Internet

Erlebtes und „Erlebtes"

Von Katja Gelinsky, Washington

05. Januar 2005 „Dann sahen wir die Wasserwand... Sie bewegte sich wirklich schnell, zu schnell. Und der Krach. In Bruchteilen von Sekunden erwachten Hunderte am Strand aus ihrer Hypnose. Die Menschen gingen. Und dann rannten sie. Manche stolperten und wurden mit dem Wasser gegen eine Mauer geschleudert... Aber das war erst der Anfang.“ So erlebte der amerikanische Urlauber Rick Von Feldt aus Topeka im Bundesstaat Kansas die Katastrophe in Phuket. Oder sollten wir besser schreiben „erlebte“?

Denn tatsächlich ist der Erlebnisbericht des Computerfachmanns und Freizeitautors, der auf seiner Internetseite http://phukettsunami.blogspot.com „Geschichten von Überlebenden aus erster Hand“ veröffentlicht, eine Zusammenfassung dessen, was er selbst sah - und was er von anderen Menschen hörte, die wirklich oder auch nur angeblich Augenzeugen der Flutwelle waren.

Tagebuchartige Erfassung der Welt im Internet

Von Feldt ist einer der zahlreichen Blogger, die ihre Eindrücke von der Flutkatastrophe in sogenannten Weblogs oder kurz Blogs schildern. Das sind Interneteinträge, die nach Lust und Laune der Autoren durch neue Kommentare, Notizen und Hinweise auf andere Internetseiten ergänzt werden, wobei der jüngste Eintrag jeweils an oberster Stelle steht.

Die Blogs können den Charakter von Tagebüchern haben, sie können aber auch ganze Internetportale umfassen. Über die Portale lassen sich dann zahlreiche weitere Internetseiten öffnen und Verbindungen zu anderen „Bloggern“ herstellen. Aus alldem entsteht die „blogosphere“, also die Blogosphäre tagebuchartiger Erfassung der Welt im Internet.

Immenser Zulauf

Mit der Krise in Asien hat diese Form der Internetkommunikation wieder einmal an Popularität gewonnen. Weblogs, in denen sonst nur eine kleine Schar Eingeweihter Gedanken austauschten, bekamen plötzlich derartigen Zulauf, daß sie vorübergehend zusammenbrachen, weil die Kapazitäten nicht ausreichten.

So wurde der Blog „Cheese and Crackers“, auf dem ein junger Amerikaner sonst ohne nennenswerte Resonanz konservative politische Ansichten verbreitet, plötzlich von Hunderttausenden von Internetnutzern besucht, als dort Videos aus dem Katastrophengebiet auftauchten. Die Nachfrage nach Bildern von der Katastrophe hat andere Blogger dazu bewogen, eilends Seiten einzurichten, auf denen Internetnutzer kostenlos Dutzende Videos und Fotos von Flutwellen, Opfern der Katastrophe und zerstörten Dörfern und Hotelanlagen sehen können.

„Sehr netter Zusammenschnitt der meisten Videos“

„Bis zu viermal am Tag“, so wirbt der Australier Geoffrey Huntley, werde seine Bilderseite http://www.waveofdestruction.org aktualisiert. Wer keine Lust hat, Huntleys gesamtes Material zu sichten, der kann sich auch den „sehr netten Zusammenschnitt der meisten Videos“ anschauen, „der selbst den abgebrühtesten Menschen zum Weinen bringen wird“. Die Video- und Fotoaufnahmen des Australiers sind ein Gemisch von Bildbeiträgen.

Die Quellen: manchmal nur der Ort der Aufnahme, manchmal kryptisch bezeichnete Privatpersonen, aber auch Fernsehsender und Nachrichtenagenturen. Bei der Beschaffung der Bilder warten die Blogger nicht immer darauf, daß Internetbenutzer ihren Appellen folgen und eigens produzierte oder sonstwie erworbene Aufnahmen zur Verfügung stellen.

Während Fernsehstationen aus Japan, Europa und Amerika für das Privatvideo eines skandinavischen Urlaubers viel Geld an eine norwegische Zeitung bezahlten, die die Rechte daran erworben hatte, luden Blogger das Video, das ein älteres Urlauberpaar aus dem Kamala Beach Hotel in der Nähe von Phuket im Kampf mit den Wellen zeigte, ohne Bezahlung von fremden Internetseiten herunter.

Journalistischer Wildwuchs

Derartige Raubzüge ärgern natürlich jene, die sich um ihre Urheberrechte betrogen fühlen. Der journalistische Wildwuchs in den Blogs provoziert auch Fragen nach der Qualität und Verläßlichkeit des neuen Graswurzeljournalismus, der vielfach nicht mehr von der Recherche, sondern von der Verbreitung persönlicher Überzeugungen lebt. So blühen in den Blogs Spekulationen über die Verantwortung der reichen Industrieländer und westlicher Geheimdienste für die Flutkatastrophe.

