Scheidungsrate

Nach reiflicher Überlegung getrennte Wege

Von Katrin Hummel

02. August 2005 Maria Kuhnert (Name von der Redaktion geändert) ist 77 Jahre alt, und sie hat ihr ganzes Leben lang immer nur gearbeitet. Sie hatte einen Achtstundentag im Krankenhaus: Wäsche austeilen. Dann zu Hause den Haushalt. Und an den Wochenenden die 8.000 Puten ihres Mannes. Da hieß es Ställe ausmisten, frisch einstreuen, die Tiere mästen, rupfen, eintüten.

Irgendwann, sie ist Mitte Fünfzig, sagt ihr Mann: „Mach dich doch mal mehr zurecht.“ Ein paar Wochen später sagt er: „Du mußt die Fenster mal wieder putzen.“ Und nach ein paar Monaten sagt er: Du kannst nicht logisch denken, bist kontaktarm und streitsüchtig. „Es war nichts mehr richtig“, erinnert Maria Kuhnert sich, „er hat immer nur gesagt, ich tauge nichts.“ Dann legt er sich eine 30 Jahre jüngere Freundin zu.

Den eigenen Beruf aufgegeben

Annegret Benzenhöfer (Name von der Redaktion geändert) ist 63 Jahre alt, und sie hat ihren Beruf als Ärztin im Alter von 33 Jahren zugunsten ihrer Familie aufgegeben. Nach der Hochzeit bekommt sie drei Kinder in vier Jahren, und als das dritte Kind geboren ist, läßt sie sich auf Anraten eines Steuerberaters ihre Rente auszahlen und steckt sie in einen Bausparvertrag. „Wir wollten bauen, und ich doofes Schaf hab' das gemacht“, sagt sie.

Als sie sich die Rente auszahlen läßt, weiß sie schon, daß ihr Mann Alkoholiker ist. Doch Annegret Benzenhöfer denkt, wenn sie eine ganz normale Familie wären, müsse er, ein beliebter Arzt mit eigener Praxis, doch trocken werden. Sie täuscht sich. Lange Zeit leidet sie vor sich hin, und als das jüngste Kind ausgezogen ist, eskaliert die Situation. Ihr Mann läßt sich vollständig gehen. Wenn sie ihm Vorhaltungen macht, sagt er: „Wenn du nicht gehst, kriegst du einen drüber.“

Schlußstrich nach fast vierzig Ehejahren

Annegret Benzenhöfers Anwältin, die sich auf Familienrecht spezialisiert hat, sagt: „Es ist schon bitter, was manche Frauen mitmachen, bevor sie an Trennung denken.“ In Maria Kuhnerts Fall sollte die Situation im Laufe der folgenden 20 Jahre immer weiter aus dem Ruder laufen, bis sie im vergangenen Jahr nach 39 Ehejahren endlich den Schlußstrich zog.

Annegret Benzenhöfer, die vor kurzem die Scheidung eingereicht hat, ist seit 32 Jahren verheiratet. Sie wartete nach dem Auszug ihres jüngsten Kindes noch gut zehn Jahre, bevor sie ihren Mann verließ. Beide Frauen sind damit Teil einer immer größer werdenden Gruppe, der sich erst lange nach der Silberhochzeit scheiden läßt: Von den Paaren, die 26 Jahre und länger verheiratet sind, trennten sich 1991 nach Angaben des Statistischen Bundesamts (Destatis) in Wiesbaden 12.494, im Jahr 2004 waren es 21.508.

Höhere Lebenserwartung, veränderte Zukunftsvision

Allein in Westdeutschland trennten sich 1980 6,1 Prozent aller Paare nach der Silberhochzeit, gut 20 Jahre später waren es 9,2 Prozent. Im Vergleich zu 1975 entspricht dies einer Verdoppelung der Ehescheidungen bei langjährigen Ehen (bezogen auf das frühere Bundesgebiet), allerdings ist zu berücksichtigen, daß das Scheidungsrecht erst 1977 reformiert wurde.

Die Ursachen für die immer häufiger werdenden Scheidungen im Alter sind vielfältig: Die gestiegene Lebenserwartung, zunehmende Krankheit oder materielle Sorgen im Alter als zusätzliche Belastung, aber auch die Tatsache, daß die Partnerwahl meist nach Kriterien erfolgte, die für die jungen Erwachsenen von Bedeutung waren, die aber 30 Jahre später nicht mehr unbedingt zu den dann relevanten Lebensbedingungen passen müssen.

Geldsorgen, Alkoholismus und Fremdgehen

Auch Veränderungen des Partners, die im Alter manchmal stärker hervortreten als vor dem Ruhestand, spielen eine Rolle. Maria Kuhnert wundert sich zum Beispiel noch heute darüber, wie ihr Mann sich verändert hat. „Früher war er so ordentlich, wenn da eine Tasse einen Sprung hatte, hat er sie weggeworfen“, erinnert sie sich. Doch dann hatten sie Geldsorgen, der Maststall wurde zwangsversteigert, und Anton Kuhnert jobbte in einer Spielothek. „Da hat er dann diese Typen kennengelernt“, erzählt sie, „das waren Drogenabhängige und Säufer, einer wurde sogar polizeilich gesucht.“ Ihr Mann fing damals ebenfalls an zu trinken. Seither meckerte und schimpfte er den ganzen Tag.

Als sie mit Ende Sechzig schwer lungenkrank wird und wochenlang auf der Isolierstation des Universitätsklinikums liegt, sagt er zu ihrem Sohn: „Die kommt ja wohl nicht wieder, was machen wir jetzt mit der Wohnung?“ Irgendwann später will er ein neues Auto kaufen, gemeinsam gehen sie zur Bank und nehmen einen Kredit auf, um die Raten zahlen zu können. Als sie danach auf die Straße treten, fährt „die Neue“ schon im neuen Auto der Kuhnerts vor und hupt. „Ich war so dumm“, sagt Maria Kuhnert, die sich danach von ihrer Krankheit nicht mehr richtig erholt.

