Sachsens Pisa-Erfolg

„Leistung und Disziplin wirken bis heute nach“

Von Stefan Locke, Frankenberg

“Ich bin stolz“: Norman Schikorr hat den Sprung von der Haupt- auf die Realschule geschafft

"Ich bin stolz": Norman Schikorr hat den Sprung von der Haupt- auf die Realschule geschafft

26. November 2008 

Norman Schikorr ist ein guter Schüler. Der Achtzehnjährige geht in die zehnte Klasse der Mittelschule Frankenberg, einer Kleinstadt östlich von Chemnitz. Er ist stellvertretender Klassensprecher und Vorsitzender des Schulclubs, seine Lieblingsfächer sind Deutsch, Geografie und Sport; in Letzterem hat er eine Eins, sonst liegen seine Noten zwischen Zwei und Drei. Im Frühjahr wird er den Realschulabschluss machen.

Noch vor drei Jahren sah es allerdings gar nicht danach aus. „Ich habe ständig die Schule geschwänzt und viel Mist gebaut“, erzählt er. In seiner alten Schule flog er deshalb erst aus der Real- in die Hauptschulklasse und wurde, als sich nichts besserte, nach Frankenberg strafversetzt. „Ich war der Älteste in der siebten Klasse Hauptschulzweig“, erzählt er. Dort gab es acht Jungs, drei Mädchen und null Bock. Norman schwänzte weiter.

„So konnte es ja nicht weitergehen“

Wahrscheinlich wäre es dabei geblieben, hätte sich sein Leben in dieser Zeit nicht in zwei entscheidenden Punkten verändert. Er zog zur Oma, die sich um ihn kümmerte, und er fand Freunde im Realschulzweig. „Ich habe damals viel über mich nachgedacht, denn so konnte es ja nicht weitergehen.“ Gedanklich sah er sich nach der Hauptschule schon irgendwo Regale einräumen oder in einer der Maßnahmen des Arbeitsamts stecken, die in der Regel zu Hartz IV und selten zu einem Job führen.

„Das wollte ich auf keinen Fall“, sagt Norman. Mit Beginn der achten Hauptschulklasse gab er Gas, erschien pünktlich, lernte akribisch, machte Hausaufgaben. „Zurück zur Realschule, das war mein großer Traum.“ Nach drei Monaten war er Klassenbester, nach vier Monaten Klassensprecher. „Ich habe sogar Zweien geschrieben und mich in Mathe von Fünf auf Drei verbessert.“ Die Lehrer unterstützten ihn nach Kräften. „Er ist pfiffig und hat den Antrieb, etwas aus sich zu machen“, sagt Schulleiterin Ulrike Schulz. „Deshalb haben wir ihn bereits nach dem ersten Halbjahr wieder in die Realschulklasse aufgenommen.“ Formal wäre das erst am Schuljahresende möglich gewesen, doch die Lehrer drückten ein Auge zu.

„Früher hat jeder reingebrüllt, hier meldet man sich“

Vor allem aber war der Wechsel problemlos machbar. Die Schule war dieselbe, Norman kannte alle Lehrer, sie kannten ihn - und er lernte nun zusammen mit seinen Freunden. „Wir verstehen uns bombig“, sagt er, die Atmosphäre sei bestens. „In der alten Klasse hat jeder reingebrüllt, hier wird sich gemeldet.“ Einziges Problem war das hohe Lernniveau. „Anfangs ist mir das sehr schwergefallen.“ Immerhin war er am Schuljahresende nicht mehr der Schlechteste, aber er rackerte, nahm Förderunterricht in Mathe, wurde in der neunten Klasse stärker und zählt heute zu den zehn Besten der 21 Schüler seiner Klasse.

Damit ist Norman, ohne es zu ahnen, zum Musterbeispiel für die Mittelschule geworden, in der in Sachsen Haupt- und Realschule vereint sind. Alle, die nach der Grundschule nicht aufs Gymnasium gehen, lernen hier zunächst gemeinsam. Wer nach der sechsten Klasse in den Kernfächern Deutsch, Mathe, Englisch und Physik mehr als zwei Vieren hat, wechselt ab Klasse sieben auf den Hauptschulzweig, der nach Klasse neun endet. „Dabei gibt es aber Spielraum“, sagt Schulleiterin Schulz. Begabung, Bemühen und auch der Elternwunsch fließen in die Entscheidung mit ein.

