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Erdbeben in Iran

"Ich habe die Hälfte meiner Verwandtschaft verloren"

Die Überlebenden des schweren Erdbebens zählen die Toten und versuchen, sich in den Trümmern einzurichten. Eine Reportage aus der vom Erdbeben zerstörten Stadt Bam.

Das war mal sein ZuhauseDas war mal sein Zuhause
30. Dezember 2003 

Beim Erdbeben in Bam sind nicht viele Menschen gestorben, es haben nur wenige Menschen überlebt. Ein großer Unterschied ist das nicht. Akbar zeigt auf die andere Straßenseite: Was einst ein Hotel war, ist nur noch ein Berg aus Ziegeln, Schutt und Staub, aus dem einige verbogene Bettgestelle hervorlugen. Genau wie die Nachbarhäuser - nur noch Schutt und Asche. "35 von meinen Nachbarn sind hier gestorben", sagt er weinend. "Ich habe die Hälfte meiner Verwandtschaft verloren."

Akbar steht in seinen Schuttbergen. Zehn Gäste hatte er in seinem Hotel, ein Amerikaner kam unter den Trümmern ums Leben, mehrere Personen überlebten mit Knochenbrüchen, einem Touristen mußte ein Bein amputiert werden. Drei Schuttberge weiter sammelt sich eine Traube von Menschen. Ein internationaler Suchtrupp mit Spürhunden stochert in den Schuttmassen. Stumm stehen die Überlebenden um die Helfer, lauschen, ob noch Geräusche zu hören sind - vier Tage nach dem schrecklichen Beben.

Die Katastrophe als Rechenexempel

"Ich kann das nicht mit ansehen", sagt Akbar. Dann geht er fassungslos in sein Zelt zurück. Dort sitzt er den ganzen Tag mit seiner Frau, der Tochter und dem Sohn, den er mit eigenen Händen aus dem Schutt geholt hat. "Drei Stunden habe ich da gelegen. Ich konnte nicht mal meinen Mund öffnen, sonst wäre der Staub in die Lunge gekommen", sagt Mohammed, sein Sohn. "Ich habe nur mit meinem Handgelenk und der Uhr an das Bettgestell klopfen können." Mohammed fängt wieder an zu rechnen. "In unserer Straße sind von zehn Leuten acht gestorben."

Für den Zweiundzwanzigjährigen ist die Katastrophe ein Rechenexempel geworden. Mohammed rechnet sich aus, daß mindestens 50.000 bis 65.000 Menschen umgekommen sein müssen. Er ruft einen Nachbarjungen heran und läßt ihn, wie zum Beweis, die verstorbenen Verwandten aufzählen. Das dauert. Der Junge ist der einzige Überlebende seiner fünfzehnköpfigen Familie. In Sekunden haben die Ziegel- und Schuttmassen von Bam ganze Familien ausgelöscht, von dem Stadtviertel, in dem Akbar aufwuchs, steht kein Stein mehr auf dem anderen.

Alle und alles verstaubt, verdreckt

Die meisten der Überlebenden hocken in Zelten des Roten Halbmonds am Straßenrand, warten auf die Lastwagen, von denen Mitarbeiter des Militärs immer wieder Lebensmittel auf die Straße werfen. Währenddessen rollen Bulldozer und Planierraupen in den Stadtkern, wo der Basar, die Maschinen und Geschäftshäuser zu grotesken Trümmerbergen zusammengebrochen sind und unter sich Autos auf eine Höhe von nur noch zwanzig Zentimetern zermalmt haben.

Die Stadt wimmelt von Militär, Polizei und Überlebenden. Alle verstaubt, verdreckt, mit Staubmasken vor dem Gesicht, nur die internationalen Suchtrupps fallen mit ihren grellfarbenen Jacken auf. Plötzlich reißt jemand den Zelteingang auf und wirft eine Flasche Ketchup hinein. "So geht das jetzt den ganzen Tag" flucht Mohammed. "Sie schmeißen das Zeug einfach ins Zelt." Zwanzig Minuten später schieben ein Paar Hände eine Schachtel Kuchen hinterher.

