Ralph Lauren

Die heilige Familie amerikanischen Stils

Von Alfons Kaiser, New York

10. September 2007 Die Wallfahrt zu Ralph Lauren beginnt an der Madison Avenue. Je weiter man in der Upper East Side von Manhattan nach Norden geht, desto nobler die Marken. Plötzlich ballt es sich: Cartier, Gucci, Akris, Prada, Chloé, Tom Ford, Sonia Rykiel, Gianfranco Ferré, Yves Saint Laurent. Dann, zwischen 71. und 72. Straße, links und rechts Ralph Lauren. Das Rhinelander Mansion rechts stammt aus Zeiten, die es nicht mehr gibt, und ahmt per Jugendstil ein französisches Renaissance-Schlösschen nach. In den Schaufenstern die Damen-Herbstmode, drinnen Holzvertäfelungen, Gemälde, schwere Möbel, Seidenkleider, die Alte in der Neuen Welt. Nebenan die St.-James-Kirche, der Central Park zweihundert Meter entfernt, und auf den Straßen geht viel Geld noch einmal kurz einkaufen. Man sieht auch Hispanics: Sie führen die Hunde aus der Nachbarschaft spazieren.

Gegenüber, in den Schaufenstern des linken Ralph-Lauren-Ladens, die Kinderlinie, viel Tweed, dicker Strick, Cord für den Winter. Auf den Strohballen Zaumzeug, Sattel, Poloschläger, Bürsten zum Striegeln. Die "riding accessoires" sind nicht aus eigener Produktion wie bei Hermès. Nein, sie sind "Courtesy of Manhattan Saddlery". Die Reagenzgläser und das Mikroskop ein Fenster weiter sind auch nur ausgeliehen. Aus ein paar Kindersachen allein kann man eben noch keine Welt erschaffen, in der das Stroh noch raschelt, die Reagenzgläser noch blubbern und die Poloschläger schon so richtig benutzt aussehen.

An zehn Tagen mehr als 100 Schauen

Frühes letztes, wenn nicht spätes vorletztes Jahrhundert. Dabei gründete Ralph Lauren seine Marke erst vor genau 40 Jahren auf den Fundamenten alteuropäischen Lebensstils und neuer amerikanischer Kaufbereitschaft. Am Samstagabend feiert er den 40. Jahrestag der Gründung seiner Lifestyle-Welt 30 Straßen weiter oben, im Central Park, im Herzen der Stadt - als Höhepunkt der New York Fashion Week, die in dieser Saison an zehn Tagen Hunderte Schauen und Präsentationen bietet. Wer zum großen Fest mit der U-Bahn fährt und an der 103. Straße aussteigt, muss über Obdachlose steigen und sieht Hispanics mit ganz anderen Hunden. Die meisten Gäste der drei Jubiläumsschauen, die hintereinander abgespult werden, lassen sich aber mit der Limousine bringen.

Dann schreiten sie durchs Vanderbilt Gate in den einzigen Garten des Central Park, nach italienischen, französischen und englischen Vorbildern gestaltet. Der Rasen ist von Alleen gesäumt und heute ausnahmsweise auch von einem Zelt bestanden. Hinter dem Brunnen unter der Glyzinien-Pergola ist Raum für ein lauschiges Dinner mit den 400 besten Freunden. Zunächst warten die Gäste aber noch auf die Schau. Die Männer tragen schwarze Anzüge und Penny-Loafer, wenn sie jünger sind auch braune Straßenschuhe. Die Frauen führen die Ballonröcke der Saison vor, gern in blassem Gold und manchmal mit dicken Kristallen bestickt, in der Hand eine schwarze Kroko-Clutchbag, am Rücken eine große schwarze Schleife. Sie sind blond oder japanisch.

