Von Christoph Gunkel
01. Oktober 2007 Eigentlich wollte er die Sache nur mal ausprobieren. Seine Bewerbung verstand er als Experiment. Und dann kam plötzlich die Zusage, erinnert sich Nawid Ali-Abbassi. Nicht irgendeine Zusage, sondern die der European Business School (EBS) in Oestrich-Winkel, einer privaten Wirtschaftshochschule. Doch Ali-Abbassi konnte sich nicht richtig über das überraschend erfolgreiche Experiment freuen. Wie sollte er die 10.000 Euro Studiengebühren im Jahr finanzieren? Seinen Eltern fehlte dazu das Geld. Fast hatte er sich damit bereits abgefunden, als er von einem neuen Förderprogramm für Studenten mit Migrationshintergrund erfuhr. Die Zeit freilich eilte. Es blieben nur noch fünf Tage, bis er der EBS endgültig zu- oder absagen musste. Am letzten Tag der Frist dann die Erlösung: Nach einem mehrstufigen Auswahlverfahren, bei dem Bedürftigkeit, Talent und soziales Engagement entscheiden, erhielt er die Zusage für ein Vollstipendium.
Ermöglicht hat ihm das Studium das Programm Chancen der Vodafone-Stiftung. Die fördert, nach eigener Aussage als einzige Stiftung, speziell Studenten mit Migrationshintergrund - und zwar ausschließlich an teuren Privat-Unis. Eine bewusste Entscheidung, sagt der Geschäftsführer der Vodafone-Stiftung, Bernhard Lorentz. Von Beginn an wollten wir die Förderung darauf reduzieren, weil wir damit eine Lücke im Bildungssystem schließen. Für Migranten aus bescheidenen Verhältnissen gibt es Bafög oder zahlreiche Stipendien, wenn sie an staatlichen Hochschulen studieren wollen. Aber der Weg in renommierte Privat-Unis war ihnen bisher versperrt.
Nutzen für die Gesellschaft maximieren
Nach einer Pilotphase hat die Stiftung ihr Engagement im Rahmen des 2006 gestarteten Programms nun verstärkt. Künftig sollen jährlich bis zu zwanzig Studenten mit einem Stipendium unterstützt werden, doppelt so viele wie im Vorjahr. Am Montag werden sie in der Berliner Akademie der Künste ihre Stipendiumsurkunden erhalten. Ein wertvolles Dokument: Bis zu 80.000 Euro kostet ein dreijähriges Bachelor-Studium an den Privat-Unis. Damit sollen, so Lorentz, Vorbilder einer gelungenen Integration gefördert werden, die selbst als Botschafter im Migrationshintergrund wirken.
Vorbilder wie Nawid Ali-Abbassi, der nicht vergessen hat, dass er ein Riesenglück hatte. In seiner Heimat Iran, aus der seine Eltern nach Ajatollah Chomeinis islamischer Revolution von 1979 flohen, hätte er damals wie heute überhaupt nicht studieren dürfen - weil er Anhänger der unterdrückten Bahai-Religion ist. Deshalb klingt es ehrlich, reif und nicht aufgesetzt pathetisch, wenn der Einundzwanzigjährige Sätze sagt wie: Ich bin der Gesellschaft zu Dank verpflichtet und möchte ihr dieses Glück zurückgeben. Selbständig möchte er sich später machen, eine Firma nach dem eigenen Wertekanon gründen, die soziale Verantwortung nicht nur als Feigenblatt nutzt. Es sollte nicht darum gehen, den Gewinn zu maximieren, sondern gewinnorientiert zu arbeiten und dabei den Nutzen für die Gesellschaft zu maximieren.
Ausländische Studenten stark unterrepräsentiert
Wer Ali-Abbassi in Oestrich-Winkel besucht, der vermutet nicht, dass es gerade hier Menschen wie ihn gibt, die sich als Weltbürger bezeichnen würden. Der Bahnhof verranzt, mit Graffiti vollgesprüht, Russen raus, Scheiß Türken prangt an den Wänden. Pompöse Straßennamen wie Europaallee können nur schwer die dörfliche Enge trister Reihenhäuser verbergen. Die international ausgerichtete EBS wirkt wie ein Fremdkörper in dieser kleinbürgerlichen Idylle, mitten in der Weinregion im Rheingau. Doch der Iraner mit deutschem Pass fühlt sich überall auf der Welt zu Hause, auch hier. Für ihn sind solche Menschen nicht integriert, die nicht verstehen, dass es egal ist, aus welchem Umfeld man stammt.
