06. Januar 2006 In Bad Reichenhall konzentriert man sich nach der Bergung der insgesamt 15 Todesopfer nun immer stärker auf die Suche nach den Ursachen für das Unglück. Die Staatsanwaltschaft Traunstein kümmert sich zunächst, bevor es um persönliche Verantwortlichkeiten geht, um die Klärung des Ablaufs.
Die Bauteile der Halle werden numeriert und sichergestellt. Die beiden Fachleute Heinrich Kreuzinger, Professor des Fachgebiets Holzbau am Institut für Baustoffe und Konstruktion der Technischen Universität München, und Stefan Winter, der den Lehrstuhl für Holzbau und Baukonstruktion an der Technischen Universität München innehat, begutachten nach Informationen der F.A.Z. die Teile. Ihre Untersuchung wird bei der Menge des sichergestellten Materials vermutlich Monate dauern.
Diese Halle hätte nicht einstürzen dürfen
Der Architekt des Gebäudes, Hans Jürgen Schmidt-Schicketanz, zeigte sich im Gespräch mit der Nachrichtenagentur AP am Donnerstag erschüttert: Diese Halle hätte nicht einstürzen dürfen. Es habe keine konstruktiven Mängel gegeben: Die waren nie bekannt und sind nie an mich herangetragen worden. Man habe 150 Kilogramm Schnee pro Quadratmeter einkalkuliert, zehn Prozent mehr als erforderlich. Zudem hätten die Statiker eine Sicherheitsmarge mit eingerechnet. Und in der Tat ist die Holzkonstruktion des Gebäudes in mehrfacher Hinsicht so gesichert, daß Erklärungen für den Zusammensturz nur schwer zu finden sein dürften.
Bei den Erklärungsversuchen gerät dennoch besonders die tragende Holzkonstruktion der Halle, mit deren Bau man 1971 begann und die 1972 fertiggestellt wurde, in den Blick. Besucher hatten schon vor dem Einsturz von Feuchtigkeit im Gebälk berichtet, und Oberbürgermeister Wolfgang Heitmeier legte am Donnerstag das Gutachten eines Ingenieurbüros vor, das die Stadt im Jahr 2003 im Zusammenhang mit einer im Stadtrat geführten Debatte über die Sanierung des Gebäudes anfertigen ließ. Darin heißt es: Die Tragkonstruktionen - sowohl Holzkonstruktion als auch Stahlbetonkonstruktion der gesamten Eislaufhalle - befinden sich in einem allgemein als gut zu bezeichnenden Zustand. In der Holzkonstruktion sind lediglich Wasserflecken aufgrund von Unregelmäßigkeiten/Wassereinbrüchen aus der Dachentwässerung festzustellen. Diese haben jedoch weder auf die Qualität noch auf die Tragfähigkeit des Tragwerkes Einfluß.
Nässe nicht mehr richtig abgehalten
Die Feuchtigkeit scheint also darauf hinzuweisen, daß die Beplankung des Flachdachs die Nässe nicht mehr richtig abhielt. So könnten die Dichtungsringe an den Schrauben oder Nägeln, mit denen Blech auf dem Dach befestigt wurde, porös geworden sein. Die Leckage könnte in der Dachaufdeckung eine Auffeuchtung des Holzes verursacht haben. Das werden die beiden Münchner Gutachter, die von der Staatsanwalt zum Stillschweigen verpflichtet wurden, nun durch Holzfeuchtemessungen herauszufinden versuchen.
Wenn das Dach undicht geworden ist, wird jedenfalls vermutlich nicht der Leim erweicht. Eine Klebstoffentfestigung ist Fachleuten nicht als Schadensbild bekannt. Eberhard Pfütze, Diplom-Holzwirt bei BASF, widerspricht Mutmaßungen anderer Fachleute, eine fehlerhafte Verleimung der Holzlamellen, aus denen die Träger gefertigt waren, könnten für deren Einsturz verantwortlich gewesen sein. Aus chemischer Sicht ist das schlicht nicht vorstellbar.
