Vogel des Jahres

Pfiffig und pfeifend

Von Carl-Albrecht von Treuenfels

Elf Zentimeter lang, elf Gramm schwer: Der Zaunvogel ist einer der kleinsten

Elf Zentimeter lang, elf Gramm schwer: Der Zaunvogel ist einer der kleinsten

10. Oktober 2003 Der Naturschutzbund Deutschland Nabu und der Landesbund für Vogelschutz in Bayern LBV haben am Freitag den Zaunkönig zum "Vogel des Jahres 2004" ernannt. Mit einer Körpergröße von 9,5 bis elf Zentimetern und einem Gewicht von 7,5 bis elf Gramm ist er nach dem Wintergoldhähnchen und dem Sommergoldhähnchen der kleinste Vogel Europas. Allerdings ist "Troglodytes troglodytes" (Höhlenbewohner) bekannter als die Goldhähnchen und die meisten anderen europäischen Vogelarten. Darauf deuten schon die knapp 100 volkstümlichen Namen hin - wie Mäusekönig, Zwergschlüpfer und Däumling. Schon früh erscheint der Zaunkönig in Märchen und Sagen, meist geht es um seine Pfiffigkeit. Im Höhenflug-Wettbewerb schlägt er dort selbst den Adler: Er verbirgt sich in dessen Gefieder, läßt sich in die Höhe tragen, bis der Adler nicht mehr weiter aufsteigen kann und den Sieg davongetragen zu haben glaubt. Doch da löst sich der Zaunkönig und kann noch weiter himmelwärts fliegen. Um dem Zorn des Adlers zu entgehen, versteckt er sich später in einem Mauseloch.

Mit einer Maus läßt sich ein Zaunkönig leicht verwechseln - schon wegen des braunen Gefieders. Vor allem aber bewegen sich die kleinen Vögel hüpfend und schlüpfend durch ihr Revier. Nur kurz lassen sie sich ohne Tarnung blicken. Während der Balz im Frühling werden die Männchen allerdings leichtsinnig. Dann setzen sie sich schon mal mit aufgestelltem Schwanz auf einen Zaundraht und schmettern ihren hell klingenden Werbegesang in die Luft; man vermutet einen viel größeren Vogel als Urheber der mit Trillern durchsetzten Melodie. Mit ihrem Gesang grenzen die Zäunlinge ihr Revier ab und locken Weibchen an. Dabei kann es unter den Hähnen an den Reviergrenzen zu handfesten Auseinandersetzungen kommen. Denn wo ein Lebensraum mit Gebüsch, Unterholz, Gemäuern und feuchtem Biotop den Ansprüchen der Zaunkönige genügt, kann das Revier eines Männchens kleiner als einen halben Hektar sein. Sowohl im Wald als auch in der Nähe des Menschen fühlen sie sich wohl. Wie bei den Amseln gibt es unter ihnen Kulturflüchter und Kulturfolger.

Den Weibchen muß was geboten werden

Die Weibchen suchen sich nicht den Brautwerber aus, der am lautesten singt oder einen Nebenbuhler vertreibt. Ihnen muß ein Männchen schon mehr bieten. Oft schon im Februar beginnen die Hähne, die sich nicht als Strich- oder Zugvogel in den Süden abgesetzt haben, mit dem Nestbau. Die Zugvögel unter ihnen - manche legen zwischen Skandinavien und Spanien jährlich zweimal mehr als 2000 Kilometer zurück - kehren von März an heim, die Männchen etwa vier Wochen vor den Weibchen. In wenigen Tagen haben sie aus Moos, Halmen und Blättern kunstvoll eine Kugel mit einem seitlichen Einschlupfloch geformt. Doch es bleibt nicht nur bei einem Nest. Da die Weibchen wählerisch sind, sucht jedes Männchen verschiedene Nistplätze aus: zwischen Wurzeln, im Gebüsch, in einem Holzstoß, zwischen Mauersteinen, am Bachufer, im Efeu einer Hauswand, unter der Dachtraufe, im Gebälk eines Stalles, im leeren Schwalbennest oder in der Nestunterlage eines Weißstorchpaares auf dem Scheunendach.

