Von Frank Hollmann
18. Juli 2008 So viel Zuvorkommenheit hatte Thomas Awe nicht erwartet. Ein Zimmer? Gern. Executive Floor? Natürlich. Vielen Dank für Ihre Buchung.“ Nur umgerechnet 160 Euro die Nacht kostet das Luxuszimmer in einem der exklusivsten Fünfsternehotels im Zentrum von Schanghai und das in der Hochsaison. Unfassbar“, staunt der Vertreter der Konrad-Adenauer-Stiftung.
Wenige Wochen vor der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele bleibt in China der erwartete Ansturm der Touristen aus. Mit mehr als einer halben Million Besuchern aus dem Ausland und mehr als zwei Millionen aus China hatte die Tourismusbehörde in Peking noch 2007 gerechnet. Inzwischen hat sie die Zahlen nach unten korrigiert. Selbst Fünfsternehotels seien während der Spiele nur zu 77 Prozent ausgelastet, Drei- und Viersternehotels nicht mal zur Hälfte, gibt Pekings Fremdenverkehrsbeauftragte Xiong Yumei nunmehr zu.
Grausame Rabattschlacht
Ein Blick ins Internet bestätigt seine Angaben. Günstige Hotelketten melden jede Menge freie Zimmer zu erstaunlich günstigen Preisen. Ibis vermietet das Doppelzimmer für umgerechnet 80 Euro die Nacht. In vielen von Chinesen betriebenen Dreisternehäusern kann man sogar schon für 50 Euro nächtigen, während der Spiele wohlgemerkt. Die Pekinger Hotels liefern sich eine grausame Rabattschlacht“, sagt ein Hotelier hinter vorgehaltener Hand. Kein Zimmer frei heißt es dagegen auf den Buchungsseiten internationaler Edelherbergen wie Hilton, Sofitel oder Shangri-La. Im Grand Hyatt kostet das Doppelzimmer bei Internetbuchung umgerechnet knapp 900 Euro. Im September ist es schon wieder für 200 Euro die Nacht zu haben.
Das muss aber noch längst nicht heißen, dass die Häuser tatsächlich ausgebucht sind. Auf Nachfrage bieten inzwischen selbst einige Luxushotels Zimmer zu üblichen oder nur moderat erhöhten Preisen an. Noch vor wenigen Monaten verlangten Hotels aller Klassen einen bis zu zehnfachen Olympiaaufschlag. Nun purzeln die Preise – wahrscheinlich aber zu spät. Die hoffnungslos überzogenen Preise haben vor allem einheimische Gäste abgeschreckt. Mit 2000 Buchungen hatte Zhang Lei vom Internationalen Frühlingsreiseservice in Schanghai kalkuliert, jetzt bringt er gerade mal 1000 Olympiatouristen in die Hauptstadt. Meist seien es junge Paare, die sich die Reise gönnten. Die erwarteten Familien blieben aus. Normalerweise koste eine Reise von Jiangsu, einer Provinz bei Schanghai, nach Peking rund 2000 Yuan, während der Spiele aber 6000, umgerechnet rund 550 Euro, rechnet Reiseveranstalter Yin Jun vor. Viel zu viel für chinesische Durchschnittsfamilien.
Einreisebestimmungen sind strenger als früher
Doch auch die Gäste aus dem Ausland bleiben aus, sagt Martin Botz, Mitinhaber von The Last Frontiers“, einer auf China- und Asienreisen spezialisierten Agentur in Schanghai: Unsere chinesischen Partner in Peking sprechen von einem deutlichen Besucherrückgang.“ Ein Grund seien die olympiatypischen Stornierungsbedingungen. Bei Zusage sei der gesamte Reisepreis fällig ohne Rücktrittsmöglichkeit. Bei einer Stornierung bekomme man nichts zurück. Das hätten viele deutsche Kunden wohl nicht akzeptiert, vermutet Botz. Die gleichen Erfahrungen machen auch Reiseveranstalter in Deutschland. Die Hotel- und Besichtigungspreise sind um bis zu 80 Prozent nach oben geschossen. Das möchten die Verbraucher nicht mittragen“, sagt Kurt Uebachs, Marketingleiter von China-Tours in Hamburg. Wir haben Rückgänge in Peking von mehr als 30 Prozent.“
Zudem legt China die Einreisebestimmungen strenger aus als früher, offiziell wegen der erhöhten Terrorgefahr. Seit April, kurz nach der Tibetkrise, müssen Besucher beim Beantragen eines Visums in Deutschland ihren kompletten Reiseplan vorlegen – inklusive aller bestätigter Hotelbuchungen sowie den Tickets für Anschlussflüge oder Busreisen innerhalb von China. Eine spontane Änderung der Reiseroute ist so praktisch unmöglich. Früher konnten Gäste zudem ihre Aufenthaltsgenehmigung unkompliziert in China verlängern oder sich bei einem Abstecher nach Hongkong ein neues Visum besorgen. Beides geht seit April nicht mehr. Selbst Familienbesuche sind erschwert. Wer zu seinen in China lebenden Eltern oder Kindern fliegen und in deren Wohnung übernachten möchte, muss beim Visumantrag nun Geburtsurkunde oder Familienbuch vorlegen. Für Verwandte zweiten Grades oder Freunde geht das nicht, sie brauchen wie alle anderen eine Hotelbuchung.
Die Zahl der Geschäftsreisen ist schon stark zurückgegangen
Das hat nicht nur Auswirkungen auf den Olympiatourismus, betroffen sind auch Industrie und Handel. Händeringend benötigte Spezialisten dürfen nicht einreisen, Fachjournalisten erhalten trotz Firmeneinladung kein Visum, Messen, Kongresse und Präsentationen werden abgesagt, die Zahl der Geschäftsreisen ging in den vergangenen Wochen stark zurück. Es sei praktisch unmöglich geworden, spontan nach China zu reisen, klagt Jörg Wuttke, Präsident der Europäischen Handelskammer in Peking. Um 14 Prozent gingen die Übernachtungen allein in Peking im Mai zurück. Sonst ist der Mai unser bester Monat, sagt Jiang Zhiqiang vom New Otani Changfugong-Hotel.
Die internationalen Hotelkonzerne reagieren mit Notmaßnahmen. Shangri-La oder Mandarin Oriental haben die Eröffnung ihrer neuen Prachtherbergen auf den Herbst verschoben, nur zwei Beispiele von vielen. In der Hoffnung auf den olympischen Gästeaufmarsch wurden in Peking Dutzende neuer Bettenburgen aller Güteklassen hochgezogen. Jetzt herrscht ein gewaltiges Überangebot. Ende Juni warben 816 klassifizierte Hotels um Gäste, darunter 46 Fünf- und 116 Viersternehäuser. Bis zur Eröffnungsfeier der Spiele am 8. August sollen rund 30 weitere Luxushotels eröffnen. Mehr Betten für weniger Gäste, ein Albtraum für die Hoteliers. Fachleute schätzen, dass Peking zum Jahresende doppelt so viele Fünfsternehotels haben wird wie benötigt werden.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: REUTERS