Kultobjekt

Rückkehr der Affenschaukel

Von Matthias Heine

12. September 2004 Berlin-Buch ist eine ruhige, fast ländliche Gegend im Norden der Hauptstadt, wo Radfahrern normalerweise nicht allzu viele Gefahren drohen. So wurde das Schicksal des 73Jahre alten Rentners, der an einem lauen Maiabend mit seinem Fahrrad unterwegs war, auch nicht durch einen abbiegenden Lastwagen besiegelt - sondern sein Gefährt brach schlicht unter ihm auseinander. Der Mann erlag noch am Unfallort seinen schweren Kopfverletzungen. Ach ja: Er war auf einem Klapprad unterwegs gewesen.

Man wird solche kleinen Gruselgeschichten vielleicht bald wieder häufiger lesen. Denn Klappräder, die bis vor kurzem noch halbvergessene Gespenster aus den siebziger Jahren waren (wie die Ölkrise und der Schwarze September), erleben ein Comeback. Dies gilt nicht nur für die modernen und verkehrssicheren Konstruktionen neuerer Marken wie "Birdy", die der Handel zur Abgrenzung vom Nostalgieschrott lieber "Falträder" nennt.

Klappräder als Stilaccessoire

Besonders trendy sind vielmehr jene oft orangefarbenen Modelle aus der Willy-Brandt-Ära, die jahrzehntelang ein Schattendasein in Kellern oder unter Seniorenhintern führten. Im Zuge der Retrowelle, die schon Trainingsjacken, Bonanzaräder, Pril-Blumen und Sitzsäcke zu Kultgegenständen befördert hat, sind nun auch Klappräder zu einem Stilaccessoire geworden.

Zwar stammt das erste Patent für ein zusammenklappbares Fahrrad schon aus dem Jahre 1878, und bereits 1959 entwickelte der britische Konstrukteur Alexander Moulton ein Modell mit Hochdruckreifen und Vollfederung - doch der kurze Boom der Klappräder dauerte nur etwa von 1969 bis 1975. Zunächst wurden sie im Zeichen der Trimm-dich-Bewegung den Konsumenten als praktische Kofferraumausrüstung nahegebracht, mit deren Hilfe man beim Auto-Ausflug ins Grüne ein paar Alibi-Meter strampeln konnte.

„Grauhaariger Ex-Hausmeister, der sich vor HartzIV fürchtet“

Und gerade für Kinder war der niedrige Rahmen attraktiv: Sie konnten leicht aufsteigen und bei Spielen auf- und abspringen, ohne an eine hochgelegene Mittelstange zu stoßen. Außerdem ließ sich mit den 20-Zoll-Reifen rascher beschleunigen als mit den damals üblichen 26er-Rädern.

Doch als offenbar wurde, daß das kleine Reifenformat bei längeren Strecken kraftzehrend ist, und als die damals oft nur von einer einzigen Schraube zusammengehaltenen Rahmen immer häufiger brachen, ging die Klapprad-Ära zuende. In der zweiten Hälfte der Siebziger wurden sie von nicht minder unpraktischen Hollandrädern verdrängt. Nur sparsame Rentner fuhren weiter damit herum, die Schnappschüsse auf der bereits seit 1997 existierenden Homepage www.klapprad.de zeigen denn auch überwiegend Klappradler vom Typ "grauhaariger Ex-Hausmeister, der sich vor HartzIV fürchtet".

Statussymbol

Dennoch ist das Klapprad mittlerweile ein Statussymbol jüngerer Fashion victims geworden - nicht nur in der Hauptstadt, dort aber besonders deutlich. In der Vorabendserie "Berlin, Berlin" lieferte sich die Hauptfigur Lolle (eine angehende Comiczeichnerin, die von den Drehbuchautoren gezwungen wird, wirklich jede Mode mitzumachen) neulich eine wilde Verfolgungsjagd auf einem Klapprad.

Sicherheitsexperten sehen das mit gemischten Gefühlen. Denn die antiken Modelle, die auf Flohmärkten und im Internet angeboten werden, entsprechen oft nicht der Din-Norm 79100, welche die Stabilität von Fahrrädern regelt. Danach muß der Klappmechanismus auch halten, wenn nur noch eine Steckverbindung intakt ist. Wilhelm Sonntag vom Tüv Rheinland rät Käufern von Gebrauchtklapprädern deshalb, diese beim Fachhändler warten zu lassen, denn oft seien auch die Bremsbeläge abgenutzt, die Reifen porös und die Beleuchtung mangelhaft.

Aufstand gegen die Diktatur des Praktischen

Sein Tüv-Kollege Ralf Diekmann erinnert zudem daran, daß alte Räder, deren Licht nicht den neueren Vorschriften entspricht, gar nicht für den Straßenverkehr zugelassen sind. "Bei einem Unfall in der Dunkelheit hat man dann rechtlich immer eine Mitschuld, ganz egal, ob man sich sonst einwandfrei verhalten hat." Wohl wegen solcher Bedenken verkauft Frosch-Rad in Berlin-Kreuzberg ein rotes Klapprad für siebzig Euro nur mit dem Hinweis "Für Bastler. Ohne Garantie".

Den jungen Klappradlern ist das alles herzlich egal. Sie schätzen ihre Gefährte ja gerade, weil bei denen - wie überhaupt im Design der Zeit vor 1975 - die Anmutung wichtiger ist als die Zweckmäßigkeit. Wie jede Nostalgie-Mode ist auch diese ein Aufstand gegen die Diktatur dessen, was die Gegenwart gerade als "praktisch" definiert: Wer mit dem Klapprad fährt, wer Vinylschallplatten CDs vorzieht oder sich gar ein analoges Telefon mit Wählscheibe statt Tasten zugelegt hat, protestiert auch gegen die angeblichen Bedürfnisse nach immer größerer Geschwindigkeit und Multifunktionalität, die ihm die kapitalistische Propaganda einreden will.



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 12.09.2004, Nr. 37 / Seite 62
Bildmaterial: Klapprads Freunde

 

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