Porno-Industrie

Der Dreh mit dem Sex

Von Julia Schaaf

29. Februar 2004 Nur der Name ist neu. Ansonsten sieht das himbeerfarbene Cover von "Amateure intim", Folge elf, genauso aus wie beim ersten Erscheinen der DVD im September 2002. Eine Brünette im T-Shirt dreht sich dem Betrachter mit liebreizendem Mädchenlächeln zu; ihre Nase ist lang, das weiße Spitzenhöschen dezent zu knapp. Von den Fotos auf der Rückseite sind die wenigsten jugendfrei. Auf der Vorderseite steht neuerdings: Sibel Kekilli.

Die nachgepreßte DVD wird erst im Lauf der Woche ausgeliefert. Aber Dino Baumberger, der sich mit der Produktion von Pornofilmen einen Cadillac, einen Ferrari, ein Privatflugzeug sowie eine Mercedes-Limousine für den Alltag verdient hat, hat kurzfristig etwas Fotomaterial vorbereitet. RTL war schon da, die "Bild"-Zeitung ist zu ihm unterwegs. Der Boulevard giert nach neuen alten Nacktfotos von der jungen Kekilli, deren erster Film auf der Berlinale den Goldenen Bären gewonnen hat. Was zahlen die Medien für die begehrte Ware? "Das brauchen die nicht bezahlen", brummt Baumberger. "Das ist Werbung." Vor anderthalb Jahren hat er 800 Kopien des Films verkauft. Jetzt liegen schon fast 3000 Bestellungen vor. Täglich werden es mehr.

Konkurrenz DVD

Auch die Beate Uhse AG und die Magmafilm GmbH preisen im Internet Pornobilder der gefeierten Schauspieldebütantin an. Eine Branche, die vor zwei Jahren ins Strudeln geraten ist, weil sie den eigenen Wandel als Krise erlebt, ist für jedes bißchen Aufwind dankbar. Schuld ist zuallererst die Technik. Die DVD macht dem Video, das Internet dem Verleih Konkurrenz, und seit jeder Kneipenwirt mit einer Digitalkamera für 2000Euro billige Hinterzimmerpornos drehen kann, existieren 200Produzenten. Die Preise stürzen. Die Umsätze mit Verkauf und Vermietung pornographischer Bild- und Tonträger bröckeln seit 1998 und sind 2003 nach Branchenangaben nochmals um gut zwanzig Millionen auf 450Millionen Euro gesunken. Aber noch immer verdankt der Videomarkt knapp vierzig Prozent seines Umsatzes dem Geschäft mit dem Sex vor der Kamera.

Dino Baumberger, der eigentlich Josef mit Vornamen heißt, Rundfunk- und Fernsehtechniker gelernt hat und jahrelang einen Sexshop besaß, hat vor fast zwanzig Jahren die DBM Videovertrieb GmbH gegründet. Den weißen Flachbau im Industriegebiet von Wesel zieren zwei üppige Palmen aus Stahlblech. Die Pendants in den Büro-, Schnitt- und Graphikräumen sind echt, aber paraffiniert. Sofas in Form von Cadillac-Hecks und aufgeworfenen Lippen, Leopardenstoffkissen und amerikanische Reklametafeln dekorieren den deutschen Traum von Hollywood am Niederrhein. Dazwischen Bronzeskulpturen und Plastikfiguren von Dolly Buster, der Porno-Ikone der Neunziger, Baumbergers Frau. Tiefdekolletiert und großzügig geschminkt stakst das lebende Markenzeichen auf zigarettendünnen Absätzen zwischen Reproduktionen ihrer selbst umher.

Neunzig Prozent Mogelpackungen.

An einem Regal mit Videos bleibt Baumberger stehen und streichelt über das rund drei Jahre alte Cover. Ein Schwarzer und eine Blondine küssen sich vor einem Wasserfall. "Ein ganzer Negerstamm spielt da mit", seufzt der Sechzigjährige: Der Hauptdarsteller wird von einer Schlange gebissen, von Eingeborenen dank Vodoo geheilt, und nachdem der Zauber seine sexuellen Phantasien aufs wildeste beflügelt hat, verspricht er dankbar, auf das geplante Hotel im Busch zu verzichten. Das waren noch Zeiten! Dreharbeiten in Afrika, Unterwasserszenen, Landschaftsbilder aus dem Hubschrauber, so viele Darsteller und noch mehr Handlung! "Nicht eine mehr verkauft als sonst", sagt Baumberger müde. "Der Kunde weiß ja nicht, ob ein Film 5000 oder 50000 Euro gekostet hat. Der geht nur nach dem Hintern, der vorne drauf ist."

