Panini-Sammelbilder

Von der Bildfläche verschwunden

Von Franz Josef Görtz

04. April 2008 Eine Leidenschaft würde die 71 Jahre alte Rentnerin Mathilde Betz aus Recklinghausen ihre Passion nicht nennen. Sie sammelt seit den achtziger Jahren, als die Klebebildchen hierzulande richtig populär wurden, Panini-Bilder. Für annähernd 2000 Alben, in denen auch Duplo- und Hanuta-Sticker stecken, hat sie ihre halbe Wohnung leer geräumt.

Sie sagt so kokett wie respektlos einfach „Sammelei“ dazu, wenn sie ihre Zigaretten- oder Margarinebilder aus den dreißiger und vierziger Jahren und aus der frühen Nachkriegszeit vorzeigt. Die lang geübte Leidenschaft wird bald ein paar weiße Flecken aufweisen: Die Rechtslage könnte Panini-Bilder schon vom Sommer an blasser aussehen lassen. Mathilde Betz, so viel dürfte immerhin feststehen, wird sich dadurch nicht beirren lassen.

Bauernopfer der Bundesligavereine

Fußballfrage: Wer kümmert sich eigentlich um die festen Nebeneinkünfte? Wer organisiert zum Beispiel die Vermarktung der Bildrechte an den Konterfeis und Trikots? Die Spieler selber? Die Clubs? Oder die Deutsche Fussball-Liga (DFL), deren mächtiger Dachverband?

Da es beim Fußball immer um Millionen geht, hatten die Vereine sich schon im vergangenen Jahr einstimmig fürs Zentralinkasso durch die DFL entschieden – und als Bauernopfer die legendären Panini-Bilder in Kauf genommen, begehrte Sammel- und beliebte Kultobjekte für Generationen von Fans aller Altersklassen. Am Ende dieser Spielzeit werden sie vom Markt verschwinden. Mit einem neuen Anbieter nämlich fließt deutlich mehr Geld in die Liga-Kassen.

Die Bilder bleiben, der Hersteller wechselt

Der Stadionbesucher werde es vielleicht nicht einmal merken, vermutet Christian Pfennig von der DFL. Wahrscheinlich gibt es Hefte, Alben und Karten für die Steck- oder Klebebildchen aller Bundesliga-Profis auch weiterhin montags an den Kiosken zu kaufen.

Aber der Lieferant wird nicht länger schön einprägsam Panini heißen. Sondern einfach nur Topps. Dieses Unternehmen verdient sein Geld in Amerika, einschlägig kompetent mit Sammelbildchen und Alben für internationale Profi-Ligen sowie mit der Herstellung von Kaugummis – durchaus nicht fußballfern.

Panini weiterhin Marktführer für Sammelbildchen

Nach 34 Jahren einträglicher Zusammenarbeit entzog die „Merchandising-Kommission“ der Fußball-Liga der in Modena ansässigen Firma Panini die Rechte an den Bildern der Bundesliga-Profis. An deren beiden deutschen Panini-Standorten in Nettetal und Stuttgart sind 75 Mitarbeiter beschäftigt, die einen Gesamtumsatz von 80 bis 90 Millionen Euro erwirtschaften.

Davon mache das Geschäft mit der Bundesliga allerdings nur 15 Prozent aus, sagt man in Nettetal und winkt ab: Im Geschäft mit den Sammelbildchen sei man seit einem Vierteljahrhundert Marktführer – und werde das auch bleiben.

Amerikanischer Konkurrent bietet das Zwanzigfache

Schon in dem von der Fußball-Liga jetzt erstmals ausgeschriebenen Bieterverfahren um die Bildrechte der Bundesliga-Spieler hatte Topps seinen italienischen Konkurrenten um Längen geschlagen. Während Panini für die Fortsetzung der Geschäftsbeziehung 11,25 Millionen Euro zahlen wollte, war den Amerikanern der Einstieg auf den lukrativen deutschen Markt runde 12,4 Millionen wert.

Eine andere Zahl hat in den Geschäftsstellen der betroffenen Clubs fast noch größeren Eindruck gemacht. „Einen Witz“ nennt zum Beispiel Wolfgang Holzhäuser, der Geschäftsführer von Bayer Leverkusen, die Summe von 10 000 Euro, die Panini jedem Verein der Bundesliga pro Saison gezahlt hat, um dessen Spieler, deren Trikots bei Heim- und Auswärtsspielen ebenso wie das Vereinswappen, das Stadion, die Tabellenstände und viel Liga-Statistik in den Alben abbilden zu dürfen. Die Firma Topps dagegen, raunt man, habe das Zwanzigfache in Aussicht gestellt.

Fußballbilder eine Jungendomäne?

Den bekennenden Sammlern von Panini-Bildern wird das gleichgültig sein, solange sich der Preis für das 132 Farbseiten umfassende Album (1 Euro) und die einzelne Sticker-Lieferung (sechs Bilder im Tütchen zu 50 Cents) nicht groß ändert. Hauptsache, alle Vereine, alle Spieler, die Neuzugänge und sämtliche Begegnungen sind aufgelistet, der torreichste Sieg ebenso wie die torreichste Niederlage der Saison verzeichnet.

So wird das auch Julian, Johannes und Tom gehen, bekennenden Panini-Sammlern, in der dritten Bundesliga-Saison schon. Sie sind zehn Jahre alt, gehen auf dieselbe Schule im Umland von Frankfurt, spielen Fußball im Verein und treffen sich alle paar Tage, um Sticker zu tauschen: eine reine Jungendomäne, behaupten sie, obwohl das in den Städten, verlautet von Panini, vollkommen anders aussehe. Wo Mädchen Fußball spielen, sammeln sie angeblich auch Panini-Bilder.