„Alles, was ich hatte, war Geschmack.“

Was also ist das Geheimnis des Erfolgs von Ralph Lauren, der die Schönen und Reichen magisch anzieht, der mit 50 000 Dollar Schulden begann und bei einem - in der Mode nur noch von Armani übertroffenen - Milliardenvermögen angelangt ist, der als Sohn russisch-jüdischer Einwanderer sechs Wochen nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs geboren wurde und im Mai 2007 erstmals ins Land seiner Väter fuhr, um in Moskau seinen 292. Laden zu eröffnen? „Er geht weit über die Mode hinaus und erschafft einen ganzen Lebensstil“, sagt die Modehistorikerin Valerie Steele vom Fashion Institute of Technology und hebt das Champagnerglas. Modeberaterin Marylou Luther, die früher für die „Los Angeles Times“ schrieb und ihn seit vier Jahrzehnten kennt, ergänzt: „Er weiß genauer, was englisch ist, als die Engländer selbst.“

In die Wiege wurde ihm das alles nicht gelegt - denn die stand in der Bronx. Nein, dieser Ralph Lifshitz, ein schmächtiger Junge, der sich schon früh den klangvollen Namen Ralph Lauren gab, erarbeitete sich das Schöne: „Alles, was ich hatte, war Geschmack.“ Er begann als Verkäufer bei Brooks Brothers, entwarf selbst bunte Krawatten und störte sich nicht am Spott. „Er wusste schon immer, was er wollte“, meint Luther. „Und wenn er unter Zweifeln litt, dann hat er es wenigstens nicht gezeigt.“ Im Laufe seiner Karriere kamen Herren-, Damen-, Kinderlinien dazu, Golf-, Tennis-, Polokleidung, Parfums, Accessoires, Home-Collection, bald auch Uhren und Schmuck. Er hat Anwesen auf Jamaika und in Colorado, eine Fifth-Avenue-Wohnung und eine Oldtimer-Sammlung, die vergangenes Jahr im Boston Museum of Fine Arts ausgestellt wurde. Er sieht durchtrainiert aus vom Scheitel bis zur Sohle, ist noch länger als mit seiner Marke mit seiner Frau Ricky verheiratet und kurz vor seinem 68. Geburtstag ungefähr so amtsmüde wie Giorgio Armani oder Karl Lagerfeld.

Mode für die Upper Class

Ralph Lauren hat aufs richtige Polo-Pferd gesattelt: Sein Signet samt angeschlossenem „equestrian style“ schließt an das englische Spiel der Upper Class an - und an den amerikanischen Mythos des Cowboys, der mit seinem Pferd die äußersten Grenzen immer weiter hinausschiebt und das wilde Leben bezähmt. Hinzu kommt der „preppy style“ für die jungen Herrschaften aus den Eliteschulen, der das dauernde Zukunftsthema Bildung einkleidet. Solche Symbole amerikanischer Lebensart verpflichten auf Dauer: Gegen die Mode hegt dieser Klassiker den Verdacht, dass Kleider, die heute aktuell wirken, schon morgen alt aussehen.

Die Mutmaßungen über den legendären Erfolg dieser Lifestyle-Welt, die auch Vorbild war für die Vermarktungskünstler Calvin Klein, Tommy Hilfiger und Tom Ford, perlen beim zweiten Champagner noch munterer: „Die Maschinerie ist gut geölt“, sagt ein Kenner der New Yorker Szene. „Er findet immer die besten Leute, bezahlt sie besser als alle anderen, weshalb sie auch die Nase am höchsten tragen. Bei dieser Marke stimmt alles - bis hin zur Freundin des Sohns.“ Wie auf Befehl kommt David Lauren, das mittlere Kind des Modemachers (Andrew, der Ältere, ist im Filmgeschäft, Dylan, die Jüngere, hat eine „Candy Bar“ an der Upper East Side), vor der Schau auf den Laufsteg, um alles zu inspizieren. An der Hand seine Gefährtin: Lauren Bush, die Nichte des Präsidenten. Eine Heirat des Marketingmanns, der vom Vater auf alles vorbereitet wird, und der studierten Modedesignerin mit besten Verbindungen und philanthroper Gesinnung würde man der New Yorker Gesellschaft wünschen. Wenn sie dann auch noch seinen Namen annähme, hieße sie Lauren Lauren.

