Klimawandel in Spanien

Schattenseiten des Sommers

Von Leo Wieland, Madrid

10. September 2006 Das iberische Frühlingsbeispiel sind die Mandelbäume. Früher blühten sie Anfang März. Jetzt tun sie es wegen der gestiegenen Temperaturen zumeist schon Mitte Februar, Wochen bevor die Insekten, die sie bestäuben sollen, an Ort und Stelle sind. Das Herbstbeispiel ist die Weinernte. Sie begann etwa am „goldenen“ Fluß, dem spanischen Duero, der in Portugal Duoro heißt, früher in der Regel Mitte September. Jetzt werden die Trauben schon in der zweiten Augusthälfte eingebracht. Auch dieser verkürzte Reifeprozeß unter stärkerer Hitze hat seine spezifischen Auswirkungen. Es sei, so sagen die Winzer, schwieriger geworden, das ideale Gleichgewicht bei Zucker, Säure und Aroma zu erreichen, weil der Prozeß der Fotosynthese der Traube gestört werde.

Daß der Klimawandel vor allem auf der Iberischen Halbinsel keine Erfindung ideologisierter Umweltschützer, sondern eine meßbare Tatsache sei, will die jüngste europäische Studie belegen, die vom britischen Ökologischen und Hydrographischen Zentrum in Zusammenarbeit mit der Technischen Universität München angefertigt wurde.

Wein- und Olivenanbau auch in England möglich

Ihre in der Zeitschrift „Global Change Biology“ veröffentlichten Ergebnisse haben in diesem neuen Hitzerekordjahr in Spanien und Portugal besonderes Aufsehen erregt, scheint sie doch alle Schattenseiten der Sommer zu illustrieren, die den Spaniern immer länger vorkommen: Dürre und Wassermangel, Hagel und Platzregen, Versteppung und verheerende Waldbrände, die Nesselquallenplage in dem erwärmten Badewasser an den Mittelmeerstränden und all die anderen zu beobachtenden subtileren neuen Ungleichgewichte im Kreislauf der Natur.

Die Wissenschaftler untersuchten die Entwicklung in insgesamt siebzehn europäischen Ländern und vergaßen nicht, daß inzwischen sogar England regional für den Anbau von Wein und Oliven taugt. Am meisten berührt der Klimawandel nach dieser Darstellung aber die Iberische Halbinsel. Hier habe sich der Sommer im Lauf der vergangenen drei Jahrzehnte um durchschnittlich 23 Tage im Jahr verlängert. Der Frühling beginne nun zwei Wochen früher, der Herbst neun Tage später. Mit den höheren Temperaturen gehe eine Verringerung der Niederschläge einher. Das ist auch dieses Jahr wieder so, nach der „Jahrhundertdürre“ von 2005. Die spanischen Stauseen, die schon im Vorjahr mehr als die Hälfte ihres üblichen Volumens verloren, wurden durch die mageren Schnee- und Regenfälle im Winter nicht aufgefüllt.

Umstellung auf „wasserintensive“ Früchte

Kritisiert werden dabei von Fachleuten nicht nur die anhaltende Bauwut an den Küsten, die Wasserverschwendung durch Golfplätze, die gerade in spanischen „Wüstenregionen“ wie Pilze aus dem Boden schießen, und die immensen Verluste durch lecke Leitungen und illegale „private“ Brunnen. Einen besonders wichtigen Anteil an dem gestiegenen Verbrauch hat die Landwirtschaft, die, um EU-Subventionen zu nutzen, etwa in Andalusien und Murcia von Zitrusfrüchten und Oliven auf „wasserintensive“ Früchte wie Mais und Zuckerrüben umgestellt hat.

Während im katalanischen Nordosten bei Tarragona Orangenplantagen entstehen, hat sich mit Hilfe der Geldspritzen aus Brüssel in den Gewächshäusern des spanischen Südostens einer der effizientesten Lieferanten des europäischen Obst- und Gemüsemarktes entwickelt. Nur das Element für die Bewässerung fehlt zunehmend, und eigennützig besorgte oder auch neidische Nachbarn wie die Regierung von Kastilien-La Mancha sträuben sich immer heftiger gegen die periodisch von der Zentralregierung angeordneten „Umleitungen“ aus dem Tajo- und Segurafluß in die Kanäle gen Süden.

