Von Wiebke Hüster
09. April 2007 Alle Menschen sind von Natur aus neugierig. So beginnt das Schulkonzept der Neuen Schule Hamburg, die gerade von sich reden macht. Teils, weil die Schlagersängerin Nena sich maßgeblich dafür engagiert. Teils, weil diese Schule vorhat, viele Sehnsüchte nach einer guten Schule zu erfüllen. Eine Villa in Hamburg auf einem Parkgelände, altersübergreifendes Lernen, kein 45-Minuten-Takt, durchgängige Klassen von der ersten bis zur zehnten, keine Noten, kein Sitzenbleiben, jedem Schüler sein eigenes Lerntempo, gemeinsames Mittagessen, 65 Kinder, drei Vollzeit- und zwei Halbtagslehrkräfte sowie drei Mitarbeiter - und das alles für ein Schulgeld von 150 Euro. Die Finanzierung erfolgt durch Spenden und Sponsoren.
Die Lehrer sollen sich an dieser Schule nicht wie Gebieter und nicht wie Besserwisser benehmen. Alle Entscheidungen, die die Schulgemeinschaft angehen, heißt es im Konzept, werden durch eine Versammlung getroffen, in der jeder Schüler und jeder Lehrer und Mitarbeiter je eine Stimme hat. 65 Kinder, acht Erwachsene - könnte allerdings sein, dass da beim Entscheiden ziemlich viel Zeit draufgehen wird. Dazu kommt noch das demokratisch legitimierte Justizkomitee, das über Regelverletzungen befinden soll. Außerdem entscheidet jeder Schüler für sich selbst, wann, was, wie und mit welchen Hilfen er lernt. Das kann 65 eigene Entscheidungen bedeuten, die von drei Lehrkräften aufgefasst, im Gedächtnis behalten und begleitet werden müssen. Dass es an der Neuen Schule Hamburg nicht einmal feste Fächer geben soll, ergibt sich daraus fast zwingend - denn auch das wären ja fremde Entscheidungen über die Schüler.
Einseitige Beschreibung
Was die Kinder an dieser Schule lernen sollen, scheint also vor allem das Entscheiden zu sein. Dann aber hätte der erste Satz des Schulkonzepts doch eigentlich heißen müssen: Alle Menschen sind von Natur aus entscheidungsfähig. Denn von Natur aus soll ja wohl so viel heißen wie schon als Kind. Und so viel wie: erfreulicherweise. Denn es gibt ja keine reformpädagogischen Schulkonzepte, die mit Sätzen beginnen wie: Alle Menschen sind von Natur aus schnell gelangweilt. Oder: Alle Menschen sind von Natur aus launisch. Oder: starrköpfig, ahnungslos, leicht abzulenken und so weiter. Aber das alles sind Kinder ja durchaus auch - genau so wie neugierig, phantasievoll und verspielt.
Vielleicht liegt es an dieser einseitigen Beschreibung von Kindern, dass manche reformpädagogischen Vorstellungen so abwegig erscheinen: zum Beispiel ein Unterricht, in dem 65 Schüler selbst entscheiden, wann, wo, wie, was, mit wem und also auch: ob überhaupt sie etwas lernen. Oder eine Schule, die schon Fünfjährige behandeln möchte, als wären es kleine Parlamentarier. Eigentlich sind es Sehnsüchte von Erwachsenen, die zu so etwas führen. Wäre es demgegenüber nicht viel besser, wenn es eine Reformpädagogik ohne Übertreibungen gäbe? Eine, die nicht behaupten muss, die Kinder seien der Mensch, wie er von Natur aus ist und also der problemlose Mensch? Sondern die, für die eine kindgerechte Schule zugleich eine realistische wäre.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 08.04.2007, Nr. 14 / Seite 72
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