Planierraupen schaufeln Massengräber

Auf einmal hält direkt neben dem Zelt ein Auto, Akbar und seine Frau treten auf die Straße. Ein Verwandter steigt aus dem Wagen. Er und eine ältere Frau schließen schnell die Türen des von dem Erdbeben zerbeulten Autos. Erst bei dem Geruch, der aus dem Wagen dringt, begreift Akbar. Dann stehen sie alle zusammen, zwischen den Schuttbergen, dem Qualm, und die Frauen klammern sich aneinander und wimmern, denn auf dem Rücksitz des Wagens liegt ein weißer Plastiksack, verschnürt, mit den Leichnamen der Ehefrau und des Kindes. Eigenhändig haben sie die Toten aus den Trümmern gezogen. Mohammed hat die Ankunft der Verwandten nicht mitbekommen, weil er im Schutt des Hotels gebuddelt hat. Nun kommt er über die Straße und wirft sechs Plastiklatschen vor den Zelteingang. "Da, die hab' ich noch retten können."

Mohammed wird mit dem Grauen nicht fertig. Sein bester Freund hat nicht überlebt. Er hatte in der Nacht direkt neben Mohammed im anderen Bett geschlafen und war von der herabstürzenden Decke erschlagen worden - zwanzig Zentimeter von Mohammed entfernt lag der Tote. Die Verwandten von Akbar starren auf die Schlappen und verabschieden sich. Sie müssen sich beeilen. Sie bringen die Toten selbst zum Friedhof. Ob sie eine Grabstätte bekommen, wohl kaum.

Fast 30.000 Tote sind bisher gefunden worden. Lange schon werden keine Einzelgräber mehr ausgehoben. Das dauert zu lange. Planierraupen schaufeln zur Sicherheit Massengräber, das geht schneller, denn die Seuchengefahr ist groß. Schon wird gemunkelt, daß die Stadt evakuiert werden soll. Und so sieht der Besucher, der nach Bam kommt, schon von weitem Autokolonnen. Wagen mit Verletzten, die zum Feldlazarett am Flughafen fahren. Lastwagen mit Familien, die mit Möbeln und Hausrat vollgestopft die Stadt verlassen - und immer wieder Leichenwagen.

Die Trümmer einer Existenz

Akbar aber will die Stadt nicht verlassen. "Ich bin der letzte, der geht, ich will hier sterben, da drüben begraben werden." Und er deutet auf seinen Schuttberg. Vor den Kameras des BBC tut er optimistisch und behauptet, das Hotel werde wieder aufgebaut. Aber danach verkriecht er sich in sein Zelt. Er hat es bisher vermieden, durch die Stadt zu fahren oder sich das, was von Bam übriggeblieben ist, genauer anzuschauen. Er hat Angst vor dem Anblick, Angst, einsehen zu müssen, daß Bam vollkommen zerstört ist und einfach nichts mehr da ist, was aufgebaut werden kann. Er weiß nicht, wohin er überhaupt gehen soll.

All sein Geld hat er in die Vergrößerung seines Hotels gesteckt. Der Umbau war zu 80 Prozent fertiggestellt. Er ist verschuldet, hat keine Existenzgrundlage mehr und starrt ohnmächtig auf die Bulldozer, die immer noch an seinem Zelt vorbei Richtung Stadtzentrum fahren. Seine Frau rennt derweil mit dem Plastikeimer zu dem Tanklastzug, der Trinkwasser auf der Straße verteilt. Es wird langsam dunkel, die Stadt leert sich, und plötzlich fährt das Nachbarkind von Akbar mit einem zerbeulten Dreirad auf der ausgestorbenen Straße umher.

Und immer wieder zittert die Erde

Mohammed will noch seine Freunde Said und Ali besuchen. Eine Fahrt, an Militär- und Polizeisperren vorbei, ins Dunkel der zertrümmerten Stadt. Es ist kalt. Die Überlebenden haben sich um die Benzinöfen in die Zelte verkrochen, die wie Lampions glühen. Oder sie sitzen am Feuer, wie auch Said, Ali, der Vater von Ali und einige Nachbarn. Sie verfeuern die zersägte Haustür, starren in die Dunkelheit auf das zusammengefallene Haus, unter dem die Großeltern und zwei andere Verwandte verschüttet wurden.

Nein, Alis Vater ist rigoros gegen den Aufbau von Bam. Es sei zwecklos. Er wird gehen. Und auch Said hat schon beschlossen, seine Familie nach Girost zu seiner Schwester zu bringen. Sie werden alle in den nächsten Tagen packen. Die paar Habseligkeiten aus dem Zelt. Die Männer starren auf das Feuer, im Zelt weint die Tochter, und einige Grundstücke weiter grummelt es ab und zu, wenn die letzten schiefen Mauern eines Gebäudes in sich zusammenfallen.

