Karneval

„Man sollte sich nicht zwingen lassen“

Löwenjunge

Löwenjunge

04. Februar 2008 Für manche ist Karneval der Höhepunkt des Jahres, vor allem gebildete Menschen aber wenden sich kopfschüttelnd ab. Wolfgang Oelsner, Psychologe aus Köln, über Narren, Sehnsüchte und den Zwang zum Fest.

Herr Oelsner, ist der Karneval ein Fest für Dumme?
Es gibt eine Fülle von Beiträgen aus der Hochliteratur, angefangen bei Erasmus bis hin zu Günter Grass, in denen sich sogenannte Intellektuelle zu dem Fest äußern. Heute hat man manchmal den Eindruck, dass die Intellektuellen den Karneval missverstehen und meinen, das sei etwas völlig Niveauloses und Triviales. Manches, was man im Fernsehen zu sehen bekommt, macht ja wirklich diesen Eindruck. Aber wenn man die überlieferten Mechanismen dieses Festes versteht - die Maskierung, den Rollentausch und die Grenzüberschreitung -, kann jeder etwas mit ihm anfangen.

Der Karneval, so wie ihn das Brauchtum überliefert, spielt doch heute gar keine große Rolle mehr - das Ganze ist eine große Party.
Das ist die Gefahr, der der Karneval durch die Kommerzialisierung ausgesetzt ist. Aber es gibt auch eine starke Gegenströmung, die aus dem Brauchtum selbst kommt, also aus den Karnevalsvereinen. Sie bemühen sich darum, diesem Fest des scheinbaren Unsinns einen Sinn zu geben und auf sein Regelwerk aufmerksam zu machen. Ein Fest, das derart Affekte und Triebe freilegt, braucht eine gewisse Ritualisierung. Wenn diese im Brauchtum verankert ist, kann man am ehesten verhindern, dass alles im Chaos endet.

Zumindest im Straßenkarneval ist die Grenze zwischen ritualisiertem Ausbruch und Chaos mitunter nur schwer zu erkennen.
Es kann sein, dass dieser Eindruck entsteht, vor allem, wenn man sich anschaut, wie die Massen immer mit den gleichen wiederholbaren Gesten abgefüttert werden. Aber wenn man einmal die diesjährige Session betrachtet, stellt man fest, dass sie sehr kurz ist. Was ließe sich nicht noch schnell ein Milliönchen mehr verdienen, wenn man sie um eine Woche nach hinten verschieben würde? Die Narrenwelt respektiert jedoch einen Kirchenkalender, der sonst keinerlei Bedeutung mehr hat. Sie respektiert damit auch den Aschermittwoch und den Schlusspunkt des Festes.

Den Exzess, den der Karneval erlaubt, könnte man aber auch auf jeder beliebigen Party inszenieren, die eben spätestens im Morgengrauen endet.
Karneval versetzt die Menschen durch die Maskerade aber zusätzlich in die Lage, eine andere Rolle einzunehmen. Diese Freiheit haben sonst nur die Kinder, in der erwachsenen Welt können Sie Ihre Rolle nicht ungestraft verlassen. Man kann dafür den psychologischen Begriff der Regression verwenden. Mit dem Rollenwechsel tut man etwas, das man eigentlich mit der Kindheit schon abgelegt haben sollte.

Sie haben mal geschrieben, Zweck des Karnevals sei es, die Sehnsucht nach dem Rollenwechsel und der damit verbundenen Freiheit zu befriedigen. Müsste er dann aber nicht alle Menschen gleichermaßen ansprechen?
Manche Menschen leben diese Sehnsucht anders aus. Sie können in einer Gegend, in der kein Karneval gefeiert wird, etwa unter dem Vorwand ethnologischer Interessen dem Club der Präriefreunde beitreten. Oder Sie nehmen an einem Dschungelcamp teil, buchen einen teuren Abenteuerurlaub. All das hat karnevaleske Elemente.

Ist das dann abhängig von der Herkunft, ob man sich lieber dem Karneval zuwendet oder bei einem Ritterspiel mitmacht?
Vielfach ist es regional gebunden. Die Wirkung der Verwurzelung im Heimatort ist nicht zu unterschätzen. Das Paradoxe daran ist, dass der Karneval einerseits dazu dient, Anarchie zu inszenieren. Auf der anderen Seite gibt es aber nichts Konservativeres als das Singen von Karnevalsliedern, in denen man sich ständig zu seiner Region bekennt. Es ist ein Spiel von Flieh- und Bindekräften.

Liegt die Gefahr, dass der Karneval Missstände gebiert, dann in der Natur der Sache?
Das ist ja das Spannende an diesem Fest. Es ist wie das Leben, und das Leben ist eine einzige Ambivalenz. Der Karneval ist eine Metapher für etwas, das in den Menschen ist. Er wird ja nicht von außen verordnet, im Gegenteil. Schon Goethe hat gesagt: Karneval ist ein Fest, das dem Volk nicht gegeben wird, sondern das das Volk sich selbst gibt. - Da hat sich eine menschliche Eigenschaft ein Gestaltungsventil gesucht, das dann natürlich von außen konserviert wird.

Was würden Sie jemandem, der mit Karneval nichts zu tun hat, in diesen Tagen empfehlen?
Man soll sich um Himmels willen nicht zwingen lassen.

Und wenn man nicht feiert, läuft man verklemmt durch die Welt.
Aber nein. Ich würde dem Karnevalsfremden raten, sich an jemanden zu wenden, der sich in diesem Milieu gut auskennt. Such dir einen Einheimischen, der dir sein Fest erklärt. Vielleicht wächst dann die Lust, und wenn nicht, wenn man das Gefühl hat, dass es zu vulgär und zu peinlich wird, dann hat man völlig recht, wenn man sich aus dem Staub macht.

Die Fragen stellte Lena Bopp.



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 03.02.2008, Nr. 5 / Seite 12
Bildmaterial: AP, ddp, dpa

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