Die Anzahl der Hauptschüler ist eher niedrig

Im Normalfall machen so deutlich mehr Schüler den Realschulabschluss als im Bundesdurchschnitt. In Frankenberg sind nur 17 Prozent der 330 Mittelschüler in der Hauptschule. Sie haben in den Kernfächern getrennt Unterricht und lernen sonst gemeinsam mit den Realschülern. „Die Anzahl der Hauptschüler schwankt je nach Jahrgang, ist aber generell eher niedrig“, sagt Ulrike Schulz. Das hänge von der Mischung ab; viele lassen sich kollektiv gehen, manche reißen sich am Riemen. Alle aber haben das Vorbild Realschulabschluss direkt vor Augen. „Sie sind nicht unter sich, sondern erfahren hier, dass es auch noch etwas anderes gibt“, sagt Schulz.

Dass es die Mittelschule überhaupt gibt, hat Sachsen Wolfgang Nowak zu verdanken. Kurt Biedenkopf brachte den Bildungsexperten 1990 aus Nordrhein-Westfalen mit nach Sachsen. Als Staatssekretär im Kultusministerium sollte Nowak ein neues Schulsystem nebst Schulverwaltung aufbauen. Mit fünf Ostlern und fünf Westlern ging er die Mammutaufgabe an. Die Bildungssysteme unterschieden sich fundamental. Im Osten gab es die Polytechnische Oberschule (POS), in der alle bis zur zehnten Klasse gemeinsam lernten, sowie die Erweiterte Oberschule (EOS), die in Klasse zwölf zum Abitur führte; im Westen dominierte die Dreigliedrigkeit mit 13 Schuljahren an Gymnasien.

Das Beste aus Ost und West

Nowak hätte damals einfach wie überall das ostdeutsche durch das westdeutsche System ersetzen können. „Doch mir schwebte etwas Eigenes vor“, erzählt er. „Ich wollte das Beste aus beiden Schulsystemen für ein neues nutzen.“ Mit dieser naheliegenden Idee aber stieß er auf heftigen Widerstand bei der Landes-CDU, die in dem SPD-Mann den Feind schlechthin sah, aber auch bei der West-SPD. „Die Sachsen-CDU hätte am liebsten ein schönes dreigliedriges Schulsystem bayerischer Provenienz gehabt, die West-SPD wollte bildungspolitische Heilsgewissheiten à la Gesamtschule durchsetzen“, erinnert sich Nowak. „Beides war mit Biedenkopf und mir nicht zu machen.“

Stattdessen griff Nowak seine im Westen vergeblich vorgetragene Idee eines zweigliedrigen Schulsystems aus Mittelschule und Gymnasium auf, kombinierte sie mit zwölf Schuljahren und Zentralabitur, nahm westdeutsche Lehrpläne als Grundlage und gab vor allem den in der DDR-Schule stark gewichteten Naturwissenschaften viel Raum. Bis heute besteht etwa ein Drittel des Unterrichts an Sachsens Mittelschulen und Gymnasien aus Biologie, Chemie, Mathematik und Physik, die seit neuestem auch nicht mehr abwählbar sind.

„Keiner wusste, wo es langgeht“

An den Schulen jedoch herrschte große Unruhe. „Keiner wusste, wo es langgeht“, erinnert sich Ingrid Schwaar, langjährige Vorsitzende des Sächsischen Lehrerverbandes. Zwar waren Fahnenappell, Blauhemd und Wehrlager abgeschafft und Staatsbürger- durch Gesellschaftskunde ersetzt. Gleichzeitig aber kamen das neue Kurssystem in der Oberstufe, neue Schulbücher und Merkwürdigkeiten wie eine Halbierung der Zahl der Deutschstunden in der Grundschule sowie die Note „Sechs“, obwohl doch schon eine Fünf „durchgefallen“ bedeutete. Hart traf es auch die Abiturienten, die plötzlich den Stoff aus 13 in zwölf Schuljahren lernen mussten und Unterricht wie Prüfungsvorbereitung bis unmittelbar vor den Abiturklausuren parallel und nicht selten bis 18 Uhr zu bewältigen hatten.