Aber nicht immer ist es einfach, diesem Umfeld zu entrinnen. Die Anfang der Woche veröffentlichte OECD-Studie legt nahe, dass Kinder aus sozial schwachen Familien hierzulande schlechtere Aussichten auf eine spätere Akademiker-Karriere haben als in anderen Ländern. Und nach der letzten Sozialstudie des Deutschen Studentenwerks (DSW) sind an deutschen Unis Studenten aus Zuwandererfamilien mit nur acht Prozent stark unterrepräsentiert. Dies sei beschämend, sagt DSW-Präsident Rolf Dobischat, da inzwischen ein Fünftel der Bevölkerung ausländische Wurzeln habe. Er fordert gezielte Angebote für Studenten mit Migrationshintergrund, um deren Begabungspotentiale nicht weiter zu verschwenden.
Vorteil Mehrsprachigkeit
Einige Hochschulen haben bereits umgedacht und fördern in speziellen Seminaren und Studiengängen interkulturelle Fähigkeiten. Für sie sind Migranten keine lernschwachen Exoten, sondern mit ihren Erfahrungen oftmals deutschen Studenten gegenüber sogar im Vorteil.
Einer dieser Vorteile ist die Mehrsprachigkeit. Weil sie mit 21 Jahren schon vier Sprachen fließend spricht, möchte Delly Nishimwe, ebenfalls eine der neuen Vodafone-Stipendianten an der EBS, später in einem international tätigen Unternehmen arbeiten. Für sie beginnt gelungene Integration mit der Sprache. Als ich aus Ruanda nach Deutschland kam, war ich schon dreizehn Jahre und wollte so schnell wie möglich Deutsch lernen, erzählt sie. Acht Jahre später spricht sie fast akzentfrei. Ich war so oft in der Bücherei, dass viele Besucher mich nach Büchern fragten, weil sie dachten, ich sei eine feste Mitarbeiterin.
Oftmals werden Talente der Migranten nie entdeckt
Doch Fleiß und Ehrgeiz, diese angeblich so typisch deutschen Eigenschaften, reichen nicht immer aus. Oftmals werden die Talente der Migranten nie entdeckt. Lange sah es auch bei Tanja Daumlechner, gebürtige Kasachin, so aus. Vor elf Jahren zogen ihre Eltern nach Deutschland, die damals Neunjährige sprach kein Wort Deutsch und wuchs in einer russischen Clique auf. Da haben wir dann auf russische Art abgehangen, auf Spielplätzen rumgelungert, Bier getrunken, die Jungs haben sich manchmal geschlagen, erzählt sie. Ihr Weg schien vorgezeichnet: Die Eltern, Diplom-Ingenieure aus Kasachstan, fanden in Deutschland nur einfache Jobs, Tanja besuchte die Hauptschule und war niedergeschlagen, als die Lehrer von einer anderen Schulform abrieten. Bis ich Glück hatte, eine Lehrerin mein Potential entdeckte und mich auf ein Gymnasium schickte. Dort habe sie, fügt sie selbstsicher hinzu, auf der Stelle gute Noten erzielt. Doch es war nicht nur Glück. Ich war auch bereit, mich auf die deutsche Mentalität einzulassen.
Unpünktlichkeit und Genauigkeit vereint
Mit den Noten kam nicht unbedingt die Anerkennung: Viele haben gesagt, dass ich nur gute Zensuren bekomme, weil ich Ausländerin bin. Lange wusste Tanja Daumlechner nicht, zu welcher Kultur sie gehört. Bei einem Moskau-Besuch galt sie bei manchen Russen als eingedeutschte Tussi, in Deutschland aber wurde sie nicht immer als Deutsche akzeptiert - trotz perfekter Aussprache. Heute fühlt sie sich eher als Deutsche, doch die Wurzeln ihrer Herkunft bringen sie noch immer in Gewissensnöte. Karriere möchte sie machen, jetzt, da sie als Stipendiatin an der EBS Wirtschaftsrecht studiert. Ihr Rollenverständnis, den festen Wunsch nach Kindern und die große Bedeutung der Familie, hat sie aus ihrer Heimat mitgebracht.
Werden sie sich später selbstverständlich als Angehörige einer neuen deutschen Elite verstehen - Delly Nishimwe, die Europäerin mit afrikanischen Wurzeln, und Nawid Ali-Abbassi, der Weltbürger, der persischen Hang zur Unpünktlichkeit mit deutschem Drang zur Genauigkeit in seiner Person vereint? Tanja Daumlechner sagt, sie fühle sich nicht elitär. Und fügt selbstbewusst hinzu: Ich möchte später Verantwortung übernehmen.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 23.09.2007
Bildmaterial: Marcus Kaufhold