Speed-Dating in der Bahn

Fleischbeschau im Liebesexpress

Von Friedrich Schmidt, Nürnberg und München

Auch die Schwester von Thomas Gottschalk, Raphaela Ackermann, war dabei

Auch die Schwester von Thomas Gottschalk, Raphaela Ackermann, war dabei

29. Oktober 2007 Am Nürnberger Hauptbahnhof, beim „Single-Dating Check In“ an Gleis 13, trinkt Single Nummer 31 Glühwein aus einer Plastiktasse und blickt in die Runde. Von seinem Tisch aus sieht er neben gut 50 weiteren Alleinstehenden fast ebenso viele Journalisten, die übers Flirten berichten wollen. „Dass es so eine Mega-Action werden würde, hätte ich nicht gedacht“, sagt Wolfdietrich, 28 Jahre alt. Auf einem Pin trägt er die Nummer 31, darüber hat er mit Filzstift seinen Spitznamen geschrieben: Wolle. Eingeladen zum „ersten Single-Dating im schnellsten Nahverkehr Deutschlands“ hat die Deutsche Bahn AG - Fahrt, Flirten und Getränke, alles unentgeltlich. Es ist kurz nach 18 Uhr, in einer Stunde fährt der Regionalexpress nach München los - und dann auch wieder zurück nach Nürnberg.

Drei Stunden „Speeddating“ also: „Speed“, weil der Regionalexpress zwischen Nürnberg und München eine Geschwindigkeit von mehr als 200 Stundenkilometern erreicht; „Dating“, weil, so will es die Bahn, viele Paare im Zug zusammenfinden sollen. Ob der reisende Mensch zur Paarbildung neigt, lässt sich schwerlich belegen - im Stau auf Autobahnen sollen sich angeblich auch schon Paare dauerhaft gefunden haben. Aussagekräftige Statistiken aber gibt es nicht.

Rote Herzen und Luftballons

Nicht alle kommen zum Zug auf der Strecke Nürnberg-München

Nicht alle kommen zum Zug auf der Strecke Nürnberg-München

An diesem Abend flirten 53 Frauen und Männer, fürs Kennenlernen sind jeweils zehn Minuten vorgesehen. Dann wechseln die Gesprächspartner, so lange, bis jede jeden und jeder jede kennt. „Die zehn Minuten kriege ich schon rum“, sagt Wolle. Schon rollt der Zug ein, und ein in Rot gekleideter Animateur kündigt „den Liebesexpress“ an. Nur zwei Wagen am Ende sind fürs „Single-Dating“ bestimmt, rote Herzen und Luftballons kleben an den Scheiben. In den vorderen Wagen drängen sich Singles jenseits der Dreißig, in den hinteren die jüngeren, jeweils gefolgt vom Pressetross. Mit dabei ist auch Raphaela vom ZDF-Magazin „ML Mona Lisa“, die „als Versuchskaninchen“ (Nummer 42) in den Waggon für reifere Alleinstehende steigt.

„Tut einfach so, als wären wir gar nicht da“, sagt ein Kameramann und filmt ein Paar bei der Kontaktaufnahme. Drei Radioreporter richten ihre Mikrophone auf Singlefrau Nummer 34, die gerade Nummer 23 fragt, wann er seine letzte Freundin hatte. „Ich hatte noch keine“, antwortet 23. „Darf ich mal kurz dazwischengehen?“, fragt einer der Journalisten und erkundigt sich nach dem ersten Eindruck von Nummer 23. Fleischbeschau sei das schon, sagt 23. „Apropos Fleischbeschau“, sagt der Reporter, „die neben dir sieht doch ganz nett aus, oder?“ Diese Frage gehe ihm ein bisschen zu weit, sagt 23. „Er kriegt ein ,Ja' von mir“, sagt daraufhin Nummer 34, und ihr Gegenüber lächelt.

„Die Ladys bleiben sitzen“

Vor jedem Gespräch notieren die Teilnehmer Namen und Nummern; die Adressen gibt die Bahn nur dann weiter, wenn sich beide nach dem Gespräch mit einem Ja bewerten. Schon sind die ersten zehn Minuten Flirtzeit vorbei. „Die Ladys bleiben sitzen, die Männer wechseln im Uhrzeigersinn von hinten nach vorne“, gibt der Animateur Anweisung. Im Mittelgang herrscht vor lauter Reportern und Kameraleuten ein Gedränge wie sonst nur beim Lokführerstreik. So kommen die männlichen Teilnehmer nur mit Verspätung zu ihren Flirtpartnerinnen.

„Mal sind die zehn Minuten ein Gequäle, mal ist es unheimlich nett“, sagt Raphaela von „ML Mona Lisa“ nach ihren ersten drei Männern in die Kamera. „Bislang war aber kein ,Must have' dabei.“ Zur Halbzeit im Münchner Hauptbahnhof ist Wolle ganz zufrieden. Drei von sechs seiner Gesprächspartnerinnen habe er mit einem Ja bewertet. „Ich versuche einfach, das Gespräch am Laufen zu halten. Wenn sie sagt, sie gehe gerne in Kneipen, frage ich nach: Mit wem? In welche Kneipen? Und wenn's gut läuft, ergibt sich eins aus dem anderen.“

„Die Männer haben wir verbraucht“

Auf der Rückfahrt nach Nürnberg unterhalten sich vier Frauen im Wagen der Jüngeren. Ihre Bewertungsbögen haben sie schon beiseitegelegt. „Die Männer haben wir alle bereits verbraucht“, sagt eine von ihnen. Von 32 gemeldeten Männern seien nämlich nur 24 gekommen. Die Frauen waren daher mit fünf in der Überzahl.

Als der Zug in Nürnberg ankommt, sagt Raphaela, ihren Traumtypen habe sie nicht gefunden, eher schon ihren Albtraumtypen. Ihre Ja-Quote liegt dennoch bei einem Drittel. Wolle hingegen hat seine Bilanz zwischen München und Nürnberg noch verbessert: 70 Prozent „Ja“ hat er vergeben. Später meldet die Bahn, dass die Flirtpartner in 64 Prozent der Fälle den Wunsch geäußert hätten, die Adresse des anderen zu bekommen. Vielleicht tun sich ja einige von ihnen als Paar zusammen und tauchen demnächst nicht nur in einer Bahn-Statistik auf, sondern pendeln künftig abwechselnd zwischen Oberbayern und Mittelfranken hin und her.

Text: F.A.Z., 29.10.2007, Nr. 251 / Seite 9
Bildmaterial: Jan Roeder

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