Plage

Die Rückkehr der Ratten

Von Franz Josef Görtz

Wo ist die Nahrung? Ratten sind immer auf der Suche

Wo ist die Nahrung? Ratten sind immer auf der Suche

25. April 2007 München rattenfrei? „Das wäre schön“, seufzt Michael Hayn, der leitende Gesundheitsaufseher der Stadt. Um dann eilig zu versichern: „Wir haben das Problem fest im Griff.“ In den Ordnungsämtern der meisten deutschen Kommunen bekommt man ganz andere Auskunft. Von einer Rattenplage mag dennoch niemand sprechen. Oder nur hinter vorgehaltener Hand.

Der Hambuger Maler und Illustrator Hinnerk Bodendieck kann das Wort „Rattenbefall“ nicht mehr hören, seit er aus einem Kurzurlaub nach Hause zurückkehrte und sein Atelier „verdreckt und verwüstet“ vorfand: „überall Rattenkot, alle Vorräte aufgefressen, die Tetrapacks angenagt und ausgelaufen“.

Verendetes Tier stank wie die Pest

Schnellrestaurants geschlossen: New York hat ein Rattenproblem

Schnellrestaurants geschlossen: New York hat ein Rattenproblem

Eine „komplette Familie“ war auf dem Ausflug von den Alster-Niederungen in die Innenstadt durch ein Loch in der Kanalisation in den Wohnblock eingedrungen und auch mit Kammerjägerhilfe erst nach Wochen aus dem Haus zu bringen. „Ich habe in der Küche den Fußboden herausreißen müssen“, stöhnt Bodendieck, „weil ein verendetes Tier wie die Pest gestunken hat - aber einfach nicht zu finden war“.

Ein Apotheker in Ostwestfalen, der nun fürchtet, dass ihm die Kundschaft wegbleibt, „wenn sich das herumspricht“, rief erst Polizei und Feuerwehr, als er der Ratteninvasion in Hinterhof und Treppenhaus nicht mehr Herr wurde. Dann lief er zum Kadi und klagt jetzt gegen den Hausherrn - weil nach dem Infektionsschutzgesetz der Grundbesitzer bei der Bekämpfung der schädlichen Nager in der Pflicht wäre, aber seit Wochen nichts unternommen hat.

Eine Ratte pro Einwohner - mindestens

Zwar mache ein milder Winter tatsächlich noch keine Rattenplage, glaubt der Biologe Heinz Peper vom Naturschutzbund „Nabu“ in Hamburg. Doch Ratten und Mäuse sind anscheinend mehr geworden, nicht nur in den großen Städten. Denn „nicht nur die Mülleimer und die Komposthaufen quellen über von Speiseresten“, sagt Rainer Gsell, der Vorsitzende des Verbands der Schädlingsbekämpfer in Deutschland. „Für Ratten sind auch die Fußgängerzonen mit den zahllosen Imbissbuden und Fast-Food-Restaurants längst zu einem Abfallparadies geworden.“

Natürlich habe man Rattenbefall, verlautet es aus dem Frankfurter Römer. Auch in Mainz will man in diesem sommerlichen Frühjahr deutlich mehr Ratten und Mäuse an den Ufern von Rhein und Main beobachtet haben als in den Jahren zuvor. Eine Ratte pro Einwohner - das war lange Zeit eine gültige Hochrechnung, die auch von professionellen Rattenfängern nie bezweifelt wurde. In Wiesbaden liegen die Schätzungen längst bei vier Ratten pro Kopf der Bevölkerung, in ländlichen Regionen sogar noch deutlich darüber. Obwohl „keiner die Viecher zählt und präzise Zahlen darum nirgendwo zu bekommen sind“, wie Rainer Gsell zugibt, der seit 25 Jahren in der „Igitt-Branche“ tätig ist.

Rudelweise durch die Vorratskammern

Rattenplage? Anita Plenge-Bönig, Mitarbeiterin am Hamburger Institut für Hygiene und Umwelt, hält das Wort für unangemessen. Ein Viertel mehr Anzeigen aus der Bevölkerung als üblich seien es nach dem warmen Sommer des Jahres 2006 zum Beispiel in Hamburg gewesen. Vielleicht tatsächlich ein Hinweis auf einen Zuwachs der Rattenpopulation - vage genug allerdings. Das will die gelernte Infektionsepidemiologin gern einräumen.

Im Käfig wirkt die Ratte harmlos

Im Käfig wirkt die Ratte harmlos

Die Rückkehr der Ratten in die großen Städte hat sich inzwischen zum globalen Phänomen ausgewachsen. So muss jedenfalls denken, wem die Horrormeldungen der vergangenen Monate noch in Erinnerung sind. In New York werden Schnellrestaurants wegen Rattenbefalls geschlossen. In einem dieser Lokale wird eine Kellnerin ins Bein gebissen, in einem anderen fällt eine Ratte von der Decke, in einem dritten, so zeigen Fernsehbilder, laufen die Tiere rudelweise durch die Vorratskammern.