Frauen sind materiell meist wenig abgesichert

Auffällig ist, daß es wie bei den Scheidungen in jungen Jahren auch nach der Silberhochzeit häufiger die Frauen sind, die einen Scheidungsantrag stellen. Und das, obwohl viele von ihnen dann materiell alles andere als abgesichert sind. „Die Perspektiven sind für Frauen im allgemeinen düster, aber hinzu kommt, daß manche Frauen gar nicht wissen, was ihre Männer verdienen und wie die Eigentumsverhältnisse sind“, sagt die Familienrechtlerin. Schon manch einer ihrer Mandantinnen seien nach einem klärenden Gespräch die Tränen gekommen: „Sie fallen aus allen Wolken, wenn sie erkennen, daß sie gar nicht Miteigentümerinnen des gemeinsamen Hauses sind.“

Wenn sich ältere Frauen trotzdem trennen, liegt das nach Meinung von Insa Fooken daran, daß ihnen gar nichts anderes übrigbleibt. Die Professorin für Entwicklungspsychologie an der Universität Siegen hat in zahlreichen Studien zu dem Thema beobachtet, daß „Männer oft die Umstände der ehelichen Probleme schaffen - zumeist durch eine außereheliche Beziehung“, und ihre Frauen dann „im Sinne der Herstellung von Kontrollerleben die Konsequenzen ziehen, sprich, die Scheidung einreichen“. Daß geschiedene Frauen heute, im Gegensatz zu früher, nicht mehr geächtet werden, ist dabei eine günstige Rahmenbedingung.

Psychotherapeut riet zum entscheidenden Schritt

Dennoch gibt es nach Angaben von Insa Fooken viele Gründe, warum der Scheidungswunsch der Frauen mit zunehmendem Alter eher geringer wird und, anders als nach kürzerer Ehedauer, nur noch leicht über dem der Männer liegt: Die Alternativen zur Ehe seien für ältere Frauen möglicherweise weniger attraktiv als für Männer. Und es sei nachgewiesen, daß „ältere geschiedene Frauen in vielerlei Hinsicht echte Verliererinnen sind, die in die Institution Ehe und nicht in die eigene Karriere und die eigene Alterssicherung investierten und diese Fehlinvestition später nicht wieder aufholen können“.

Annegret Benzenhöfer wurde ihre „Fehlinvestition“ schon bald klar, nachdem sie ihre Rente abgetreten hatte. Sie investierte daher Ende der achtziger Jahre in eigene Lebens- und Rentenversicherungen. Das sollte sich als klug herausstellen. Denn nachdem ihr Mann seine Praxis Mitte der neunziger Jahre verkauft hatte, zog das Paar in eine größere Stadt. Dort mieteten die beiden zwei benachbarte Wohnungen im selben Haus an. Und weil er trank und trank und kein liebes Wort für sie hatte, suchte sie einen Psychotherapeuten auf, um ein bißchen Zuspruch von außen zu bekommen. Der sagte ihr: „Sie haben wahrscheinlich noch 20 Jahre vor sich.“ Da endlich machte sie den Schnitt.

Mit Hilfe der Vermieterin den Mann rausgeworfen

Auch Maria Kuhnert stand mit dem Rücken zur Wand, als sie eine Scheidungsanwältin aufsuchte. Das gemeinsame Konto war überzogen, sie hatte kein Geld mehr zum Einkaufen und mußte sich von ihrem Sohn etwas leihen. Die Schulden häuften sich. Plötzlich wurde Anton Kuhnerts Gehalt nicht mehr auf ihr gemeinsames Konto überwiesen.

Mit der Unterstützung ihrer Vermieterin schaffte sie es, ihn vor die Tür zu setzen. Sie war damals 75 Jahre alt. Die Anwältin sagte Maria Kuhnert, wenn sie sich scheiden lasse, stehe sie finanziell günstiger da. Sie stimmte zu, doch das Geld sei nicht der ausschlaggebende Grund gewesen: „Ich war einfach so enttäuscht von ihm - ich war so krank, und er hat mich im Stich gelassen.“

Einsamkeit und viel Zeit für sich

Ein Jahr nach der Scheidung geht es Maria Kuhnert gut. Sie fühlt sich frei, hat viele neue Bekannte und zum ersten Mal in ihrem Leben Zeit für sich. Von ihrer Scheidung erzählt sie niemandem, und wenn sich das Gespräch beim Seniorentreff um Männer dreht, hält sie sich einfach raus: „Sonst kriegt man nur dumme Fragen gestellt, und helfen tut einem doch keiner.“ Annegret Benzenhöfer plant, nach der Scheidung in eine Seniorenresidenz in der Nähe ihrer Tochter zu ziehen.

Sich einfach nur von ihrem Mann zu trennen, wie ihr Schwager es ihr geraten hatte, kommt für sie nicht mehr in Frage: „Ich würde sonst immer so eine moralische Verpflichtung spüren, mich um ihn kümmern zu müssen.“ Sie wird also abermals umziehen, sich alles neu aufbauen. Einsamer als vorher fühlt sie sich nicht, lediglich die gemeinsamen Mahlzeiten, die sie fast bis zuletzt eingenommen haben, vermißt sie. „Ich esse jetzt primitiv, mit dem Teller vor dem Fernseher“, sagt sie leise. Man sieht ihr an, daß sie das in ihrem Leben noch nicht oft getan hat.

Text: F.A.Z., 02.08.2005, Nr. 177 / Seite 7
Bildmaterial: F.A.Z.

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