Flatrate-Party

Billig abstürzen

Von Rainer Schulze, Holzminden

10. April 2007 Die Todesstunde Jesu ist ja noch weit. Mit Shakira geht es vom Gründonnerstag in den Karfreitag. Es ist schon kurz nach Mitternacht, als ein stämmiger Türsteher mit Knopf im Ohr den DJ beiseite nimmt. Polizeikontrolle. Rasch vergraulen die Wildecker Herzbuben, der ultimative Rausschmeißer, die Menge von der Tanzfläche: „Herzilein, du musst nicht traurig sein.“ Pfiffe, Johlen - das Holzmindener Jungvolk ist gereizt. Das Tanzverbot an Karfreitag ist nicht seine Sache. „Leute, ich habe das Gesetz nicht gemacht“, gibt der DJ den Beleidigten. Zehn Minuten verstreichen, dann sind die Polizisten verschwunden. Das Katz-und-Maus-Spiel beginnt. Die Musik läuft wieder.

Das „Alpenmax“ in Holzminden ist so bizarr und doch so gewöhnlich wie jede deutsche Großraumdisco. Die Anfahrt führt über das Dorf Polle, wo Mofarocker an der Bushaltestelle im Abendlicht ein Bier picheln. Dann geht es durch die hübsche Weserstadt. Noch einen Blick auf den Vollmond werfen, im Industriegebiet dann links abbiegen. Zwischen Real-Kauf und Autoteile Unger gibt es Gründonnerstag die „Osterflatrate“: einmal zahlen, für 47 Euro frei trinken. Gleich drei Türsteher prüfen Personalausweise, rein kommt nur, wer 18 ist.

„Ich frage mich immer, warum das so ist“

Es ist die erste Flatrate-Party im „Alpenmax“, da will man sich nicht vorwerfen lassen, Sechzehnjährige abgefüllt zu haben. Der Innenarchitekt hat versucht, so etwas wie bayerische Hüttenromantik zu erzeugen. Die Häuschen, die wie Inseln in der Halle ruhen, tragen ulkige Namen wie „Techtelmechteleck“ und „Schnackserlweg“. Auf den Dächern thronen Plüschtiere - Bärchen, Schweinchen und ein Gremlin. Doch die Alpen sind weit, und am Ufer der Weser fließen statt Weißbier Mixgetränke.

Die Frage ist nicht mehr Bier oder Wein, sondern Wodka-Lemon oder Jägermeister-Energy. Jedem Gast wird eine Lochkarte im Wert von 47 Euro in die Hand gedrückt. 47 Euro, das sind etwa 20 Campari-O. Ins Koma dürfte man sich damit kaum saufen können - der als „Tequila-Junge“ zu trauriger Berühmtheit gelangte sechzehnjährige Berliner, dessen Kreislauf vor elf Tagen nach 4,8 Promille versagte, schaffte 45 Schnäpse. Frauen zahlen für das Ticket zum Freitrinken acht Euro, Männer zwei Euro mehr. „Ich frage mich immer, warum das so ist“, kalauert der DJ, und einige Holzmindener Kerle lachen.

„Das ist kein Trend. Die Medien hängen das zu hoch“

Vor André Jäger und Julian Jaskolski stehen die ersten Wodka-Energy. Der 21 Jahre alte Automechaniker und der 20 Jahre alte Bankkaufmann prahlen, sie hätten es neulich auf 45 Euro gebracht. Einzeln. „Wir sind aber eher Gelegenheitstrinker.“ Geht ihre Generation anders mit dem Alkohol um? Trinken sie mehr? Früher? „Es ist diese Langeweile“, sagt Jäger. „Die haben nichts zu tun. Dann trinken sie halt.“ Beängstigend finden sie das nicht. „Das ist kein Trend. Die Medien hängen das zu hoch. In zwei, drei Wochen redet niemand mehr darüber.“

Seit über zwei jugendliche „Komasäufer“ ausführlich berichtet wurde, steht eine Generation am Pranger, die der Boulevardjournalismus schon als „Generation Suff“ etikettiert hat. Zu Unrecht, findet der Bielefelder Wissenschaftler Matthias Richter, Mitautor verschiedener Studien zum Drogenkonsum. „Die Hysterie ist zum größten Teil auf die Aufmerksamkeit der Medien zurückzuführen.“ Zwar sei der Alkoholrausch gesellschaftlich akzeptiert. Die Frequenz des Vollrausches sei aber sogar zurückgegangen.

