientology auch massiv auf der Straße, oft unter anderem Namen.

Im Heft „Der Weg zum Glücklichsein“ und auf DVDs mit Namen „Youth for Human Rights“ fehlt der Hinweis auf Scientology. Bei diesem Projekt arbeite man mit Amnesty International zusammen, behaupten gleich zwei Scientology-Sprecher. Doch weder bei Amnesty in Berlin noch in der internationalen Zentrale in London ist von dieser Zusammenarbeit etwas bekannt.

Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 27.08.2006, Nr. 34 / Seite 49
Bildmaterial: AP, F.A.Z. - Wolfgang Eilmes, obs, REUTERS

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