Freizeit

Lockpickern bleibt nichts verschlossen

Von Katrin Hummel, Hamburg

Ein ganz legaler Panzerknacker

Ein ganz legaler Panzerknacker

17. Dezember 2003 Sie sind Männer, und sie sind es gern. Die Luft in dem niedrigen Raum scheint Testosteron zu enthalten, auf jeden Fall aber Zigarettenrauch und Biergeruch. Es ist eine Atmosphäre wie in einer Sammelumkleidekabine für Jungen: Sie sind unter sich, und sie pflegen einen rauhen Umgangston. Nebenbei stochern sie mit langen, spitzen Werkzeugen in öligen Schlössern herum. Was sich da jeden Montagabend im Nebenraum des Hamburger Chaos Café Ellerbrock abspielt, ist ein gutes Beispiel für das reichhaltige deutsche Vereinsleben.

Die Männer sind Mitglieder des Vereins "Sportsfreunde der Sperrtechnik" (SSDeV), und ihr Hobby ist es, Schlösser zu öffnen, ohne sie zu zerstören. Das hört sich nicht dramatisch an. Ist es aber. "Die meisten Leute schnallen nicht, daß ihre Wohnungstür nichts anderes ist als eine Zelttür: Zip, und sie ist offen", sagt der Vorsitzende des Vereins, Steffen Wernéry. Damit meint er allerdings nicht, daß die Mitglieder des Vereins Einbrecher sind - das Öffnen von fremden Schlössern ohne Einwilligung des Inhabers ist in der Sportordnung verboten. Er meint damit nur, daß es für einige Menschen ein Kinderspiel ist, abgeschlossene Schlösser in weniger als einer halben Minute zu öffnen. Und daß es ihnen Spaß macht. Einer sagt: "Es ist ein geiles Gefühl, wenn sich das Schloß öffnet."

Innerhalb von 30 Sekunden stehen Tür und Tor offen

Die acht Männer an diesem Abend sind fast alle innerhalb von 30 Sekunden am Ziel. Sie haben es auf einer der Deutschen Meisterschaften bewiesen, die der Verein seit seiner Gründung vor sieben Jahren jedes Jahr am 27. und 28. Dezember ausrichtet - in diesem Jahr im Berliner Congress Center (BCC) am Alexanderplatz. Auf den Meisterschaften werden Meistertitel in den verschiedenen Disziplinen des Schloßöffnens vergeben, und daher gibt es mehrere Meister in den zahlreichen Ortsgruppen des etwa 350 aktive Mitglieder zählenden Sportvereins.

Doch der Beste der Besten hat alle schon besiegt: Arthur Bühl. Der 42 Jahre alte Kaufmann sitzt in Trachtenkleidung vor einer verrosteten alten Parkuhr, die ein Vereinsmitglied mitgebracht hat. Er versucht, das Schloß, mit dem das Zählwerk gesichert ist, zu öffnen. Die Parkuhr soll künftig an der Toilettentür einer Hamburger Wohngemeinschaft befestigt werden, um die Aufenthaltszeiten der WG-Mitglieder dahinter zu reglementieren. Doch das Schloß ist "zickig" - ein "Weibchen", wie die Männer es nennen. Es will nicht so, wie der Meister es will. "Es ist eingerostet." Nur eine Frage der Zeit, bis er es gefügig gemacht hat.

Der Meister braucht bloß drei Sekunden

Normalerweise fackelt er nicht so lange. Drei Sekunden braucht er für ein gewöhnliches Vorhangschloß, kaum länger für ein Zylinderschloß, wie es in Haustüren eingebaut ist. Wie das möglich ist? "Die Hersteller sind zu doof", sagt Bühl. Kein Schloß sei zu hundert Prozent genau gearbeitet. Diese kleinen Abweichungen von Hundertstelmillimetern machen sich die Lockpicker, wie sich die Sperrsportler nennen, zunutze. Voraussetzung für ihren Erfolg sind eiserne Disziplin beim Üben - Bühl hat zu Hause etwa 300 Kilogramm Schlösser - und spezielle Instrumente zur Schloßöffnung. Sie erinnern an die Küretten eines Zahnarztes und sind unter anderem dazu da, die Stifte, Drehscheiben oder Blättchen im Inneren des Schlosses herunterzudrücken, bis es aufspringt.

Lockpicking ist kompliziert. Um das zu demonstrieren, geben die Sportsfreunde Gästen gern ein einfaches Schloß in die Hand, dazu einen "Spanner" und einen "Fühlerdietrich", die wichtigsten Instrumente. Dann sagen sie lapidar: "Mit der Spannung variieren und einzeln nachsetzen" und sehen freundlich lächelnd zu, wie man verloren in dem Schloß herumstochert. Sie merken nebenbei an, daß es die meisten Gäste schaffen, das Schloß zu öffnen - eben weil es so ein einfaches Schloß ist. Wenn man es nicht schafft, lassen sie sich zumindest nicht anmerken, daß ihnen dies Genugtuung bereitet. Im Gegenteil: Eigentlich wirken sie richtig nett. Wenn da nur dieses mulmige Gefühl nicht wäre. Schließlich weiß man ja, wozu sie in der Lage sind, und die Tatsache, daß einige von ihnen ihr Hobby zum Beruf gemacht haben, ist nicht unbedingt beruhigend. Einer von ihnen, ein Weinhändler, ist im Zweitberuf Sicherheitstechniker - er öffnet Tresore, wenn jemand den Schlüssel verlegt hat. Ein anderer ist Detektiv und ein dritter Zahnarzt, was auch irgendwie paßt. Es ist wohl besser, diesen Raum als Freund denn als Feind zu verlassen.