Gleichzeitig waren die Kollegien personell ausgedünnt, weil politisch nicht mehr tragbare und als Stasi-Mitarbeiter enttarnte Lehrer gehen mussten. In dieser Situation startete das Schuljahr 1992/93 als Übergangsjahr, in dem beide Systeme parallel liefen. „Wir haben Lehrern und Schülern enorm viel abverlangt“, sagt Nowak, „und standen zudem komplett unter argwöhnischer westdeutscher Beobachtung.“ Alle Abituraufgaben wurden verglichen; am Ende stellte sich heraus, dass die Prüfung in Französisch etwas zu leicht, die im Mathe-Grundkurs dafür viel zu schwer war. „Insgesamt aber haben wir prächtig bestanden.“

Das Hin und Her in anderen Ländern blieb Sachsen erspart

Nowak wurde von Sachsens CDU ein Jahr später in die Wüste geschickt, sein eingeschlagener Weg aber konsequent fortgesetzt und bis heute ausgebaut. „Diese Kontinuität ist mit entscheidend für den Pisa-Erfolg“, sagt auch die frühere Lehrerverbandsvorsitzende Schwaar. „Ein ständiges Hin und Her wie in anderen Bundesländern ist uns erspart geblieben.“ Nowak sieht Sachsens Triumph in allen drei Pisa-Kategorien ebenfalls als späte Genugtuung, hält aber neben der geglückten Reform und der Kontinuität eine dritte Ursache für entscheidend: „Leistung und Disziplin waren in der DDR-Schule tief verankert, das wirkt bis heute nach.“

Tatsächlich wird von Sachsens Lehrern bis heute viel verlangt. Weiterbildungen sind für sie genauso verpflichtend wie eine Vorbereitungswoche in den Sommerferien vor Schuljahresbeginn - und das, obwohl sie zum Angestelltentarif und viele von ihnen aufgrund der um die Hälfte gesunkenen Schülerzahlen nur auf Teilzeitbasis arbeiten; verbeamtet werden lediglich die Schulleiter.

Der Westen staunt über das hohe Prüfungsniveau

„Eine gründliche Vorbereitung ist das A und O“, sagt etwa Herbert Krahl, der in Frankenberg Biologie und Sport unterrichtet und sein Wissen als Fachberater auch an anderen Schulen weitergibt. Er hält den Stoffverteilungsplan, in den er zu Schuljahresbeginn eintragen muss, wann und wie er bis Sommer den Inhalt des Lehrplans unterrichten wird, für außerordentlich wichtig. „Das ermöglicht systematisches Lernen, der Unterricht wird nicht dem Zufall überlassen.“ Nur so könne er auch von den Schülern Leistung verlangen. Die wiederum müssten Ordnung, Disziplin und Pünktlichkeit beherrschen.

In Frankenberg etwa stehen die Schüler am Stundenbeginn zur Begrüßung auf, Tadel oder fehlende Hausaufgaben werden in ein Heft eingetragen und müssen von den Eltern gegengezeichnet werden. „Die wollen so was auch wissen“, erzählt Schulleiterin Schulz, die während eines Aushilfsjahres an einer Kölner Hauptschule auch andere Erfahrungen machte. „Unterricht war dort praktisch nicht möglich“, sagt sie. „Die Schüler kamen und gingen, wann sie wollten, und deutsch wurde nur im Ausnahmefall gesprochen.“ Sicher, das sei ein Extremfall gewesen. „Aber die Kollegen im Westen staunen regelmäßig über das hohe Niveau unserer Prüfungen.“

„Den Absprung schafft nur, wer wirklich will“

Gleichwohl glänzt auch im Freistaat nicht alles gülden. Die Zahl der Förderschüler ist deutlich höher als im Bundesdurchschnitt, und noch immer verlassen zu viele die Schule ohne Abschluss. Darüber hinaus will vielen die Teilung in Haupt- und Realschulzweig nicht länger einleuchten, auch wenn sie erst ab der siebten Klasse gilt. „Die Hauptschule wäre eine gute Sache, wenn dort tatsächlich diejenigen gefördert würden, denen das Lernen schwerfällt“, sagt Ulrike Schulz. In der Realität aber landen dort meist nicht die intellektuellen, sondern die sozialen Problemkinder.

Viele könnten deutlich mehr, hätten aber verinnerlicht: „Wir sind die Doofen“, wie Norman berichtet. „Die geben sich dort auf. Den Absprung schafft nur, wer wirklich will und angebotene Hilfe akzeptiert“, sagt er und klingt dabei sehr erwachsen. „Ich bin wirklich stolz, dass mir das gelungen ist.“ Jetzt muss er aber los zum Schulclub, wo er die Jüngeren beim Basteln, Billard oder Theaterspielen betreut und Nachhilfe in Deutsch erteilt. Das alles bringt ihn seinem heiß ersehnten Beruf näher. „Nach der Schule will ich Erzieher werden.“ Die Chancen dafür stehen ausgezeichnet.

Text: F.A.S.

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2010.
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