Von Florentine Fritzen, Weimar
26. Januar 2005 Der Schnee herrscht über Buchenwald. Er hat sich über den Ettersberg gelegt, sitzt auf den Zweigen der schlanken Laubbäume, weht fein-staubig von den Dächern der wenigen Häuser, die noch übrig sind aus einer nahen fernen Zeit.
Unentwegt zieht ein Schaufelbagger mit Schneeketten knatternd seine Runden auf den weißen Wegen, die er seit dem Morgen selbst geschaffen hat zwischen den bräunlich verwitternden Gebäuden.
Weiter oben stützen sich Männer auf ihre Schneeschippen und machen Pause, ihr trocken-weiches Thüringisch erfüllt die Luft. Sie stehen vor einem der länglichen Häuser außerhalb des einstigen Häftlingslagers. Anders als die Gebäude unten hat man die ehemaligen SS-Kasernen vor nicht allzu langer Zeit frisch gestrichen, sie leuchten freundlich gelb.
In einem dieser im Halbrund angeordneten Häuser am Eingang der Gedenkstätte läuft zu jeder vollen Stunde ein Film. Dreißig Minuten lang erzählt er davon, wie Gefangene aus ganz Europa seit dem Sommer 1937 ein Konzentrationslager bauen mußten, hier im Wald nordwestlich von Weimar, auf dem Ettersberg, wo Goethe mit Charlotte von Stein unter einer Eiche gesessen haben soll und auf den die Weimarer am Wochenende mit Picknickkörben zogen.
Nach dem Krieg starben nochmal tausend
Nationalsozialisten zwangen die Häftlinge, ihr eigenes Gefängnis zu errichten, mit einem Bahnanschluß, damit die Todesmaschinerie reibungslos weitere Menschen herantransportieren konnte, und einem Zoo zum Zeitvertreib der SS-Männer und ihrer Familien. Als die alliierten Truppen Buchenwald im April 1945 befreiten, waren Zehntausende Juden, politische Gegner des nationalsozialistischen Regimes, Vorbestrafte, Asoziale, Homosexuelle, Sinti und Zeugen Jehovas in dem Konzentrationslager umgekommen, bei Massenexekutionen oder vor Hunger, Kälte, Krankheit und Erschöpfung. Kaum vier Wochen nachdem die letzten Überlebenden das Lager verlassen hatten, sperrte der sowjetische Geheimdienst deutsche Häftlinge in die Baracken. Bis 1950 starben in Buchenwald abermals Tausende Menschen.
Der Schnee herrscht über Buchenwald. Handbreit klebt er an den auf dem Boden schleifenden Schlaghosen der Mädchen und am Saum der weiten, tief im Schritt hängenden Jeans der Jungen, kriecht kalt in spitze Stiefel und dünne Turnschuhe. Drei Mittelstufenklassen aus Thüringen sind an diesem Vormittag auf dem weiten Gelände der Gedenkstätte unterwegs. Eine Gruppe hat sich oberhalb des ehemaligen Lagertors versammelt und stampft und hüpft und poltert. Die fünfzehn, sechzehn Jahre alten Schüler kommen aus der Richtung jenes Pfades, über den - sechs Jahrzehnte ist es her - ein Rudel Hunde regelmäßig die neu ankommenden Häftlinge ins Lager hineinhetzte. Weil es dabei laut und schnell zuging, nannten die Nationalsozialisten diesen letzten Streckenabschnitt auf dem Weg nach Buchenwald Caracho-Weg.
Viertel nach Drei
Jetzt lassen wir den Schnee mal sein, das ist zwar lustig, aber jetzt konzentrieren wir uns mal wieder, sagt die Gedenkstättenführerin, die nicht gesehen hat, daß gerade ein Junge hastig an einer Zigarette gezogen und sie an einen Freund weitergegeben hat. Rauchen, Essen und Trinken sind in Buchenwald verboten. Die vielleicht vierzig Jahre alte Frau zeigt auf die Uhr am Torgebäude, deren Zeiger auf Viertel nach drei stehen. Ob jemand wisse, warum man die Uhr angehalten habe? Die Amerikaner, sagt ein Junge, die Alliierten, vermutet ein anderer. Genau. Das war die Stunde der Befreiung. Wir haben dieses Jahr sechzig Jahre Befreiung.
Dann stapfen sie ins eigentliche Lager hinein. Manche Mädchen und Jungen lesen schon beim Hindurchgehen die drei Worte in dem Metalltor, andere beachten sie erst, als die Führerin die Tür schließt und auf die großen Lettern hinweist, die von innen lesbar sind: Jedem das Seine. Ein Bibelspruch ist das aber nicht? fragt ein Mädchen. Die Frau erzählt den Schülern, daß die Sentenz ursprünglich von den alten Römern stamme und daß diese damit etwas ganz anderes gemeint hätten als die Nazis, nämlich das Recht eines jeden Bürgers, zu bekommen, was ihm zustehe. Ob einige von ihnen Latein lernten, fragt kurz darauf ihre Kollegin an derselben Stelle die nächste Gruppe. Manche kichern, niemand antwortet. Ob jemand die Worte suum cuique übersetzen könne? Nein, niemand kann. Das heißt: Jedem das Seine.