„Darf ich behilflich sein?“

Dabei sind die Geschichten, die sie von ihrem Tun außerhalb des Übungsraums erzählen, einfach reizend. Zum Beispiel die: Arthur Bühl fährt Auto. Da fällt ihm am Straßenrand ein Schlüsseldienstler mit VW-Bus auf, der sich während einer Notöffnung aus dem Bus ausgeschlossen hat. Der Mann hat den ADAC gerufen, der nun danebensteht. Bühl schaltet die Warnblinkanlage ein, stellt das Auto auf der rechten Spur ab und fragt: "Soll ich helfen?" Nach drei Sekunden ist das wehrlose Schloß offen, die beiden Männer sehen ihm sprachlos nach. Oder die: Ein Sportsfreund sieht zwei Bauarbeiter, denen ein Fahrrad im Weg steht, das an einen Bügel geschlossen ist, mit dem Bäume auf Parkplätzen vor aufdringlichen Autofahrern geschützt werden. Die Männer haben schon begonnen, den Bügel auszugraben, als der Sportsfreund fragt: "Darf ich Ihnen behilflich sein?" Er öffnet das Schloß und kettet das Fahrrad an den Bügel auf der anderen Seite des Baumes an.

Ist Sicherheit also eine Illusion? "Natürlich", sagt Steffen Wernéry. Aber er hängt das nicht gern an die große Glocke, "um das Sicherheitsbedürfnis der Leute zu achten". Ebenso zurückhaltend gibt sich Wernéry, wenn er nach den gesellschaftspolitischen Ansätzen des Vereins gefragt wird. "Wir müssen nicht unbedingt sagen, daß es viel Schrott auf dem Markt gibt oder daß die Schlüsseldienste oft viel Geld abzocken und Schlösser kaputtmachen." Aber daß das seiner Meinung nach so ist, daran läßt er keinen Zweifel. Er selbst hat daher an seiner Wohnungstür drei verschiedene Schlösser auf unterschiedlichen Höhen angebracht, eines davon ein umgebautes Trickschloß, das schwer zu durchschauen ist und an dem schon zwei Einbrecher gescheitert sind. Prinzipiell gelte: Keine billigen Schlösser verwenden, und "den Grundsatz der Datenvermeidung" beim Kauf eines Schlosses anwenden: "Man kauft es am besten mit fünf Ersatzschlüsseln und hinterläßt keine Adresse." Vor allem aber: Das Schloß immer abschließen. "Ein Schloß, das nicht abgeschlossen ist, ist offen."

Tausend Euro für halbwegs sichere Schlösser

Und wenn jemand ein Schloß kaufen möchte, das selbst für die Leute vom SSDeV nicht zu öffnen ist? Die Männer wiegen die Köpfe. Immerhin können einige von ihnen sogar Bohrmuldenschlösser öffnen, wie sie die Deutsche Post, Flughäfen oder Atomkraftwerke verwenden. Dann sagt Arthur Bühl: "Es gibt Schlösser, die man nicht zerstörungsfrei öffnen kann. Aber die kosten dann um die tausend Euro."

Er muß es wissen. Denn obwohl die Kunst des Schloßöffnens schon fast so alt ist wie die Kunst des Schloßbauens selbst, sind die Sperrsportler doch die ersten, die sie perfektioniert haben. "Die Zauberer und die Schloßhersteller haben jahrhundertelang ein Geheimnis um das Lockpicking gemacht", sagt Wernéry. "Dadurch, daß wir uns austauschen, haben wir in den letzten sieben Jahren mehr gelernt als andere in ihrem ganzen Leben." Legal ist das allemal, und die Sportsfreunde haben auch nichts dagegen, ihr Wissen mit anderen zu teilen. So haben sie den amerikanischen "Guide to Lockpicking" übersetzt und ins Internet gestellt, und sie arbeiten mit der Polizei in Hamburg zusammen, um den Beamten einen Einblick in ihre Welt zu geben.

Saubere Vereinsstruktur

Warum diese Transparenz? Wernéry, der als einer der Mitbegründer des Chaos Computer Clubs genügend Erfahrungen mit argwöhnischen Behörden gemacht hat und in seiner Hackerzeit sogar schon wegen Spionageverdachts in Frankreich im Gefängnis saß, sagt: "Ich habe lange überlegt, wie ich beim SSDeV eine saubere Vereinsstruktur hinkriege, damit mir der gleiche Mist wie als Hacker nicht noch mal passiert."

Sein Konzept scheint aufgegangen zu sein. Neulich ist ein Sportsfreund im Baumarkt dabei ertappt worden, wie er verschiedene zum Kauf angebotene Schlösser öffnete - er wollte sich zu Übungszwecken eines kaufen, das besonders schwer zu öffnen war, und die richtige Wahl treffen. Er wurde von der Polizei zur Vernehmung mit auf die Wache genommen und bat dort darum, seinen Vereinspräsidenten anrufen zu dürfen. Wernéry erklärte den verdutzten Polizisten: "Eine Glühbirne probiert man ja auch aus, bevor man sie kauft." Daraufhin haben sie seinen Kollegen gehen lassen.

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.12.2003, Nr. 294 / Seite 9
Bildmaterial: epd-bild

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