Auf der Internetseite www.democraticunderground.com, einem Tummelplatz von Gegnern der Regierung Bush, mutmaßte ein Blogger, Umweltverschmutzung, Atomtests und der Einsatz von Kriegswaffen könnten ursächlich für das Seebeben und die Tsunamis sein. Und auf der Internetseite http://asiantsunami.blogsport.com macht ein Kommentator westliche Militärgeheimdienste und die Tourismusindustrie dafür verantwortlich, daß die Naturkatastrophe zur menschlichen Tragödie geworden sei.

Finstere Motive werden vor allem den Amerikanern unterstellt. So ist ein Besucher des Blogs „ChienSansFrontiers“ (http://desimediabitch.blogspot.com) überzeugt, daß die Regierung Bush unter dem Vorwand humanitärer Hilfe eine militärische Invasion Südostasiens vorbereite.

Für den amerikanischen Fachmann Clay Shirky, einen gefragten Autor und Interviewpartner zum Thema soziale Folgen des Internets, sind derartige Verschwörungstheorien zumindest so lange kein Grund zur Sorge, wie genügend kritische und besonnene Stimmen auf Fehleinschätzungen und Irrtümer hinweisen. Nach Ansicht von Shirky spricht sogar einiges dafür, daß die Blogs den traditionellen Medien bei der Wahrheitsfindung und der Korrektur von Falschinformationen überlegen sind, da Neuigkeiten dort schneller ausgetauscht und weniger gefiltert würden.

Grenzen der Berichterstattung verschwischt

Bei der Flutkatastrophe in Asien haben sich die Grenzen zwischen traditioneller Berichterstattung und den Online-Beiträgen und Kommentaren der Blogger jedoch verwischt. So griffen Zeitungen, Magazine und Rundfunksender nach Bekanntwerden des Seebebens auf Schilderungen aus Internettagebüchern zurück, bis ihre Journalisten selbst aus dem Katastrophengebiet berichten konnten.

Mit deren Ankunft haben die sogenannten Tsunami-Blogs ihre Faszination nicht verloren. Betreiber von Internetseiten, die Videos, Fotos, Schilderungen und Kommentare zu der Flutkatastrophe sammeln und veröffentlichen, erklären das große Interesse damit, daß in den Tsunami-Blogs „Menschen wie du und ich“ ihre Eindrücke schilderten.

11. September ein „Meilenstein“

Internettagebücher gibt es schon seit einigen Jahren. Aber zunächst waren es vor allem Insider oder Schriftsteller, die sie zur persönlichen Selbstdarstellung oder zum Zeitvertreib nutzten. Populär sind die Blogs erst durch eine andere Katastrophe geworden: durch die Terroranschläge vom 11. September 2001, die bei vielen Amerikanern den Wunsch weckten, ihre Trauer, Wut und Fassungslosigkeit mit anderen zu teilen.

Die Anschläge seien auch insofern ein „Meilenstein“ gewesen, sagt Lee Rainie, Direktor des „Pew Internet & American Life Projekt“, das die gesellschaftliche Bedeutung des Internet untersucht. amerikanischen Präsidentenwahlkampf wußte dann vor allem der demokratische Präsidentschaftskandidat Howard Dean die Blogs zur Vermehrung seiner Anhängerschar und zur Eintreibung von Spenden zu nutzen.

Aber auch die Republikaner erkannten das politische Potential der Online-Tagebücher. So gaben Bushs Wahlkampfmanager den Zwillingstöchtern des Präsidenten auf, ihre Eindrücke vom Wahlkampf in einem Internetjournal darzustellen, das vor allem junge Wähler ansprechen sollte.

Wachsende Aufmerksamkeit für Blogs

Nach Umfragen des „Pew Internet & American Life Project“ ist die Zahl der amerikanischen Internetnutzer, die Online-Tagebücher lesen, im vergangenen Jahr von 17 Prozent auf 27 Prozent und damit um 58 Prozent gestiegen. Allerdings wußte die Mehrheit der befragten Internetnutzer - 62 Prozent - noch nichts mit dem Begriff „Blog“ anzufangen. Doch das Interesse, die Wissenslücke zu schließen, ist offenkundig vorhanden.

So wählte der amerikanische Wörterbuchverlag Merriam Webster „Blog“ zum Wort des Jahres 2004, da es am häufigsten im Internet nachgeschlagen worden sei. Nach Daten der Firma Blogcensus vom September gibt es inzwischen 1350000 Weblogs auf der Welt. englisch verfaßt, aber Weblogs in Spanisch (Bitacoras) und Portugiesisch wachsen ebenfalls stark. Lee Rainie prophezeit, daß die Katastrophe in Asien die Aufmerksamkeit für Online-Tagebücher weiter stark wachsen lassen wird.



Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 06.01.2005, Nr. 4 / Seite 8
Bildmaterial: AP

 
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