Piraterie vor Somalias Küste

Mit 9000 Volt gegen die Seeräuber

Von Henning Sietz

20 Millionen Dollar forderten die Piraten, die den mit Panzern beladenen Frachter “Faina“ kaperten

20 Millionen Dollar forderten die Piraten, die den mit Panzern beladenen Frachter "Faina" kaperten

01. Oktober 2008 Wenn Seeräuber einen Eisenerzfrachter kapern, um Lösegeld zu erpressen, ist der Fall für Mannschaft und Reeder schlimm genug. Wenn Piraten einen Frachter mit einer Ladung Waffen entführen, nimmt der Fall eine andere Dimension an. So geschehen am Donnerstag vergangener Woche. Vor der somalischen Küste, dem Brennpunkt der Piraterie, kaperten Seeräuber den unter der Flagge von Belize fahrenden ukrainischen RoRo-Frachter „Faina“.

Das Schiff war mit einer Ladung von 33 T-72-Panzern und großen Mengen an Granatwerfern und Munition nach Kenia unterwegs. Ein Schiff der amerikanischen Marine nahm die Verfolgung auf und überwacht den Frachter. In Kürze wird die russische Fregatte „Neustraschimy“ am Horn von Afrika erwartet. Da unter der gekaperten Mannschaft auch drei Russen sind, könnte es zu einem robusten Einsatz zu ihrer Befreiung kommen. Ein Sprecher der Piraten warnte davor: „Wir haben die Macht, sie überall zu erreichen, wo auch immer sie sind.“ Die Lage an Bord der „Faina“, die vor der somalischen Stadt Hobyo vor Anker liegen soll, ist angespannt: Ein russisches Besatzungsmitglied - angeblich der Kapitän - starb an Herzversagen; unter den Piraten soll es zum Streit gekommen sein, die zu einer Schießerei mit mehreren Todesopfern eskalierte.

In diesem Jahr schon 60 Schiffe angegriffen

Piraten Steuerbord: Somalier entführen die „Faina” auf hoher See

Piraten Steuerbord: Somalier entführen die „Faina” auf hoher See

Das Drama zeigt den Ernst der Lage vor der Küste Somalias, die mit dem Golf von Aden einen Teil der Seeroute von Europa über den Suezkanal nach Asien darstellt. Jedes Containerschiff, das die Häfen Hamburg und Bremerhaven mit Kurs nach China verlässt, muss dieses Gebiet durchfahren. Seit Jahresbeginn wurden in der Region fast 60 Schiffe angegriffen, 25 von ihnen wurden entführt. Ein Bericht des International Maritime Bureau (IMB) zeigt, wie es hier Schlag auf Schlag geht: Am 19. September verfolgten schwerbewaffnete Piraten ein Containerschiff im Golf von Aden.

Der Kapitän konnte das Entern seines Schiffes verhindern. Am 25. September entführten Seeräuber den bereits erwähnten Frachter „Faina“. Einen Tag darauf beschossen und entführten Piraten im Golf von Aden einen Chemikalientanker, das Schicksal der Mannschaft ist ungewiss. Am 28. September verfolgten drei Piratenboote im Golf von Aden einen Schwergutfrachter, der jedoch entkommen konnte.

Vier Angriffe in einer Woche, zwei davon mit Erfolg. Für Pottengal Mukundan, Direktor des IMB, ist die Piraterie im Golf von Aden und in der Arabischen See „ein Millionen-Dollar-Geschäft mit einer Erfolgsrate von fünfzig Prozent“. In Somalia verspreche die Piraterie steile Karrieren. „Piraten fahren teure Autos, leben in respektablen Häusern und feiern aufwendige Hochzeiten.“ Während im letzten Jahr in Somalia drei Piraten-Gruppen registriert wurden, sind in diesem Jahr mindestens zehn Gruppen aktiv. Im vergangenen Jahr ereigneten sich die Überfälle meist vor der Südküste Somalias, in diesem Jahr verlagerten sich die gefährlichsten Angriffe in die Straße von Aden.