Bis zu einem Dutzend Neste baut ein Männchen in seinem Revier. Zeigt sich ein Weibchen interessiert, fliegt es ihm singend und wispernd von einer Nestkugel zur anderen voran, steckt seinen Kopf kurz in die Höhle, um seinen Besitz anzuzeigen und überläßt der Begleiterin die weitere Überprüfung. Entscheidet sie sich für ein Nest und damit für dessen Erbauer, folgt bald darauf die erste Paarung. Bis nach einer knappen Woche das erste von fünf bis sieben weißen Eiern (am stumpfen Ende mit rostroten Flecken versehen) in der Nistmulde liegt, polstert das Weibchen das Nest mit feinen Haaren oder Federn aus. Während es 13 bis 15 Tage das Gelege alleine bebrütet, tickert das Männchen bei Gefahr in Nestnähe oder singt von wechselnden Sitzwarten in seinem Revier, um weitere Weibchen anzulocken. Denn er hat ja noch Wahlnester. Bis zu vier Ehen gleichzeitig, zeitlich um eine bis zwei Wochen versetzt, haben Vogelkundler bei Zaunkönigmännchen registriert. Da die polygamen Hähne bei der Aufzucht helfen, geraten sie unter Streß: Manches Weibchen muß dann alleine bis zu 500mal am Tag Insektennahrung heranschleppen. Die beim Schlüpfen ein Gramm leichten Jungen erreichen innerhalb von nur acht Tagen ihr Endgewicht. Hat ein Weibchen die Jungenaufzucht alleine bewältigt, sucht es sich für die Zweitbrut meist ein anderes Männchen.

Mehr unaufgeräumte Gärten

Die große Fruchtbarkeit ist notwendig, denn die Verluste sind enorm. Nur die wenigsten Vögel erreichen das Höchstalter von sieben Jahren. Mehr als die Hälfte aller Zaunkönige wird nicht mal ein Jahr alt. Viele Junge kommen noch vor dem Ausfliegen ums Leben, oft durch streunende nestplündernde Hauskatzen. Aber auch Eichhörnchen, Wiesel, Iltisse, Mäuse und Vögel wie Eichelhäher, Elstern und Krähen zerstören Bruten. Nicht wenige der gut getarnten Nester in Bodennähe werden, meist unbemerkt, vom Menschen zerstört. Zu intensives Aufräumen im Garten oder gar das Verbrennen von Laub- und Reisighaufen bedeuten für manche Zaunkönige den Tod. Auch im Winter, denn die Vögel verbringen bei Kälte viel Zeit in ihren Schlafnestern, in denen sie sich gegenseitig wärmen. Die Naturschutzverbände werben daher mit der Wahl des Zaunkönigs zum "Vogel des Jahres" auch für mehr unaufgeräumte Gärten, für Hecken und naturnahe Wälder. Dort macht der Vogel, der einst von Nordamerika nach Europa, Nordafrika und Asien eingewandert ist, im Winter mit seinem temperamentvoll vorgetragenen Lied als "Schneekönig" auf sich aufmerksam.

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.10.2003, Nr. 236 / Seite 9
Bildmaterial: AP

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben
Verlagsinformation

Die perfekte Wohnung oder das ideale Haus zum Kaufen oder Mieten: Jetzt über 960.000 Angebote bei Immowelt.de und FAZ.NET!

Anzeige

Kredit Vergleich - ab 3,45% eff. p.a.!
Vergleichen Sie hier kostenlos die aktuellen Konditionen der Banken und sehen Sie auf einen Blick die besten Kredite. Schnelle Antwort der Banken!
Kreditbetrag in €
Laufzeit

FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche