30. August 2004 Greger ist achtzehn, er absolviert die letzte Klasse des Norra-Realgymnasiums in der Innenstadt von Stockholm. Im Moment ist er dabei, Orangenaroma herzustellen. Er stopft eine Handvoll abgeriebener Schale in einen Kolben, um eine Destillation unter Dampfdruck vorzubereiten. Am Ende werden dabei ein paar Tropfen Orangenöl herauskommen. Die physikalische Theorie, die dahintersteckt, könne er später unter dem Namen John Dalton finden, sagt der Betreuer. Greger nickt. Chemieingenieur will er werden. Wenn es geht, Chef einer Entwicklungsabteilung.
Greger gehört zu einer absoluten Minderheit. Nicht nur in seiner Klasse und nicht nur in Schweden. Ingenieur zu werden ist für immer weniger Jugendliche in den Industrienationen ein Berufsziel. Chemiker erst recht nicht: Die Zahl der jährlichen Diplomabschlüsse lag in diesem Fach in Deutschland vor zehn Jahren noch bei 3.500, seitdem sank sie auf wenig mehr als tausend und wird nach Schätzungen der Gesellschaft Deutscher Chemiker auf absehbare Zeit stagnieren.
Den Glauben verloren
Die Zahl der Promotionen ging mit einer Verzögerung von fünf Jahren ähnlich drastisch zurück.
Verlängert man die Zeitspanne, in der die Studenten zunehmend ausblieben, um zehn bis zwanzig Jahre zurück in die Vergangenheit, werden auch die Gründe deutlich, warum die Chemie ins Abseits geriet. Sie tragen einprägsame Namen wie Seveso (1976), Three Mile Island (1979), Bhopal (1984), Tschernobyl (1986) oder Exxon Valdez (1989). Eine ganze Generation ist mit technisch bedingten Umweltkatastrophen aufgewachsen und hat offenbar den Glauben an die Segnungen der angewandten Naturwissenschaften verloren.
Hinzu kam in vielen entwickelten Ländern eine Reform des Bildungswesens, die es den Schülern ermöglichte, Mathematik, Physik oder Chemie zugunsten weicherer Fächer ganz oder teilweise abzuwählen. "Die meisten entscheiden sich heute lieber für Biologie, da lernen sie, wie harmonisch es in der Natur zugeht", sagt der Bielefelder Oberstudienrat Frank Königer. "Wenn dann doch die Molekularbiologie drankommt, sind es halt Buchstaben, die man auswendig lernen muß." Eine Zeitlang sei es sogar möglich gewesen, den Numerus clausus für Medizin zu schaffen, wenn man nur gut genug in Sport war.
Experimentieren mit Schülern
Königer gehört zu den Lehrern und Dozenten, die an der Universität Bielefeld das Teutolab entwickelt haben, ein Labor für Schüler (benannt nach dem nahe gelegenen Teutoburger Wald), in dem "hands-on"-Experimente durchgeführt werden können, angefangen von der Herstellung von Kunststoff aus Milch über den Bau einer Brennstoffzelle bis hin zur Destillation von Zitrusölen.
Im Rahmenprogramm des ersten "European Science Open Forum" in Stockholm stand Königer vergangene Woche tagaus, tagein in einem Zelt am Kungsträdgarden und betreute schwedische Schulklassen, aber auch jeden, der einfach vorbeikam und Lust hatte, einen weißen Kittel anzuziehen.
Förderung für Lehrer
Beinahe zehntausend Schülerinnen und Schüler haben in den vergangenen Jahren einen Chemie-Crashkurs im Teutolab belegt. Es gibt in Deutschland inzwischen viele ähnliche Initiativen, auch in anderen Fächern. Die meisten sind vom Stifterverband für die deutsche Wissenschaft, von der Robert-Bosch-Stiftung oder vom Bundesforschungsministerium gefördert worden. Verstärkt engagieren sich auch die Europäische Union und andere Institutionen.
In Stockholm wurde jetzt ein Programm mit dem Namen Nucleus vorgestellt, das in den kommenden drei Jahren Tausende von Lehrern erreichen soll. Neun Millionen Euro und das versammelte Wissen von fünfzig Top-Forschungseinrichtungen sollen in die Verbesserung des naturwissenschaftlichen Unterrichts gesteckt werden.
Kein Interesse für Entwicklungen
Das scheint dringend nötig zu sein. Der Schock der Pisa-Studie und ihr blamables Abschneiden bei der "Third International Mathematics and Science Study" (Timss) stecken den Deutschen noch in den Knochen. Aber sie stehen damit keineswegs allein. Svein Sjoberg von der Universität Oslo stellte in Stockholm die Ergebnisse einer Befragung von zehntausend Schülern im Alter von 13 Jahren aus 21 verschiedenen Ländern vor. Es nahmen nordeuropäische Länder wie Großbritannien, Norwegen oder Schweden teil, südeuropäische Länder wie Spanien, osteuropäische wie Rußland, aber auch Entwicklungsländer wie Uganda oder hochentwickelte Nationen außerhalb Europas wie die Vereinigten Staaten und Japan.
Die Ergebnisse waren auf andere Weise erschreckend. Schüler in Entwicklungsländern sind generell erheblich mehr an den jüngsten technologischen Entwicklungen interessiert als Schüler in reichen Ländern. In Sudan oder auf Trinidad begeistern sich 82 bis 84 Prozent aller Jungen und immerhin noch 70 bis 82 Prozent aller Mädchen für den technischen Fortschritt. In Schweden und Norwegen ist - trotz jahrzehntelanger Bemühungen um Gleichbehandlung im Unterricht - der Abstand zwischen den Geschlechtern erheblich größer und das Interesse insgesamt wesentlich geringer: Gerade die Hälfte aller Jungen zeigt sich dort noch technologiefreudig und bloß ein Viertel aller Mädchen.
Widerwillen gegen Naturwissenschaften
Absolutes Schlußlicht bei allen Befragungen war ausgerechnet Japan: Weder das Innenleben von Autos noch das von Computern oder Handys lösten bei mehr als jedem zehnten Mädchen und mehr als jedem dritten Jungen positiv geartetes Interesse aus.
Regelrecht katastrophal waren die Werte in den hochtechnisierten Ländern, wenn man die Schüler danach fragte, wie ihnen der naturwissenschaftliche Unterricht gefiel. Erheblichen Widerwillen zeigte die große Mehrheit, wiederum vor allem in Japan und Nordeuropa. Gerade diese Länder aber waren es gewesen, die sowohl in der Pisa- als auch in der Timss-Studie weit vorn gelegen hatten. Spitzenwerte fanden sich statt dessen in Ländern der Dritten Welt wie in Uganda oder auf den Philippinen, wo Naturwissenschaft und Technik unter Schülern fast ausnahmslos extrem positiv gewertet wurden.
Schlüsselrolle für die Medien
Die Konsequenzen, die dieses weitverbreitete Unbehagen an Naturwissenschaft und Technik haben könnte, hält nicht nur Svein Sjoberg für fatal. Niedrige Geburtenraten und hohe Lebenserwartungen vertragen sich nur schlecht mit einer nachfolgenden Generation, welche die Entwicklung und damit auch den Export von wissenschaftlichem Know-how anscheinend schon in den Wind geschrieben hat. In Stockholm wurde viel darüber diskutiert, ob man diesen Trend überhaupt noch umkehren kann.
Eine Schlüsselrolle sprachen dabei viele Wissenschaftler den Medien zu. Forschungsergebnisse würden von ihnen oft zu negativ dargestellt, etwa wenn es um embryonale Stammzellen ginge, warf beispielsweise Anders Hägerstrand von der Firma NeuroNova in Stockholm den Journalisten vor. Oder umgekehrt viel zu positiv, wenn es um Marktchancen und Aktienkurse gehe, erwiderte der amerikanische Wissenschaftsjournalist Stephan Herrera vom Economist - etliche Forscher seien es mittlerweile schon leid, Auskunft über ein Gebiet zu geben, von dem man nicht einmal wisse, ob und wann es jemals konkrete medizinische Anwendung findet.
Weder Informationsbedürfnis noch Interesse
"Communicating Science" war das eigentliche Thema dieses Kongresses, der sich zum Ziel gesetzt hatte, dem vielbeschworenen Vorbild der Jahrestagung der American Association for the Advancement of Sciences (AAAS) eine europäische Alternative entgegenzusetzen. Im Stockholmer Folketshus wurden die Unterschiede klar, als Shirley Malcolm, bei der AAAS zuständig für Education and Human Resources, amerikanische und europäische Meinungsumfragen miteinander verglich. Danach glauben drei Viertel aller Amerikaner, aber nur die Hälfte aller Europäer, daß der Nutzen des wissenschaftlichen Fortschritts in jedem Fall das Risiko überwiegt.
Nur ein Drittel aller Amerikaner, aber zwei Drittel aller Europäer sind der Meinung, daß er unser Leben generell zu schnell verändert. Unabhängig davon aber grassiert diesseits und jenseits des Atlantiks das Phänomen, daß die Mehrheit ohnehin nicht weiß, wovon die Rede ist: Gerade mal dreißig Prozent der Befragten gaben an, einigermaßen informiert und interessiert an Wissenschaft und Technik zu sein. Fünfzehn Prozent hielten sich zwar für interessiert, aber schlecht informiert, praktisch die Hälfte zeigte weder Informationsbedürfnis noch Interesse.
Verwirren Journalisten ihre Leser?
Als Wissenschaftsjournalist konnte man einiges von diesen Zahlen lernen. Vor allem Bescheidenheit. Wenn sich irgendwo in der Nachbarschaft ein größeres Unglück ereignet, würde mehr als jeder zweite Betroffene glauben, was Wissenschaftler dazu zu sagen hätten. Jeder fünfte immerhin würde noch der Regierung trauen. Noch weniger würden sich auf die Journalisten verlassen. Informieren Journalisten also den Leser, oder verwirren sie ihn eher? Auf dem ersten European Science Open Forum fand sich keine rechte Antwort auf diese Frage. Geschweige denn ein Rezept, dafür, was guter Wissenschaftsjournalismus ist.
Nur die alte Regel: "If it has fur, it will get ink" schloß Ginger Pinholster von der AAAS aus einer Auswertung des Medienechos auf Artikel des Wissenschaftsmagazins Science im Jahr 2003. Auf deutsch: Tiere gehen immer. Das allerdings hatte man schon vorher gewußt. Auch, daß man nie den Leser aus den Augen verlieren darf. Im Durchschnitt, so ergab eine Umfrage des Magazins Forbes, liest er pro Zeitungsartikel genau zwölf Wörter. Respekt an alle, die bis hierhin durchgehalten haben.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 29.08.2004, Nr. 35 / Seite 59
Bildmaterial: dpa