Esa

„An uns kommt man nicht mehr vorbei“

Von Dieter Hoß

12. April 2006 „Ich bin stolz, Direktor der einzigen Raumfahrtagentur zu sein, die an fünf Himmelskörpern im Sonnensystem vertreten ist.“ Es war nicht nur Sektlaune über eine gelungene Mission, die am vergangenen Dienstag in den Worten von Esa-Generaldirektor Jean-Jacques Dordain mitschwang. Kurz zuvor war der „Venus Express“ erfolgreich in eine Umlaufbahn um seinen Zielplaneten gebracht worden. In der Rekordzeit von nur rund drei Jahren war es den europäischen Raumfahrern damit gelungen, in Eigenregie eine komplexe Planetenmission zu realisieren. Alles lief so präzise ab wie ein Uhrwerk. Ein Meisterstück.

Dieses Wort wollte im Esa-Missionskontrollzentrum in Darmstadt am Tag des großen Erfolgs zwar niemand in den Mund nehmen, doch das in Jahren gewachsene Selbstbewusstsein der Europäischen Raumfahrtagentur - auch gegenüber dem „großen Bruder“ Nasa - war regelrecht greifbar. „Bei der Erforschung unseres Sonnensystems haben wir nun die Führungsposition übernommen“, sagte Dordain im Gespräch mit FAZ.NET.

Schon lange erwachsen

Venus, Mars und Mond werden von Esa-Forschungssatelliten umkreist, auf dem mit eigener Atmosphäre umgebenen Saturn-Mond Titan ist eine Esa-Sonde gelandet, die erste Landung auf einem Kometen steht bevor, eine Mission zum Planeten Merkur ist schon weit fortgeschritten, dazu betreibt die Organisation unter anderem den Aufbau des Navigationssystems Galileo und eine intensive Erdbeobachtung durch den Satelliten Envisat - es gibt genügend Gründe für die europäischen Raumfahrer, vor Selbstbewusstsein zu strotzen. In einem Ranking würde Dordain die Esa inzwischen vor der russischen Raumfahrtagentur einstufen. Und: „Die Nasa hat natürlich viel mehr Missionen als wir, und sie machen wunderbare Dinge“, so Dordain, „aber was den wissenschaftlichen Fortschritt betrifft, sehe ich die Esa zur Zeit sogar vor den Amerikanern.“

Ist die europäische Raumfahrt mit dem Erfolg von „Venus Express“ also endgültig erwachsen geworden? „Auf jeden Fall, definitiv“, sagt der Esa-Chef ohne zu zögern. „Erwachsen sind wir doch schon lange, von nun an sollte daran wirklich kein Zweifel mehr bestehen“, ergänzt David Southwood. Europas Raumfahrtagentur sei erfolgsorientiert, „was wir machen ist ausgereift, und wir entscheiden bewusst, die Dinge auf unsere spezielle Weise anzugehen“, formuliert der Esa-Wissenschaftsdirektor das neue Selbstverständnis.

Als Nummer 1 isoliert

Der „Venus Express“ ist ein herausragendes Beispiel für den eigenen Weg der europäischen Raumfahrt. Die Russen mussten ihr eigenes Venus-Programm aus politischen und finanziellen Gründen aufgeben, die Amerikaner haben sich dem Mars zugewandt, da konnten die Europäer in die Lücke stoßen und untersuchen nun als einzige den glühend heißen Planeten mit ausgeprägter Treibhausatmosphäre. Längst baut man dabei auf eigene Erfahrungen. Die Venus-Mission konnte nicht zuletzt deshalb innerhalb von drei Jahren realisiert werden, weil der Satellit praktisch eine zweite Version des „Mars-Express“ ist. Dordain: „Venus Express läuft viel reibungsloser als Mars Express. Wir lernen jeden Tag hinzu“. Angesichts des minutiösen Ablaufs aller bisherigen Manöver der Mission und der gleichzeitigen Probleme, die die amerikanische Shuttle-Flotte macht, wird deutlich, dass den Europäern auch technologisch niemand mehr etwas vormacht. „Europa ist groß, zusammen sind wir leistungsfähiger als die Vereinigten Staaten“, sagt David Southwood.

Das alles klingt, als wolle die Esa sogar der schier übermächtigen Nasa den Rang ablaufen. Doch davon ist - noch - nicht die Rede. „Als Nummer eins ist man doch nur isoliert. Wichtig ist, dass wir jetzt ein ernstzunehmender Partner sind. Wer in der Raumfahrt etwas unternehmen will, kommt an uns nicht vorbei“, sagt Jean-Jacques Dordain.

Keine eigenen bemannten Missionen

Das gelte auch für die bemannte Raumfahrt. Allerdings sei es derzeit illusorisch über bemannte Missionen unter europäischer Regie nachzudenken, dafür reiche das Geld bei weitem nicht aus. „Die Nasa hat das fünffache Budget der Esa zur Verfügung, die Hälfte davon verschlingen die bemannten Missionen.“ Aber Dordain betont auch, dass es ganz selbstverständlich zur Raumfahrt gehört, Astronauten ins All zu schicken. „Auch da werden wir ein Partner sein, an dem man nicht vorbeikommt“, betont der Esa-Chef. Als nächster Europäer soll der Deutsche Thomas Reiter voraussichtlich im Juli in den Weltraum fliegen - zum ersten Langzeitaufenthalt eines europäischen Astronauten auf der Internationalen Raumstation ISS.

Auch damit nicht genug. „Mit den Planeten sind wir nun durch“, scherzt David Southwood, „und da draußen ist noch ein ganzes Universum.“ Die beiden Satelliten Herschel und Planck sollen ab dem kommenden Jahr in die Tiefen des Alls schauen. Von 2010 an soll die Astrometrie-Mission GAIA unsere Milchstraße kartographieren. „95 Prozent unserer eigenen Galaxie können wir nicht sehen“, sagt Southwood. Das soll sich ändern. Auch GAIA gilt als Beispiel für den europäischen Weg. Die Nasa tut sich schwer damit, Grundlagenforschung zu finanzieren, da ihr Nutzen der Öffentlichkeit nur schwer zu vermitteln ist. „Ich bin sicher, dass alles, was wir tun, auch den Bewohnern der Erde nutzen wird“, sagt dagegen Jean-Jacques Dordain. Trotz aller Erfolge: Früher oder später wird er das belegen müssen.



Text: @dho / FAZ.NET
Bildmaterial: AP, Esa, picture-alliance / dpa/dpaweb, picture-alliance/ dpa/dpaweb

 
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