Von Ulf von Rauchhaupt, Kourou
09. März 2008 Lange konnte man den Flug der Rakete nicht verfolgen. Nur Sekunden nachdem sie sich erhoben hatte, war ihr weißer Rumpf mit der stumpfen Spitze und den beiden seitlichen Feststoffraketen bereits verschwunden. Dafür glühte im selben Moment der Himmel, als brenne er lichterloh. Die Triebwerksflammen warfen ihren Widerschein in die Regenwolken und für einen Moment war sogar das Grün des dampfenden Dschungels zu erkennen - um ein Uhr Nachts, in fünf Kilometern Entfernung vom Startplatz. Dann schwoll das Knattern der Feststoffraketen auf ohrenbetäubende Lautstärke an.
Zwei Stunden Später, um sieben Uhr Mitteleuropäische Zeit am Sonntag Morgen, taumelte ein überglücklicher ATV Mission Manager durch das Kontrollgebäude des europäischen Raumhafens bei Kourou in Französisch-Guayana. Es war einfach perfekt sagte John Ellwood. Wir haben Datenkontakt, wir können steuern, die Panele mit den Solarzellen konnten alle vier voll ausgefahren werden. Und die Bahnkurve sieht aus, als wäre es eine Computersimulation. Wunderbar.
Kosten: Rund 1,4 Milliarden Euro
Es war nicht irgendein Raumfahrzeug, an dessen Bahndaten sich Ellwood da berauschte, während um das Gebäude mit Hunderten Ingenieuren und Raumfahrtmanagern der Tropenregen herabprasselte. Das ATV, kurz für Automated Transfer Vehicle, dessen erstes Exemplar da soeben gestartet war, ist nicht nur für Ellwood und sein Team etwas Besonderes. Es ist das schwerste und komplexeste, das wir je gebaut haben, sagte der Generaldirektor der europäischen Raumfahrtorganisation ESA, Jean-Jacques Dordain. Und damit wird Europa ein unverzichtbarer Partner in der Internationalen Raumstation ISS.
Knapp vier Wochen nach Anlieferung und Montage des Weltraumlabors Columbus hat die Esa damit ihren zweiten großen Beitrag zur ISS auf die Reise geschickt. In Form des ATV-Systems zahlt Europa sozusagen ein Großteil seine Miete an die Staatengemeinschaft, die sich bei der ISS zusammengetan hat. Für die Entwicklung (einschließlich des Baus und des Starts) des auf den französischen Erzvater des Science Fiction getauften Prototypen Jules Verne hat Europa 1,4 Milliarden Euro bereit gestellt.
ATV wird am Ende eine Müllkippe
Die ISS ist das Ziel des Starts am Sonntagmorgen. Nach einer mehrwöchigen Testphase wird es am 3. April an die Raumstation andocken und der Besatzung 8,3 Tonnen Versorgungsgüter bringen: Lebensmittel, Wasser, Sauerstoff, saubere Kleidung sowie verschiedene Sorten Treibstoff für die Lageregelung. Der Löwenanteil der Ladung sind 5,8 Tonnen Treibstoff, mit dem die Triebwerke der Jules Verne die Bahn der Raumstation anheben kann. Denn in den 400 Kilometern Höhe, in denen die ISS kreist, gibt es noch genügend Reibung an der Restatmosphäre, dass die Station ohne regelmäßige sogenannte Reboosts mindestens 100 Meter am Tag an Höhe verlieren wird. Zudem wird ATV in den Monaten, in denen es an der Raumstation angedockt ist, den Astronauten als ein 50 Kubikmeter großer begehbarer Schrank dienen - und am Schluss als Müllkippe, die nach dem Abtrennen mitsamt dem Abfall in der Erdatmosphäre verglühen wird.
