Von Anna v. Münchhausen
08. Mai 2005 Irrtum Nr.1: Mütter haben ein Aufräum-Gen.
Moment - nein, haben sie nicht. Es ist nur so, daß außer den Müttern meist niemand in der Familie imstande ist, die Ordnung von Chaos zu unterscheiden wie Gottvater das Licht vom Dunkel am zweiten Schöpfungstag und den gewünschten Zustand wiederherzustellen. Wobei der erste Hauptsatz der familiären Raumlehre gilt: Die Summe der Unordnung ist immer negativ reziprok zum Abstand von der jüngsten Aufräum-Aktion. Bewährt in diesem Zusammenhang haben sich Warnschuß-Anlagen wie: Am Freitag wird gesaugt. Was dann noch auf dem Boden liegt, ist ein für allemal verschwunden.
Irrtum Nr.2: Mütter kennen keine Müdigkeit.
Ach nein? Der faszinierende Zustand zwischen instinktgesteuertem Handeln und totaler Bewußtlosigkeit stellt sich zuverlässig ein, wenn man dreimal nachts ein kleines Bett frisch bezogen, Pyjamas eingeweicht und vier Wärmflaschen zubereitet hat. Morgens fühlt sich dann die Welt an, als liege sie hinter einer Milchglasscheibe. Man sieht nichts, und man hört auch nichts, denn die Ohren sind wie mit Watte verstopft. Ab und an knacken die Kieferknochen vom Gähnen. Dann schaltet die Mutter einfach den Auto-Piloten ein - und schnurr, läuft der Tag wie von selbst.
Irrtum Nr.3: Mütter werden niemals krank.
Das kann man so nicht sagen. Richtig ist vielmehr, daß die Medizin das Geheimnis ihres Immunsystems immer noch nicht völlig entschlüsselt hat. Es sorgt jedenfalls dafür, daß Mütter imstande sind, jede Krankheit stehend zu absolvieren. Das freut die Krankenkasse, das schont die Bettwäsche. Grippe, Scharlach, Magen-Darm-Infekte lassen sich durchaus ambulant in Selbsttherapie bewältigen. Einzige Voraussetzung ist der Umstand, daß Mama funktionieren muß. Ein unabweisbares Argument dafür ist, daß Kinder nichtfunktionierende Mütter als existentielle Bedrohung begreifen, die zu akuten Panikattacken, ja zur völligen Verwahrlosung der Kleinfamilie führen kann.
Irrtum Nr.4: Mütter sind machtgeil. Sie domestizieren ihre Familie, bis alle übers Stöckchen springen wie die Königstiger.
Insgeheim wünschen sich Mütter das, richtig. Doch gelingt es leider, leider nur wenigen von uns. Die Realität sieht so aus, daß sich im trauten Heim so ziemlich alle hemmungslos selbst verwirklichen, bis auf ... Aber laß mal, ist schon gut!
Irrtum Nr.5: Mütter gehören ins Haus.
Bis die Kinder 18 sind, was? Dieser Satz hat viel mit Deutschland und wenig mit der Realität zu tun. Nein, hier werden jetzt nicht wieder die Studien zitiert, die von der quality time der Mutter spricht, auch nicht jene amerikanischen Forscher, die vor Jahren schon den Mythos von der Supermama widerlegten, die sich ganztags ausschließlich um die Kinder kümmert. Langsam, ganz allmählich dämmert es auch grauköpfigen Politikern, daß es weder Mutter noch Kinder zwangsweise glücklich macht, wenn hochqualifizierte Frauen für immer aus dem Beruf aussteigen, um sich der Familienarbeit zu widmen. Könnte es sein, daß dieses zählebige Dogma etwas mit unserer demographischen Krise zu tun hat? 'Tschuldigung, war nur so eine Idee.
Irrtum Nr.6: Mütter sortieren Männer nur nach guter Papi oder schlechter Papi.
Freiwillig nie! Dummerweise zwingt die Realität Müttern dieses Konstrukt auf. Gute Papis sind solche, die nachts aufstehen, das Baby anderthalb Stunden herumschleppen und sich etwas einfallen lassen, wenn dann auch noch die Pampers-Packung aufgebraucht ist. Schlechte Papis kommen nie vor 21 Uhr aus dem Büro. Manche Männer - und gar nicht mal so wenige! - schaffen es, frei zu flottieren zwischen diesen beiden Polen.