Ruhe bitte
Als nächstes hören die Jugendlichen von den Zählappellen morgens und abends auf dem Lagergelände, davon, daß sich zehntausend Menschen stundenlang nicht rühren durften, weil drei geflüchtet waren. Und ihr müßt euch vorstellen, das war im Februar. Sie gehen weiter. Ein Mädchen klagt: Es ist so kalt! Ein anderes fragt: Hätten wir das nicht im Sommer machen können? Links liegt jetzt die Häftlingskantine, in der die Gefangenen geringe Mengen Gemüsewurst, Kartoffelsalat und Muschelpaste kaufen konnten. Damit schöpfte die SS das wenige Geld ab, das Angehörige von Häftlingen an die Lagerverwaltung überweisen durften. Ein Junge sagt: Das ist die Gaststätte.
Ihre Lehrer fallen vor allem dadurch auf, daß sie älter sind und anders gekleidet als die Jugendlichen, das Wort ergreifen sie so gut wie nie. Die Schüler ermahnen sich selbst in scherzhaftem Ton: Ruhe bitte, wir sind hier in einem . . . Der Junge kommt nicht auf den Begriff, den er sucht. Gedenkstätte? schlägt ein Mädchen vor. Dann fällt es dem Klassenkameraden doch ein: Nee, Arbeitslager. Das machen wir jetzt auch jeden Tag, ich wecke dich zwei Stunden vor Sonnenaufgang, und du mußt Appell machen. Das Mädchen lacht.
Entsetzte Gesichter
Dann kommen sie zum Krematorium. Im Vorraum, der Pathologie, wo Ärzte und Helfer den Leichen Goldzähne herausbrachen, Gebrauchsgegenstände aus Menschenhaut fertigten und eingeschrumpfte Köpfe herstellten, ein übliches Geschenk in SS-Kreisen, muß die Führerin noch dreimal Mützen ab, bitte! rufen, bis auch die letzte rosafarbene Fellkappe mit herunterklappbaren Ohrenschützern verschwunden ist. Nebenan aber, im 1940 errichteten eigentlichen Krematoriumsbau, verstummen sie jäh und halten sich an die Regeln, ohne über Regeln nachzudenken. Wir bitten Sie, das Krematorium als Ort der Stille zu respektieren, steht draußen auf einem Schild, doch das wissen sie gar nicht.
Eine dicke Schneeschicht liegt über der Bitte, und niemand hat sie heruntergefegt. In großem Bogen gehen die Schüler um die sechs Backsteinöfen mit den schwarzen Beschlägen herum, ohne die staunend entsetzten Gesichter von den sechs starrenden Löchern abzuwenden. Auf jeden Ofen führen Schienen zu. Vor einem hat man einen der schwarzen Wagen stehengelassen, jemand hat eine Rose daraufgelegt. Zwei dicke Jungen halten ihre Digitalkameras vor sich und machen schnelle Fotos. Sie bleiben nicht stehen, schleichen hastig gebannt durch den Raum hindurch und am anderen Ende wieder ins Freie.
Keiner sagt auf Wiedersehen
In der Ausstellung Konzentrationslager Buchenwald 1937 bis 1945 im Kammergebäude, in dem die Lageraufseher die geraubte Habe der Häftlinge aufbewahrten, wärmen sich die Schüler wieder auf. Mit Zetteln und Stiften gehen sie von Vitrine zu Vitrine und schreiben ab, was auf den Täfelchen neben Fotos, Dokumenten, Schuhen, Kleidung, Knöpfen, Schachfiguren oder selbstgebastelten Dominosteinen steht. Was sie da tun? Wir müssen Fragen beantworten, die uns gestellt wurden. Vor Bildern von Leichen in den Öfen des Krematoriums ruft ein Mädchen laut Iiih! und winkt eine Freundin herbei: Mandy, guck mal! Mandy guckt und zeigt auf ein anderes Bild: Ich finde die da unten geil. Die Freundin staunt: Die wurden so übereinander gelagert. Ein Junge sagt leise: Richtig so! Mandy gibt ihm einen Klaps.
Niemand sagt der Museumswächterin auf Wiedersehen. Dürfen wir zum Ausgang gehen? fragen zwei Mädchen ihre Lehrerin. Die rund fünfzig Jahre alte kleine Frau mit den kurzen grauen Haaren schaut auf die Uhr und entscheidet: Ja. Aber bitte hört jetzt auf dem Gelände des KZ auf, mit Schneebällen zu werfen. Dann macht auch sie sich zusammen mit einer jüngeren Kollegin auf den Rückweg. Es ist nun mal so, sagt sie, für die Kinder ist das alles weit weg.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27.01.2005, Nr. 22 / Seite 7
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