Von Birgit Svensson
08. Dezember 2003 Am Anfang war der Kompost von 70 Allgäuer Milchkühen, die Ibrahim Abouleish mit in die Wüste nahm. 1977 erwarb der Ägypter 70 Hektar Land 60 Kilometer nordöstlich von Kairo und gründete Sekem. Am heutigen Montag erhält er für seine "sonnenhafte Lebenskraft", wie Sekem gemäß einer altägyptischen Hieroglyphe heißt, den Alternativen Nobelpreis in Stockholm. Was er mit den 200.000 Euro Preisgeld machen wird, weiß der Sechsundsechzigjährige genau: Er will eine Universität gründen. "Damit", so sagt er, "bin ich der Vollendung meiner Vision ein ganzes Stück näher gerückt."
Gemeinsam arbeiten und lernen unter einem Dach - und das in einem Land, in dem bis vor kurzem noch niemand wußte, daß die Menschen jede Menge Gifte mit der Nahrung zu sich nehmen, und die Fürsorge für die Erde seit dem Ende der pharaonischen Zeiten weitgehend in Vergessenheit geraten war. "Vor 20 Jahren war ich gegen alles", sagt Regina Hanel. "Gegen Atomkraft, Rüstung, Krieg und Umweltzerstörung." Vor zehn Jahren wollte die heute Zweiundvierzigjährige für etwas sein und ging in die ägyptische Wüste. Das Projekt von Ibrahim Abouleish hat sie fasziniert. Seitdem ist sie seine rechte Hand.
"Jeder in der Gegend war krank"
"Jede Kuh bei uns hat einen Namen", sagt die Sozialpädagogin und zeigt auf die arabischen Namensschilder im Stall. "Das war für die Ägypter anfangs ungewöhnlich", erzählt Regina Hanel, die - wie ihre Kühe - aus dem Allgäu stammt, aus Memmingen. Tiere werden in Ägypten gezüchtet und geschlachtet. Daß man zu ihnen auch eine Beziehung entwickeln kann, lernen die Angestellten jetzt bei Sekem. Mittlerweile arbeiten 1000 Leute auf dem 2000 Hektar großen Gelände. Es ist eine riesige Farm in der Wüste, fast wie ein Dorf, mit Wohnhäusern, Werkstätten, einem Kindergarten, einer Schule, einem Krankenhaus und mehreren Cafeterien. "Landwirtschaft ist die Basis", sagt Regina Hanel. Jede soziale, wirtschaftliche und kulturelle Entwicklung der vergangenen Kulturepochen hatte die Landwirtschaft zur Grundlage. Doch wurde sie immer mehr zur Landbau-Industrie. Die Folgen sind katastrophal. Ägypten wurde zum Hauptanwender von Pestiziden.
"Jeder in der Gegend war krank", sagt Regina Hanel. Als 1996 das medizinische Zentrum auf dem Sekem-Gelände eröffnet wurde, gingen die Mitarbeiter in den umliegenden Dörfern von Haus zu Haus, registrierten alle Mitglieder der Familien und prüften deren Gesundheitszustand. Parasiten und Allergien waren die häufigsten Krankheitsursachen. Wer nicht ambulant behandelt werden konnte, wurde zum Besuch in die Klinik eingeladen. Mittlerweile kommen 30.000 Patienten jährlich.
Kampf gegen die Pestizide
Regina Hanels und Ibrahim Abouleishs Kampf gegen die Pestizide ist nicht einfach. Aber sie erringen auch Erfolge: Die ägyptische Regierung verbot die chemische Schädlingsbekämpfung für Baumwollpflanzen durch Flugzeuge. 35.000 Tonnen Pestizide pro Jahr werden nicht mehr auf Felder und Dörfer gesprüht. Das farmeigene Labor untersucht ständig die Substanzen des Bodens. Wenn der Kuhmist von Sekem sich mit dem Wüstenboden vermengt hat, wird er abgetragen und an anderer Stelle für die Fruchtfolge präpariert. So wird Hektar für Hektar Wüste zu fruchtbarem Boden. Das farmeigene Bodenlabor untersucht ständig die Substanzen. Die Erde hier sei völlig frei von Chemie, versichert Abouleish. Seine Produkte tragen das Demeter-Zeichen. Die Richtlinien hierfür sind streng, die Kontrollen ebenfalls. In Ägypten werden sie durch das Center for Organic Agriculture (COAE) durchgeführt, eine nach europäischen Standards arbeitende private Zertifizierungsstelle, die wiederum vom Deutschen Akkreditierungsrat überprüft wird. Abouleishs Obst und Gemüse gibt es auch in deutschen Supermärkten zu kaufen.
Doch die Leidenschaft des Pharmakologen, der einst in Graz studierte, gilt den Heilpflanzen. Zahllose Kräuter und Blumen wachsen auf der Sekem-Farm und hüllen die Umgebung in einen Duft aus Hibiskus, Anis, Kamille, Pfefferminz, Schwarzkümmel. Aus dem anfangs bescheidenen Export von Anis-Pflanzen in die Vereinigten Staaten ist ein Riesengeschäft mit Heilkräutern und Heilmitteln in aller Welt geworden. Ibrahim Abouleishs Sohn Helmy, der die Sekem-Gruppe mit inzwischen sechs Firmen verwaltet, erwartet dieses Jahr einen Umsatz von 55 Millionen ägyptischen Pfund (gut acht Millionen Euro) für Heilmittel; das ist etwa die Hälfte des Gesamtumsatzes. Vor allem Knoblauchpräparate gehen gut. Die wissenschaftlichen Mitarbeiter haben eine Kapsel entwickelt, die sich erst spät im Darm auflöst, das Immunsystem stärkt und keinen Knoblauchgeruch hervorruft. Auch Mistelextrakte zur Krebsbehandlung, in Ampullen abgefüllt, werden bei Sekem hergestellt; sie sind zumeist für den einheimischen Markt bestimmt. Mehr als die Hälfte aller Produkte werden in Ägypten verkauft.
Ich wollte mein Land heilen
Ibrahim Abouleish startete sein Unternehmen in der Wüste nach dem Ende des Oktoberkrieges 1973 gegen Israel. Sein Land war, wie er sagt, "in einem jämmerlichen Zustand". Präsident Anwar al-Sadat förderte Privatinitiativen und warb um Unterstützung. Abouleish und seine österreichische Frau wollten sich der Herausforderung stellen: "Ich wollte mein Land heilen." Doch noch heute hat das Land am Nil gegen Überbevölkerung, extreme Umweltverschmutzung, unzureichende Bildung und mangelhafte Gesundheitsversorgung zu kämpfen. Die Sekem-Idee verbreitet sich inzwischen. 800 Bauern von Assuan bis Alexandria hätten sich seine Idee zu eigen gemacht und auf biodynamische Landwirtschaft umgestellt, berichtet Ibrahim Abouleish. Als Zulieferbetriebe für Sekem haben sie sich eine gesicherte Einnahmequelle verschafft. Ibrahim Abouleish setzt auf weitere Synergieeffekte. "Nehmen Sie mir meine Illusion nicht!"
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.12.2003, Nr. 285 / Seite 7
Bildmaterial: SCANPIX SWEDEN