Irrtum Nr.7: Mütter haben alle ihre Kinder gleich lieb.
Von wegen. Es gibt Tage, da findet man den Jüngsten mit seiner frechen Zahnlücke einfach unwiderstehlich. Während die sich gerade eben ein Paar neue Sneakers ertrotzt habende Tochter erklärt, die XY-Jacke vom vergangenen Jahr passe zwar noch eben, gehe aber so gar nicht mehr. Tags darauf allerdings kann es passieren, daß der Jüngste den Hamsterkäfig wieder nicht sauber gemacht hat, während die Tochter flaumweiche Pfannkuchen für alle backt. Mit anderen Worten: Eine Mutter würde gern alle ihre Kinder gleich lieb haben. Aber die Kinder verhindern das.
Irrtum Nr.8: Mütter kochen gern.
Wer wollte bezweifeln, daß der Kampf gegen Hunger und Dreck zu den vornehmsten Aufgaben einer Mutter gehört? Auch wenn er nicht immer die angemessene Anerkennung ihrer Lieben findet. Die Freude am Kochen wird allerdings dadurch eingeschränkt, daß Marie Gemüse haßt, Max allergisch ist gegen Milchprodukte und Lena keine Nüsse verträgt. Logische Folge: ein stark eingegrenztes Rezept-Repertoire, das von allen als eintönig getadelt wird. Ach, wenn wir könnten, wie wir wollten...
Irrtum Nr.9: Egal, ob ihre Kinder schielen, hinken oder stinken - Mütter sind immer stolz auf ihre Brut.
Eine der hartnäckigsten Unterstellungen. Mit dem Stolz verhält es sich folgendermaßen. Ein bislang unerforschter Zusammenhang zwischen Wahrnehmung und Reaktion in der mütterlichen Großhirnrinde hat zur Folge, daß Eigenschaften, die hier und da als problematisch angesehen werden, im Fall des eigenen Nachwuchses umdefiniert und, sagen wir, abgeschliffen werden. Völlig ohne Beteiligung der handelnden Person und unter Ausschaltung objektiver Kriterien. Angenommen, Jakob regelt Konflikte auf die zupackende Art. Dann würde seine Mutter eben sagen: Jakob ist ein selbstbewußtes Kind, das sich nichts gefallen läßt.
Irrtum Nr.10: Mütter kennen kein anderes Thema als ihren Nachwuchs.
Ungefähr genauso richtig wie die Behauptung, daß Männer unter sich über nichts anderes sprechen als Fußball, geile Frauen und nfähige Vorgesetzte. Und das stimmt ja schließlich auch nicht - oder? Es gibt allerdings Mütter, die es fertigbringen, beim Elternabend als erstes zu fragen: Warum haben Sie Laura neulich eigentlich nur eine Zwei plus und keine Eins gegeben? Ein genialer Schachzug. Erstens hat die Mutter den Klassenlehrer vor Publikum in Zugzwang gebracht. Zweitens hat sie ein für allemal und für alle erkennbar die Hackordnung der Klassengesellschaft geregelt.
Irrtum Nr.11: Mütter lassen niemals los.
Auch wenn die Kinder groß sind und schon ganz allein über die Straße kommen, vielleicht sogar bereits den Führerschein besitzen. Es ist ein großer Moment, wenn das Jüngste die Koffer packt und abzieht, ganz allein. Doch die Mutter weinet sehr? Ach... Es ist zwar plötzlich sehr still in der Wohnung, einzelne Staubkörner tanzen im Sonnenlicht, zerliebte Teddybären blicken starr ins Leere, und das Telefon klingelt statt dreißigmal nur noch dreimal am Abend. Die Erkenntnis, den Bofrost-Dienst mit den Familienpackungen TK-Gemüse abbestellen zu können, ist ebenso erschütternd wie befreiend.
Irrtum Nr.12: Mütter lieben den Muttertag.
Lächerlich. Du sollst auf dem Sofa ruh'n, wir wollen alle Arbeit tun... Gibt es etwas Verlogeneres als diese Pflicht zur Dankbarkeit, an einem Sonntag im Mai abgestottert und herausgepreßt?
P.S. Für Irrtum Nummer 13: Mütter sind asexuelle Wesen reicht an dieser Stelle leider der Platz nicht aus. Wir verweisen auf die Fortsetzung am 7. Mai 2006.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 08.05.2005, Nr. 18 / Seite 68
Bildmaterial: AP, dpa/dpaweb