Die verschiedenen Aufgaben, die das Gefährt damit wahrzunehmen hat, machen es zu einer technischen Herausforderung, die Raumfahrtingenieuren das Herz höher schlagen lässt: Das ATV vereint drei Funktionen, sagt der frühere Esa Direktor Jörg Feustel-Büchl, der das ATV-Projekt Mitte der neunziger Jahre mit auf den Weg gebracht hat. Es ist eine Raketenstufe, ein Satellit, der wochenlang alleine im Orbit durchhalten muss, und schließlich - nach dem es angedockt ist - ein bemanntes Raumfahrzeug
Technikvorsprung für die Europäer
Mehr noch als bei Columbus betraten die Europäer mit ATV technisch Neuland. Denn zum einen verfügt das unbemannte Raumschiff über ein ausgeklügelten Lasersystem zur schnellen und sehr präzisen Navigation beim vollautomatischen Andocken - eine Technik, die etwa bei künftigen Marsmissionen, die Gesteinsproben zu Erde bringen soll, Verwendung finden könnte. Wenn sich das System bei den für die nächsten Wochen geplanten Manövern und beim Andocken Anfang April bewährt, dann verfügte Europa als einziger über eine solche Technik. Die Amerikaner haben so was nicht, und die Russen nur ein System, das dreißig Jahre auf dem Buckel hat, sagt Dordain.
Stolz ist man bei der Esa, dem Raumfahrtkonzern EADS Astrium und bei der europäischen Raketenfirma Arianespace auch auf den Bilderbuchstart der schwersten Last, die eine europäische Rakete je in den Orbit befördert hat. Fast 20 Tonnen wiegt das voll beladene ATV. Dafür musste die Trägerrakete Ariane 5 ES extra verstärkt und modifiziert werden. Gleichwohl sei das Gewicht nie ein übermäßiges Risiko für die erste Startphase gewesen, wie verschiedentlich berichtet wurde. Das Problem am Anfang sind die Vibrationen, sagt John Ellwood. Und für die sind 20 Tonnen an der Spitze bei einer voll betankten 760 Tonnen schweren Rakete ziemlich unerheblich.
Erst Endeavour, dann Jules Verne
Kritisch waren lediglich die Brennphasen der zweiten Stufe gewesen, die das ATV in eine kreisförmige Umlaufbahn bringen. Das hat Leuten Sorge gemacht sagt Elwoods Chef Alan Thirkettle - bei der Esa für den gesamten europäischen Anteil an der ISS zuständig -. Aber es gab überhaupt keine Probleme bis auf einige seltsame Druckwerte in der ersten Brennphase. Aber die zweite lief wunderbar und die Stufe wurde in genau dem vorgesehen Moment und am richtigen Ort abgetrennt.
Gleichwohl hat Jules Vernes Reise zur Raumstation erst begonnen. Und vor einer glücklichen Ankunft sind noch allerhand Hürden zu meistern. Vor allem muss jetzt erstmal das Space Shuttle Endeavour pünktlich am frühen Dienstagmorgen starten, um unter anderem das japanische Weltraumlabor Kibo zur ISS zu bringen. Denn die Endeavour muss wieder abgelegt haben, bevor die Jules Verne andocken kann.
Grüße vom Blackberry des Nasa-Chefs
Umgekehrt verfolgt man natürlich auch bei der Nasa mit Interesse, wie das ATV seine nun bevorstehenden Tests besteht. Davon wird auch abhängen, ob Europa nach den bisher fest eingeplanten fünf Lastenkapseln noch weitere ATV bauen wird. Kurz vor dem Start der Jules Verne wurde in Kourou bekannt, dass sich die Nasa mit dem Gedanken trägt, mindestens ein ATV zu bestellen, um die ISS nach dem Ende ihrer Dienstzeit in zehn bis 15 Jahren mit Hilfe des ATV-Antriebs kontrolliert abstürzen zu lassen.
Von dem Lichtspektakel am nächtlichen Himmel über Kourou hat man in Washington jedenfalls mehr mitbekommen als im Kontrollraum der Europäer. Das erste gute Bild, das ich von dem Start gesehen habe - sagt Alan Thirkettle - ist eins, das Nasa-Chef Mike Griffin mit seine Blackberry verschickt hat
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10. März 2008
Bildmaterial: AFP, AFP POOL, AP, ddp, dpa, Esa