Und immer wieder zittert die Erde leicht, denn die Nachbeben sind noch lange nicht vorbei. Irgendwann tritt ein Regierungsvertreter aus dem Dunkel ans Feuer. Die Männer erheben sich höflich. Er ist ein Verwandter von Alis Vater und ein Verwandter des iranischen Staatspräsidenten Chatami. Der Politiker war heute zu Besuch in Bam und hat den Wiederaufbau versprochen. Aber so klar ist das wohl nicht. "Ja, mit Hilfe der Unesco wird die alte Zitadelle wohl wiederhergerichtet", meint der Regierungsvertreter. Aber Bam? Hier? Wo es so gefährlich ist? Und wo nichts mehr steht?

Unhygienisch und gefährlich

Die Männer am Feuer seufzen tief. Said will auch vom Aufbau der alten Festungsanlage nichts mehr wissen. Er hat die alte zu sehr geliebt und als Touristenführer von ihr gelebt. "Selbst wenn sie wieder aufgebaut werden würde, ich würde sie nie wieder betreten", schwört Said. Es wird Nacht, kalt, und als der Regierungsvertreter geht, verkriechen sich alle in ihr Zelt, unter dicke Decken, lauschen auf das Knirschen der einstürzenden Häuser, husten im Rauch der Kerosinlampen und Öfen und murmeln ängstlich im Schlaf, wenn die Erde schon wieder zittert.

Am Morgen tasten sich die Familien vorsichtig wieder in die Ruinen der Häuser zurück, irgendwo ist noch eine Toilette stehengeblieben. Es ist gut, daß die internationalen Hilfsdienste Wasseraufbereitungsanlagen installieren wollen, denn die Kanalisation ist ebenfalls zusammengebrochen. Die Verhältnisse sind unhygienisch und werden gefährlich. Obwohl die Ingenieure zumindest gestern schon überall frische Wasserleitungen installiert haben, sodaß auch Ali und Said sich Trinkwasser besorgen können.

Prügel für eine Dose Fisch

Die Überlebenden sitzen morgens im Zelt, trinken schlechten Tee und essen hartgekochte Eier. In der Nacht wurden Eier verteilt. Und Fladenbrot gibt es, aber das gibt es immer. Noch ist es still in der Stadt, in Bam übernachten nur wenige Überlebende. Erst am Vormittag rollen die Militärs mit ihren Lebensmittelkonvois in die Stadt, die Rettungsmannschaften mit den Spürhunden kommen, die Arbeitstrupps mit den Schaufeln, Krankenwagen und die Polizei, die die Stadt abfahren, und Lastwagen, die Decken und Lebensmittel und Wasserflaschen verteilen.

Ein Lastwagen mit Lebensmitteln hält in der Nähe des Zeltes von Akbar. In Sekunden prügelt sich ein Pulk von Männern um Pakete und Dosen. Die Tochter von Akbar kämpft mit, aber kann gegen die sich prügelnden Männer nur Wasserflaschen ergattern. Als sie damit zu Akbars Mutter kommt, schimpft sie: "Kein Wasser, Reis sollst du holen." Und wieder kämpft sie mit den Männern am Lastwagen. Schluchzend und blutend kommt sie schließlich mit einer Dose Fisch zum Zelt zurück. Ihre Eltern haben sich abgewandt. Einer der Bulldozer hat vor den Trümmerhaufen des Nachbarhauses haltgemacht. Gleichzeitig kommt ein Trupp Militärs mit Schaufeln die Straße herunter, angeführt von einem südafrikanischen Rettungsteam. "Die Straßenhälfte drüben haben wir schon durchsucht", sagt der Gruppenleiter und meint, daß da keine Toten mehr sind. Nun ist der nächste Straßenzug an der Reihe. Am Samstag wollen sie wieder nach Hause fliegen. Akbar bedankt sich höflich und starrt auf die andere Straßenseite. Dort schiebt der Bulldozer dröhnend seine Schaufel in die Schuttberge.

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 31.12.2003, Nr. 303 / Seite 11
Bildmaterial: dpa/dpaweb

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