Unterstützung aus dem Westen fehlt

Die Piraten verüben die Angriffe von Mutterschiffen aus, die bis zu 250 Seemeilen vor der Küste liegen. „Wir kennen diese Schiffe mit Namen, es sind meist kleine Fischereifahrzeuge“, sagt Mukundan. Er empfiehlt deshalb den Marinen, diese Mutterschiffe zu entern und die Waffen zu beschlagnahmen. Dann könnten die Piraten nichts mehr unternehmen und müssten zur Küste zurückkehren. „Sind sie wieder vor Ort mit Waffen, kontrolliert man sie wieder, bis sie endgültig verschwinden.“ Bei der systematischen Verfolgung der Piraterie fehle aber die nötige Motivation der westlichen Staaten. „Es gibt kein verlässliches Verfahren, wie die Flaggenstaaten juristisch gegen Piraten vorgehen können.“ Es sei schon vorgekommen, dass ein dänisches Marineschiff Piraten festnahm, aber nicht wusste, was mit ihnen geschehen sollte - und alle freiließ.

Wie laut Mukundan mit Piraten umzugehen sei, zeigte der Fall der entführten französischen Yacht „Le Ponant“ im April 2008: Nach der Freilassung der Geiseln ging ein französisches Militärkommando an Land und nahm die somalischen Piraten gefangen. Sie stehen demnächst in Frankreich vor Gericht: „Das ist genau das, was getan werden muss.“

Gesetze zur Piraterie sind wie Schweizer Käse“

Andere europäische Staaten tun sich jedoch schwer damit. Auf der Konferenz Maritime Security and Defence International (MS&D), die vor wenigen Tagen in Hamburg mit starker internationaler Beteiligung über die Sicherheit der Schifffahrt in Zeiten des Terrors und der Piraterie erörterte, forderte der britische Konteradmiral David Cooke die Schifffahrtsindustrie deshalb unverblümt auf, kommerziellen Druck auf die Politiker ihrer Länder auszuüben. Schon jetzt kommt der Druck so oder so: Infolge der Millionenverluste durch Lösegeldzahlungen und stillgelegte Schiffe hat Lloyds in London die Versicherungsraten für die Schifffahrt am Horn von Afrika um das Zehnfache erhöht.

„Die internationalen Gesetze zur Piraterie sind wie Schweizer Käse“, sagt Uwe Jenisch, Seerechtler an der Universität Kiel. Doch es gebe gewisse Möglichkeiten, vor allem durch die UN-Resolution 1816 vom Sommer 2008, die bei einem versagenden Staat wie Somalia einen Zugriff gegen Piraten in den Küstengewässern erlaubt. „Ein robustes Vorgehen zeigen aber nur die Marinen der Vereinigten Staaten, Frankreichs, Indiens und Malaysias - aber nicht die deutsche Marine“, sagt Jenisch. Erforderlich wäre eine Änderung des Grundgesetzes und das von der EU geplante „Pirateriemandat“ für Somalia.

Erfolgversprechend: 9000-Volt-Elektrozaun ums Schiff

Wie man es machen kann, haben Indonesien und Malaysia vorgemacht. Noch vor wenigen Jahren war die Straße von Malacca zwischen beiden Staaten eine gefährliche Seeroute. Die Anrainerstaaten bauten ein radargestütztes Verkehrsüberwachungssystem auf, richteten regelmäßige Patrouillen per Schiff und Flugzeug ein, führten Manöver und Kontrollen durch und setzten ihre Nachrichtendienste ein. Die Piraterie ging daraufhin drastisch zurück. Heute hat die Straße von Malacca ihren Schrecken verloren.

An Ideen aus Kreisen der internationalen Schifffahrt fehlt es nicht. Auf der Konferenz in Hamburg wurde vorgeschlagen, gesicherte Konvois für Handelsschiffe einzurichten - wie im Zweiten Weltkrieg auf dem Atlantik. Zwei Konvois pro Tag wären wohl erforderlich. Auch technische Hilfsmittel wurden entwickelt. Das Erfolgversprechendste ist „Secure-Ship“, ein Stromzaun rund um das Schiff mit 9000 Volt Spannung. Bei einem Kontakt, der nicht tödlich ist, wird ein Alarm ausgelöst, Scheinwerfer gehen an. Weiterhin werden Blendscheinwerfer, Hochdruck-Wasserkanonen, akustische Kanonen und schusssichere Räume angeboten.

Inzwischen haben die Seefahrergewerkschaften in Indien und der Philippinen sich geweigert, ihre Seeleute auf den gefährlichen Routen am Horn von Afrika fahren zu lassen. Warum sollten Decksleute aus der Dritten Welt ihr Leben für europäische Reeder riskieren? So könnte es sein, dass niemand all die raffinierten Sicherheitsgeräte bedienen will.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, dpa

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