Was Ralph Lauren zeigt, ist schwere Kost

Man würde es auch der Mode wünschen. Auf jeden Fall könnte die Schwiegertochter in spe die Damen-Kollektionen etwas auffrischen. Denn was Ralph Lauren nun zeigt, ist doch schwere Kost. Volantkleider ohne Ende mit Pastell-Blumendrucken, Polo-Gefechte auf den Oberteilen, altbackene Streifenjacken, übersportliche Gelb-Schwarz-Kombinationen - so wird das nächste Frühjahr nicht aussehen. Eher so wie die klassischen Reiterjacken und Reiterhosen samt schwarzer Krawatte aus dem Repertoire der Männermode, das Lauren als einer der Ersten für die Damen genutzt hat, wie die cremefarbenen Schößchenjacken aus Leder, die leichten Marlenehosen, das Seidentaftkleid aus pastellenem Pink im Dior-Stil und ganz sicher wie das kristallbestickte schwarze Tüllbustier zum Rock aus Seidengeorgette.

Gemischte Gefühle, großer Applaus. Die Kundinnen werden begeistert zugreifen wie die Gäste der letzten Schau am Samstagabend. Als Ralph Lauren im Smoking den Applaus genug genossen hat, teilt sich der Bühnenhintergrund, und alle schreiten zum Cocktail in den Garten: Michael Bloomberg, Dustin Hoffman, Robert De Niro, Sarah Jessica Parker, Carolina Herrera, Diane von Fürstenberg, Donna Karan - sogar bei Kolleginnen ist er beliebt. Lauschiger, lässiger, lockerer als bei diesem Dinner an freier Luft könnte das Leben nicht sein. Sogar für Gefühle ist gesorgt. Ricky Lauren dankt ihrem Mann, Ralph Lauren dankt seiner Frau, und viele Augen werden feucht. So leicht wird man zum Mitglied der heiligen Familie des amerikanischen Luxus.

Das Designer ABC

Die Designerschauen für Frühjahr und Sommer 2008 haben begonnen. Was in den nächsten Wochen in New York, London, Mailand und Paris über die Laufstege geht, wird von den einflussreichsten Designern der Welt entworfen. Auf FAZ.NET stellen wir die wichtigsten Modemacher in einer Serie vor, die laufend erweitert wird. Aus Anlass der New Yorker Schauen präsentiert Alfons Kaiser heute Diane von Fürstenberg, und Julia Kunkelmann stellt Anna Sui vor. Zu den Schauen in London sind dann wieder Design-Größen aus Europa an der Reihe.



Text: F.A.Z., 10.09.2007
Bildmaterial: AFP, AP, dpa, REUTERS

Üppige Volants am Saum Seidentaftkleid in pastellenem Pink Polo-Gefechte auf den Oberteilen Klassische Reiterjacken und Reiterhosen Übersportliche Gelb-Schwarz-Kombinationen Bestickte Reiterhosen in Pastellfarben Chiffonkleid mit Blumendruck und dazu passendem Kopfschmuck Laurens Lieblingsthema in dieser Saison: Volants Prominente Gäste bei Ralph Lauren: Sarah Jessica Parker und Matthew Broderick Auch Dustin Hoffman (l.) und Robert De Niro besuchen die Show Ralph Laurens Nachwuchs: Andrew, Dylan und David Lauren (von links) Vielleicht bald Lauren Lauren? Volantkleider mit Pastell-Blumendrucken Aus dem Männermode-Repertoire: schwarze Krawatten Das Spiel der Upper Class auf Blousons in der Frühjahr-/Sommerkollektion 2008 Altbackene Streifenjacken in der Frühjahr-/Sommerkollektion 2008 Anleihe aus der Männermode: Zylinder zur Abendgarderobe Mit Volants und Kristallen besetztes Oberteil in der Frühjahr-/Sommerkollekti... Seidentaftkleider im Dior-Stil Trotz Zylinder und Krawatte sehr weiblich Kolleginnen bei Ralph Lauren: Vera Wang (l.) und Donna Karan Robert De Niro und seine Frau bestaunen die neuen Kreationen von Ralph Lauren Laurens Sohn David mit Freundin Lauren Bush