„Auch bei uns gab es schon üble Abstürze“

Was sagen die Älteren im „Alpenmax“, die sich noch an frühere Trinksitten erinnern können? Christine Sieberer, 44 Jahre, spielt für ihre Tochter Vanessa Taxi. Die Zwanzigjährige macht gerade Abitur und amüsiert sich in einer Lernpause, während Mama etwas verloren an der Wand steht. An der Privatschule ihrer Tochter „parkten“ einige Eltern ihre Kinder im Internat. Die schlügen regelmäßig über die Stränge. Auch ihre Tochter? „Nein, nicht mehr als wir früher.“ Frank Versen, mit seinen 36 Jahren ebenfalls schon aus einer anderen Generation, glaubt nicht, dass Flatrate-Partys, die früher einfach „Happy Hour“ oder „All you can drink“ hießen, das Problem sind. „Auch bei uns gab es üble Abstürze. Die standen nur nicht in der Zeitung.“

In Holzminden geht man noch in den Tanzkurs. Um 23 Uhr hat der DJ den Schlager wiederentdeckt. Zum Mallorca-Hit „Ein Stern, der deinen Namen trägt“ drehen sich einige Paare im Foxtrott auf der Tanzfläche. Die dort ausgestreuten Luftballons sind mittlerweile zertrampelt. Am Rand stehen drei Mädchen und warten, bis der Schlager wieder beerdigt wird. Isabell Lüke hat einen Schwips, jedenfalls redet sie unnötig laut.

„In der Kneipe werde ich wenigstens zügig bedient“

„Meinen ersten Vollrausch hatte ich Silvester 2000“, sagt die Bürokauffrau und rechnet, „also mit 13.“ Ihre Freundinnen, die kurz vor dem Abitur stehen, machten ihre ersten Erfahrungen mit 14 und 16 Jahren. Es sind nicht die Kinder der Unterschicht, die sich im „Alpenmax“ volllaufen lassen. Hier trinkt die bürgerliche Mittelschicht. Das mag Pädagogen, Eltern und Politiker alarmieren. Matthias Richter und andere Wissenschaftler haben allerdings herausgefunden, dass die Herkunft nur geringen Einfluss auf den Umgang mit Alkohol hat.

Die 47 Euro zu „vertrinken“, wozu der DJ in seinen prolligen Ansagen immer wieder animiert, ist im „Alpenmax“ gar nicht so einfach. In mehreren Schichten belagern die Durstigen die Theke. Eine gute halbe Stunde warten sie auf ihre Mixgetränke, die Bacardiflasche wird und wird nicht leer. Julian Jaskolski verabschiedet sich frustriert. Seine Flatrate-Party ist vorbei. Er gehe lieber in die Kneipe. „Da werde ich wenigstens zügig bedient“, sagt er und strebt aufrecht gehend in Richtung Ausgang.

„Mann, ich kann die Sauferei nicht mehr ab“

Die Betreiberin, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, behauptet, dass jede Disco, die eine Flatrate-Party ausrichtet, am Ende draufzahle. Spürt sie eine besondere Verantwortung? „Das Thekenpersonal ist angewiesen, an stark betrunkene Gäste keinen Alkohol auszuschenken.“ Das dürfte bei dem Gedränge unmöglich sein.

Bis ein Uhr nachts erbricht sich niemand auf die Tanzfläche. Das soll im „Alpenmax“ durchaus schon vorgekommen sein. Die Exzesse sind heute eher verbaler Natur. Die Pissoir-Konversation auf der Männertoilette kennt nur ein Thema: das Trinken. „Mann, ich kann die Sauferei nicht mehr ab“, kokettiert eine Männerstimme und prahlt mit den neuesten Eskapaden. Neulich hätten sie zu zweit drei Literflaschen Wodka geleert. „Wo ich auf die Straße gekotzt habe, ist heute noch ein schwarzer Fleck.“ Wie weit liegen Wunsch und Wirklichkeit wohl auseinander?

Im „Alpenmax“ kostet jeder Wodka nur zehn Cent

Bedenkenträger fordern ein Alkoholverbot für Jugendliche. Davon hält Sabine Bätzing, die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, nichts. „Die Gesetzeslage ist streng genug.“ Wer harten Alkohol, also Spirituosen, an Jugendliche ausschenkt, riskiert seine Schankerlaubnis. In Paragraph 20 Absatz 2 des Gaststättengesetzes heißt es, dass an erkennbar Betrunkene kein Alkohol ausgegeben werden darf. „Der junge Mann in Berlin hätte gar nichts mehr bekommen dürfen.“

Bätzing stört die Maßlosigkeit der Eltern. Pro Kopf nahmen die Deutschen im vergangenen Jahr 10,3 Liter reinen Alkohol zu sich. „Wir müssen Vorbilder sein.“ Für Bätzing ist die mediale Aufmerksamkeit ein Anlass, für maßvollen Alkoholkonsum zu werben. Verbote des „All inclusive“-Ausschanks verfehlten jedenfalls ihre Wirkung. „Dann schenken die Wirte den Alkohol eben für 50 Cent aus.“ Es geht sogar noch billiger. Im „Alpenmax“ koste am Ostersonntag jeder Wodka nur zehn Cent, ruft der DJ.



Text: F.A.Z., 10.04.2007, Nr. 83 / Seite 9
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa

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