Keine einflußreichen „Grünen“ in der Politik

Spanien und Portugal, beides Länder die sich mit dem Umweltschutz und der Einhaltung der Kyoto-Vereinbarungen über Treibhausgase noch schwertun, haben keine einflußreichen „Grünen“ in der Politik. Immerhin zeigt aber das Umweltministerium des sozialistischen Ministerpräsidenten José Luis Rodríguez Zapatero inzwischen eine gewisse „Sensibilität“ und mißt mit. So ließ sich die „Nummer 2“ der Behörde Arturo Aizpiri dieser Tage mit der Aussage zitieren: „Die Klimaveränderung ist keine Hypothese, sondern eine Realität. Während im vorigen Jahrhundert auf der Erde die Temperaturen um ein Grad stiegen, taten sie das in Spanien um eineinhalb Grad.“ Die Voraussagen für das 21. Jahrhundert umfassen einen Anstieg von bis zu sieben Grad im Inneren der Iberischen Halbinsel und von bis zu vier Grad an den Küsten mit entsprechender Erhöhung des Meerwasserspiegels und „neuen Phänomenen“ wie Fluten oder heftigen Tropengewittern.

Die vorgeschobene geographische Lage Spaniens und Portugals macht die Halbinsel auch zu dem schon am meisten von der Versteppung erfaßten Teil Kontinentaleuropas. Die Satellitenbilder, auf denen sich das Land mit Ausnahme des noch grünen Nordwestens auf weiten Strecken rotbraun darbietet, erläutern die Zahlen des Umweltministeriums, wonach ein Drittel des gesamten Territoriums „gefährdet“ sei. In Murcia, Valencia oder auf den Kanaren reiche das Risiko, der afrikanischen Wüste entgegenzuwachsen, sogar „nahe an hundert Prozent“.

Zigarettenkippen gelten als „Feuerterrorismus“

Auch die Hauptstadt Madrid hat zum Beginn dieses Septembers gerade wieder einen Vorgeschmack bekommen - mit einem von eingewehten Staubwolken aus der Sahara gelbgrau verdüsterten Himmel. Sie hat dieses Jahr nach Angaben der Meteorologen schon gut sechzig Tage mit Temperaturen um 40 Grad und mit ebenso extremer Luftverschmutzung erlebt, verursacht von den Wüstenwinden und dem Staub der Großbaustellen der stürmisch wachsenden Fünf-Millionen-Stadt.

Während der Hitzewelle sind in Spanien und Portugal auch wieder die gefürchteten Waldbrände aufgeflammt. Im vergangenen Jahr sind insgesamt 32 Personen dabei ums Leben gekommen, in diesem bislang zehn. Weil es sich in den meisten Fällen um Brandstiftung aus Rache oder „Auftragsarbeiten“ von Bauspekulanten sowie grobe Fahrlässigkeit (Zigarettenkippen, Barbecues, verbranntes Unkraut) handelt, hat sich der Begriff des „Feuerterrorismus“ eingebürgert. Nirgendwo im Mittelmeergebiet mit ähnlichen klimatischen Bedingungen brennt es soviel wie auf der Iberischen Halbinsel (mehr als die Hälfte aller Waldbrände), die zugleich regelmäßig nicht weniger als ein Drittel aller EU-Mittel für die Verhinderung derselben erhält.

„Verschwörung des Schweigens“ bei „Feuerteufeln“

Die deutschen Beobachter des World Wide Fund for Nature weisen in ihrer jüngsten Zwischenbilanz darauf hin, daß sich in Spanien die Zahl der Waldbrände seit den sechziger Jahren auf nunmehr jährlich etwa 20.000 „verzehnfacht“ habe, von denen „maximal ein Prozent“ auf natürliche Ursachen wie Blitzschlag zurückzuführen sei. In Portugal ist das Bild noch dramatischer mit zuletzt mehr als 35.000 Bränden im Jahr 2005.

Der WWF fügt hinzu: „Im Durchschnitt der letzten fünfzehn Jahre verbrannten jedes Jahr 4,4 Prozent der portugiesischen Wälder. Hochgerechnet könnte man sagen, daß in knapp 23 Jahren der gesamte Wald Portugals einmal abgebrannt ist.“ Seltene Festnahmen, milde Strafen und oft eine „Verschwörung des Schweigens“ bei bekannten „Feuerteufeln“ auf dem Land führen noch immer dazu, daß die bezahlten, verärgerten, geisteskranken oder nur fahrlässigen Brandstifter wenig zu befürchten haben.



Text: F.A.Z., 09.09.2006
Bildmaterial: AFP, dpa

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