Henrico Frank

Unrasiert ins Arbeitsleben

Von Philip Eppelsheim

Nachher-Foto: Henrico Frank an seinem Arbeitsplatz, die Probezeit hat er bestanden

Nachher-Foto: Henrico Frank an seinem Arbeitsplatz, die Probezeit hat er bestanden

13. Juni 2007 Mitte Dezember vergangenen Jahres wurde Henrico Frank zum bekanntesten Hartz-IV-Empfänger Deutschlands. Auf einem Weihnachtsmarkt in Wiesbaden pöbelte der arbeitslose Punk zusammen mit zwei Hartz-IV-Kumpanen den rheinland-pfälzischen Ministerpräsidenten und SPD-Chef Kurt Beck an und gab ihm die Schuld an seiner Arbeitslosigkeit.

Beck antwortete scharf: „Waschen und rasieren Sie sich, dann haben Sie in drei Wochen einen Job.“ Und, siehe da, nun hat der 38 Jahre alte Henrico Frank sogar eine unbefristete Arbeitsstelle beim Frankfurter Musiksender „iMusic 1“.

Probezeit bestanden

Auf Krawall gebürstet: Das Vorher-Foto

Auf Krawall gebürstet: Das Vorher-Foto

Am 1. Februar hat Frank dort angefangen. Und am Montag kündigte der Sender an, dass der gelernte Baufacharbeiter vorzeitig seine Probezeit bestanden habe. Seinen beiden Kumpels hingegen brachte die Aktion wenig. Sie sind noch immer arbeitslos. „Ich war wohl der Lauteste“, so das Resümee von Frank. Ziel sei aber nicht gewesen, einen Job zu bekommen, sondern nur, Kurt Beck zu stören.

Doch irgendwie kam alles anders, und die Ausmaße seiner Pöbeleien wurden Frank schon am nächsten Morgen bewusst. „Als ich den Fernseher anschaltete und in meine Fratze blickte.“ Da, als der ganze Medien-Hype um seine Person losging, habe er seine verbale Konfrontation bereut. Doch jetzt nicht mehr. Denn immerhin hat sie ihm diesen Job gebracht.

Trägt brav „Poposcheitel“

Die Haare, die Frank sich nach seiner Begegnung mit Kurt Beck abschneiden ließ – zu einem „Poposcheitel“, wie er damals sagte –, sind mittlerweile wieder nachgewachsen. Blond gefärbt, an den Seiten abrasiert und ins Gesicht fallend. Eine Art Irokesenhaarschnitt. Dem Punk treu geblieben. Aber der Bart ist ab. Zumindest meistens. „Ob ich rasiert oder unrasiert bin, spielt hier überhaupt keine Rolle“, sagt Frank. Er habe Kurt Beck gezeigt, dass man es auch unrasiert zu etwas bringen könne. Eher zwangsläufig als freiwillig. Denn eigentlich ist Henrico Frank ein ruhiger, introvertierter Typ, dem der ganze Rummel um seine Person unangenehm ist.

„Deutschlands frechster Arbeitsloser . . . Er hat uns alle verarscht“ titelte eine Boulevardzeitung über Frank, nachdem dieser zwei Treffen mit Beck abgesagt hatte und auch dessen acht Jobangebote sausen ließ. Bei Frank klingt das etwas anders. „Ich habe nach dem Weihnachtsfest von Beck nichts mehr gehört. Über die Staatskanzlei habe ich acht Jobangebote bekommen, aber das waren zumeist Arbeiten auf dem Bau.“ Und die habe er wegen eines Bandscheibenvorfalls nicht machen können.

Als Punk- und Rockexperten tätig

Da kam das Angebot von „iMusic 1“ gerade recht. Umgeben von coolen Typen und schönen Frauen – wie im Musikbusiness nun einmal üblich –, ist Frank als Punk- und Rockexperte tätig. Frank ist inzwischen selbst einer von den coolen Typen. Tätowierungen, Nasenring, Piercings an den Ohren, ein schwarzes Shirt, auf dem goldene Lettern „Sex, Drugs and Rock ’n’ Roll“ verkünden, abgewetzte Turnschuhe, MP3-Player und ein silbernes Kreuz um den Hals. Also eigentlich so, wie er sich auch schon im Dezember gegeben hatte.

„Waschen und rasieren Sie sich, dann haben Sie in drei Wochen einen Job“, meinte SPD-Chef Beck. Henrico Frank setzte die Worte in die Tat um.

„Waschen und rasieren Sie sich, dann haben Sie in drei Wochen einen Job“, meinte SPD-Chef Beck. Henrico Frank setzte die Worte in die Tat um.

Die Wände zieren goldene Platten, ein „The Doors“-Plakat hängt an der Wand seines Büros und gegenüber ein Ausdruck von Henrico Frank. Knorkator hat er interviewt, und bei einem Interview mit Manowar war er dabei. „Da fehlten mir noch die Englischkenntnisse.“ Doch Rock ist nicht alles. Als Kameraassistent arbeitet Frank für die Kindersendung „Morning Youngstars on Tour“.

Über das Arbeitsamt ausfindig gemacht

Die Macher des Musiksenders hatten Frank nach seinem Auftritt beim Weihnachtsmarkt kontaktiert, waren auf ihn aufmerksam geworden, weil er ein „Punk-Rock“-Shirt getragen hatte. Über das Arbeitsamt in Frankfurt hatten sie ihn ausfindig gemacht. Auch wenn das den omnipräsenten Arbeitslosen zunächst nicht kennen wollte. „Das war keine Publicity-Nummer“, sagt der frühere Viva-Moderator und Programmdirektor Mola Adebisi. „Ansonsten hätten wir doch medienwirksam seinen Rausschmiss gefeiert.“

Henrico Frank opferte dem Job seinen Wildwuchs

Henrico Frank opferte dem Job seinen Wildwuchs

Frank sei sein Geld wert und noch viel mehr. Für Frank ging mit der Anfrage ein Traum in Erfüllung. Punk ist sein Leben, schon lange war er in der Punk-Rock-Szene in Wiesbaden tätig: während seiner sechs Jahre Arbeitslosigkeit, den ewigen Gängen zum Arbeitsamt und den vier Jahren als Ein-Euro-Jobber beim Wiesbadener Grünflächenamt.

„Kniet sich rein“ und gibt Autogramme

Seit vier Monaten pendelt Frank nun zwischen Wiesbaden und Frankfurt. Drei Stunden täglich, weil er öffentliche Verkehrsmittel nutzen muss. Vierzig-Stunden-Woche. Eigentlich. Zumeist mehr. „Reinknien, reinknien, reinknien“, sagt Frank. Sich weiter unentbehrlich für den Sender machen. Doch das ist er schon längst. Denn seit seinem Auftritt beim Wiesbadener Weihnachtsmarkt ist Frank eine kleine Berühmtheit.

„Als ich den Fernseher anschaltete und in meine Fratze blickte“

„Als ich den Fernseher anschaltete und in meine Fratze blickte“

Auf der Straße wird er angesprochen, sogar einige Autogramme musste er schon geben. Am 24. Juni geht es nach Moskau zu einem Promi-Fußballturnier. Auch kurze Auftritte vor der Kamera hatte er schon. Doch erst einmal will er hinter der Kamera bleiben. Später vielleicht Moderator? Wer weiß. Wahrscheinlich auch dann ohne „Poposcheitel“ und zumeist unrasiert.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, ASSOCIATED PRESS, Daniel Pilar, ddp

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