Die Hälfte der Sammler sind Erwachsene

Wer glaubt, mit dem Ende der Saison habe das Album ausgedient, weil die Karten für die nächste Spielzeit schon gemischt sind, das nächste Liga-Heft schon aufgelegt, neue Sticker längst auf dem Weg zu den Kiosken, der irrt mächtig. „Unsere engere Zielgruppe sind zwar die Fünf- bis Vierzehnjährigen“, weiß Jens Presche, der Pressechef von Panini. „Die Hälfte der Sammler sind jedoch Erwachsene, überwiegend Männer im Alter von 25 bis 40 Jahren.“

Und Sammler betreiben ihre Leidenschaft mit denkbar größtem Ernst. Rund zweieinhalb Millionen Alben habe man 2006, im Jahr der Fußballweltmeisterschaft, an den Mann gebracht, sagt Presche, und annähernd 150 Millionen Tütchen an rund 70 000 Verkaufsstellen allein in Deutschland. Den Vertrieb besorgen die Grossisten des Zeitungs- und Zeitschriftenhandels.

Mehr als eine Milliarde Tütchen

Im WM-Album 2006 vertreten waren Spieler aus 32 Ländern – eine Galerie von 596 Köpfen insgesamt, die mit dem Inhalt von 100 Tütchen allerdings nicht abzudecken waren. Auch wenn, wie Panini trotzig behauptet, nur der Zufall die Lieferungen zusammenstelle.

Mehr als eine Milliarde solcher Tütchen wirft Panini in jedem Jahr auf 80 nationale Märkte: Barbie und Bundesliga neben Pokemon und Harry Potter oder den Simpsons und den Helden von Star Wars. Gewiss eine „infantile Lust“, diese Sammelleidenschaft, sagt der Frankfurter Zukunftsforscher Andreas Steinle: „Aber wenn sie effizient vermarktet wird, kann sie ebenso gut Ältere erfassen.“

Bildertausch im Plenarsaal

Menschen wie den nordrhein-westfälischen Bauminister Oliver Wittke (CDU) zum Beispiel, der zu Zeiten der WM im Landtag vor laufenden Kameras Panini-Bildchen ins Heft klebte. Er habe sie seinem Sohn zuliebe mit dem Abgeordneten Holger Müller getauscht, gab Wittke zu Protokoll – und sei mit dem Einkleben der Sticker natürlich vor Ende der Aktuellen Stunde über die Hartz-IV-Gesetze fertig gewesen.

Die Leidenschaft jedenfalls scheint sich von Anfang an manisch entwickelt zu haben. Futter für den Jäger- und Sammlertrieb des Kindes im Manne? Eine Einübung kulturübergreifender Tausch-Techniken im Spiel? Panini-Freaks wirken mitunter verbissener als Briefmarkensammler.

Nachkaufen gilt nicht

Nach Jahr und Tag noch fehlende Sticker nachzukaufen gilt unter ihresgleichen zwar nicht als Regelverstoß, ist aber verpönt. Puristen beschränken sich aufs Tauschen, nehmen dazu allenfalls die Tauschbörsen im Internet zu Hilfe, von www.klebebildchen.net über www.stickermanager.vom bis www.panini-bilder-tausch.de.

Anders hat auch der Dortmunder Gerd Päsler seine 3000 Alben nicht komplettieren können. Päsler, 53 Jahre alt, ist der Panini-Bilderpapst, Herausgeber eines enzyklopädischen Standardwerks namens „Cards und Tütenbilder“, die Bibel der Szene, die inzwischen in dritter Auflage erschienen ist.

„Den Sammlern nehmen wir nichts weg“

„Den Sammlern nehmen wir nichts weg“, sagt Christian Pfennig von der DFL. „Natürlich sind die Bundesliga-Favoriten immer dabei“, versichert auch Thomas Schmitz, der Statthalter von Topps in Deutschland. Ansonsten hüllt man sich vorerst noch in Schweigen. In Wahrheit nämlich ist die Causa Panini noch ein schwebendes Verfahren: allen Verträgen zum Trotz – oder gerade dieser Verträge wegen.

Denn nicht nur Topps hat einen Vertrag mit der DFL, auch Panini hat Verträge, „Hunderte“, sagt Frank Zomerdijk, der Geschäftsführer des Unternehmens – mit einzelnen Spielern. „Hier haben eindeutig wir die Rechte!“ Nicht nur in den Geschäftsstellen von Bayer Leverkusen und VfL Bochum wird gemauert. Man prüfe das nach, lautet die Standardauskunft. Nur Uli Hoeneß, Manager von Bayern München, lässt genervt ausrichten: „Ja, solche Verträge gibt’s. Aber mehr sagen wir dazu nicht.“

Den Ausgang des Hornberger Schießens könnte man sich jetzt folgendermaßen vorstellen: Die Kollektion von Topps präsentiert die Spieler in kompletten Outfits samt Vereinslogos, Emblemen und Pokalen – weil daran die DFL alle Rechte besitzt.

Panini-Mannschaftsbilder ohne Vereinsfarben?

Die Mannschaften auf den Bildern von Panini dagegen laufen allesamt in uniform vereins- und farbneutralen Hemden auf – weil deren Rechte am eigenen Bild der Panini-Chef „im Tresor gebunkert“ hat. So sagt er, leise lächelnd. Denn das gab’s vor zwei Jahren schon einmal. Als man sich mit dem englischen Fußballverband nicht einigen konnte, blieben die Hemden kurzerhand weiß. Der Ball bleibt allemal rund, und nur die Tore sind es, die zählen.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa

 

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