McDonald's-Abfälle statt Wurzeln

Klar, dass solche Meldungen schnell die Runde machen. Zusammen mit der langen Liste der Krankheiten, die von Ratten übertragen werden können: von Tollwut und Tuberkulose über Fleckfieber und Zeckenenzephalitis bis zu Salmonellen und Leptospiren, zum südostasiatischen Hanta-Virus oder zur ganz ordinären Maul- und Klauenseuche.

Vermehren sich wie wild: New Yorker Ratten

Vermehren sich wie wild: New Yorker Ratten

Ratten bevölkern die B-Ebenen der Städte, in New York nicht anders als in Hamburg oder Berlin. Sie hausen in Kellern und in der Kanalisation, in U-Bahn-Schächten und Abwasserrohren und fressen mit Vorliebe das, was die Menschen ihnen hinwerfen oder achtlos einfach fallenlassen: Brot und Pizzaränder, Hühnchenknochen und Hamburgerreste. Das finden sie inzwischen auf unseren Schulhöfen und in öffentlichen Parks ebenso wie auf belebten Innenstadtstraßen. „Früher hat die Ratte noch Wurzeln gefressen“, sagt Gsell, „heute sind es die Abfälle von McDonald's.“

„Explosion der Rattenpopulation“

Damals, fügt er gern noch hinzu, gab es an allen Schulen noch Hausmeister, die sich um die Sauberkeit auf den Höfen und die regelmäßige Leerung der Papierkörbe kümmerten. „Aber die Kommunen müssen sparen. Und sie sparen an Hausmeisterstellen und Reinigungskräften. Ratten und Mäuse danken es ihnen.“

Im Schnellimbiss fühlt sich die Ratte besonders wohl

Im Schnellimbiss fühlt sich die Ratte besonders wohl

Die Nachrichten aus anderen Teilen der Welt lassen ahnen, was uns in naher Zukunft bevorstehen könnte. Von einer regelrechten „Explosion der Rattenpopulation“ sprach zu Anfang dieses Jahrzehnts schon Peter Gibson, Sprecher der Umweltorganisation „Keep Britain tidy“ in London. Man stelle sich vor: zweitausend Nachkommen innerhalb eines Jahren aus der Brut eines einzigen Rattenpärchens! Kein Wunder, dass in Großbritannien innerhalb von nur zwei Jahren die Zahl der Ratten um 25 Prozent auf 60 Millionen Exemplare anwuchs.

Apokalyptisch anmutende Horden

Exotischer mutet an, was die „Netzzeitung“ von der südafrikanischen Insel Marion Island an der Peripherie der Antarktis berichtet. Dort sei innerhalb der vergangenen zwanzig Jahre die durchschnittliche Niederschlagsmenge von 2500 auf 1750 Milliliter gesunken. Unter dem deutlich spürbaren Anstieg der Temperaturen verändere die Vegetation sich augenfällig, heißt es, Ratten und Mäuse träten in apokalyptisch anmutenden Horden auf.

Fahrlässig also, dem bedrohlichen Wildwuchs nicht systematisch und nachhaltig Einhalt zu gebieten. „Es ist durchaus möglich, die Ratten in Deutschland wirksam zu bekämpfen“, sagt Erik Schmolz vom Umweltbundesamt in Berlin. Und versichert nachdrücklich: Die „Superratte“, von der schon seit fünfzig Jahren die Rede ist, weil sie angeblich gegen alle Gifte immun sei, gibt es nicht. Auch wenn die meisten der gebräuchlichen Mittel gegen die lästigen Nager inzwischen nichts mehr auszurichten vermögen.

Tiere verbluten innerlich

Das bekannteste Gift dieser Art trägt den Namen Warfarin und gehört zu den Antikoagulantien. Sie verhindern, dass das Blut gerinnt, und machen die Blutgefäße durchlässig, so dass die Tiere verbluten. Es kam 1953 auf den Markt und galt als Mittel der Wahl. Bis 1958 in Schottland und 1966 in den Niederlanden die ersten Ratten auftraten, die sich als resistent gegen Warfarin erwiesen. Nachdenklich machen sollte allerdings der Umstand, dass auch in Deutschland, namentlich in den Gebieten um Hamburg und Hannover, inzwischen Ratten angetroffen wurden, denen das Gift offenbar nichts anzuhaben vermag.

Viel Zeit ist also nicht mehr zu verlieren: „Wir besitzen nur eine Wirkstoffgruppe, mit der wir die Schädlinge bekämpfen können“, sagt Erik Schmolz vom Umweltbundesamt. Wann die Ratten auch gegen diese hochtoxischen Mittel gefeit sein werden, weiß allerdings niemand.

Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 22.04.2007, Nr. 16 / Seite 64
Bildmaterial: AP, picture-alliance/ dpa

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