Der Leim, der für tragende Gebäudeteile verwendet werde und aus Aminoplast- und Phenolharzen bestehe, sei wärme- und feuchtigkeitsresistent - im Gegensatz zum Leim des täglichen Hausgebrachs. Die chemischen Eigenschaften würden auch durch extreme Witterungsbedingungen wie in Bad Reichenhall nicht verändert. Für den unwahrscheinlichen Fall, daß bei der Leimproduktion etwas fehlgelaufen sei, so meint Pfütze, hätte die Halle nach wenigen Tagen und nicht nach Jahrzehnten einstürzen müssen. Die Leimmischungen, die heute verwendet werden, seien im wesentlichen dieselben wie schon vor 35 Jahren, als die Eislaufhalle gebaut wurde. Die Prüfung und die Normierung von Leimtechniken sei in jener Zeit schon so intensiv und genau gewesen wie heute.
Sehr steife Konstruktion
Nicht nur Pfütze erklärt sich deshalb den Einsturz des Daches mit einer Durchfeuchtung des Holzes. Das Rosenheimer Dach besteht aus sogenannten Kämpfstegträgern, wie Tobias Wiegand von der Studiengemeinschaft Holzleimbau in Wuppertal bestätigt. Die Bauart ist seit mindestens zwanzig Jahren in Deutschland nicht mehr üblich - aber nicht wegen qualitativer Mängel, sondern wegen des großen Konstruktionsaufwands. Heute verwendet man eher Vollwandträger aus Brettschichtholz.
Beim Kämpfstegträger besteht der Hohlkasten aus einem Ober- und einem Untergurt, das sind Balken aus Brettschichtholz von 20 mal 20 Zentimeter, die mit lotrechten Brettschichtholzstegen miteinander verbunden sind. Diese sogenannten Kämpfplatten sind nach Einschätzung von Wiegand per Nagel-Preß-Leimung an den Gurten befestigt worden. Die separat gefertigten und mit Keilzinkung in der Länge verbundenen Kämpfplatten sind also gleich zweifach auf den Gurten befestigt worden: In der Fuge zwischen Gurt und Platte wurden sie mit Klebstoff verbunden und dann so festgenagelt, daß ein ausreichender Preßdruck auf den Leim entstand. Die lotrechten Stege werden also vor allem über die Klebung so stabil mit den Gurten verbunden, daß nach Ansicht Wiegands eine sehr steife Konstruktion entsteht.
Bruch eines Trägers
Nach zwei Fachartikeln - in der Deutschen Bauzeitschrift des Jahres 1975 (Nummer 10) und im Holzbau-Atlas 1978 - betrug die Gesamtgröße der Halle 75 mal 48 Meter. Die 2,87 Meter hohen Kastenträger, die im Abstand von jeweils 7,50 Meter angebracht waren, hatten also die gewaltige Spannweite von 40 Metern und kragten beidseitig vier Meter aus, so daß sie die Breite der Halle ganz überspannten. Durch ein Pfettensystem waren die einzelnen Hohlkästen miteinander verbunden. Dadurch entstand eine Lastverteilung in Querrichtung, die der Stabilität diente. Die Hauptträger selbst waren ebenfalls quer ausgesteift - in der Pfettenachse durch innenliegende Beulsteifen und in jeder dritten Pfettenachse durch K-Rahmen. Die Hohlkästen als Hauptträger waren nach innen und nach außen gleich mehrfach in ihrer Stabilität gesichert.
Dennoch muß es trotz dieser soliden Absicherung zum Bruch eines ersten Trägers gekommen sein. Sowohl die Gurte, wiewohl dick, könnten bei dauernder Durchfeuchtung brechen als auch die senkrechten Lamellenstege. Die Hohlkasten-Konstruktion, meint Wiegand, könnte schon dadurch brechen, daß die Stege kaputtgehen - dazu müssen nicht die Gurte brechen. Eine mögliche Erklärung könnte nun darin liegen, daß der Leim nicht mehr an das Holz anband. Das aus mehreren Einzellagen bestehende Schichtholz, das haltbarer ist als normales Holz, könnte sich in sich oder in der Verbindung der Seitenlamellen mit den Gurten gelöst haben. Denn erst recht auf ein sogenanntes Schmetterlingsdach wirkt unter der Schneelast besonders in der Mittelfalte großer Druck. So könnten die Seitenlamellen oder der Obergurt eines Trägers dem Druck von oben nachgegeben haben und in einer Kettenreaktion die anderen - mutmaßlich ebenfalls gelockerten - Hauptträger mit in die Tiefe gerissen haben. Selbst die professionelle Versteifung des Holzes in der Vertikalen und der Horizontalen hätte dann nichts mehr ausrichten können.
Text: kai./tifr., F.A.Z., 06.01.2006, Nr. 5 / Seite 8
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