Der gebürtige Österreicher ist kein Aufschneider- oder Zuhältertyp, trotz Rolex, Goldkettchen, Glattlederblouson. Geduldig wiederholt er sein ewiges Credo vom Handel mit Pornographie, der sich von jenem mit Pullovern oder Gemüse durch nichts unterscheide. Als guter Geschäftsmann paßt er sich veränderten Marktbedingungen an. "Mir ist egal, womit ich mein Geld verdiene", sagt der Produzent. Folglich investiert er ins Internet und in Dolly-Buster-Pin-Ups, die man sich aufs Handy herunterladen kann. In Florida und auf Hawaii dreht er gar nicht mehr, nicht einmal auf Mallorca. Von seinen 13 neuen Filmen jeden Monat sind sowieso knapp die Hälfte Zusammenschnitte alter Ware. Von den gut 900 Filmen insgesamt, die monatlich den deutschen Markt erreichen, sind sogar bis zu neunzig Prozent solche Mogelpackungen. Baumberger setzt auf Auftragsproduktionen und das sogenannte private Genre, bei dem Anfänger vor der Kamera erst zum Strip, dann zum Sex überredet werden. Das kostet nicht viel.

Kein Interesse an Handlung

Denn in den Schmuddelecken der Videotheken sucht sich jedes Produkt seinen Kunden, oder, wie Baumberger sagt: "Es gibt keine guten und schlechten Pornos." Soft- oder Hardcore. Junge oder alte Frauen. Makellos geschminkte Models in Edeldessous oder Allerweltsmädchen von der Straße. Teure Hotels oder beliebige Schlafzimmer. Diskret verhüllte Kurven oder Nahaufnahmen des Stellungskriegs. Postkartenperfekt ausgeleuchtet oder technisch primitiv, vielleicht verwackelt, aber dafür so schön authentisch - deshalb finden auch die zahllosen Hobbyfilmer Abnehmer. Nur das Interesse an der Handlung geht zurück: Der deutsche Pornofreund, klagen Branchenkenner, spult bei Spielszenen lieber vor.

Carlo Klein hätte angesichts dieser Bedingungen im vergangenen Jahr beinahe sein Studio und die teure Ausrüstung verkauft. Kurz zuvor hatte ihm die MMV Multi Media Verlag GmbH den Exklusivvertrag gekündigt, und während potentielle neue Auftraggeber den Kameramann mit Lob überhäuften, der sich seinen italo-deutschen Künstlernamen mit besonders hochwertigen Bildern gemacht hatte, beschieden sie ihn: zu teuer. Jetzt hofft Klein aufs Ausland, während in Deutschland der Standard regiert.

Drei Seiten Drehbuch

Für ein 10.000-Euro-Budget zum Beispiel tritt Klein als Produzent, Regisseur, Kameramann und Cutter in Personalunion an. Er spinnt das Drehbuch, einen knapp drei Seiten langen roten Faden - so es denn einen gibt. Dann mietet er für zwei Drehtage ein Fitneßstudio, eine schicke Wohnung oder eine Autowerkstatt und sucht nach sieben, acht Darstellern, wovon zwei eine Sprechrolle bekommen. Der Rest der Mädchen wird womöglich aus Osteuropa eingeflogen; zwei bis drei Männer sind genug. Im Standardprogramm inbegriffen: sechs sogenannte X-Szenen, davon wahrscheinlich eine lesbische, eine in der Gruppe. Siebzig Minuten Sex auf neunzig Minuten Film.

Klein arbeitet am liebsten mit routinierten Darstellern, von denen er weiß, daß sie auch drei Sätze in Folge artikulieren können. Andere Firmen setzen systematisch auf Frischfleisch. Gerade Frauengesichter gelten als schnell verbraucht. Die Kandidaten bewerben sich selbst. Bei Magmafilm treffen im Lauf eines halben Jahres Fotos von rund 1.500 Männern ein, von denen 250 zum Casting eingeladen werden. Etwa neunzig erscheinen, maximal drei bestehen. Bei den anderen versagt vor der Kamera der Körper. Frauen bewerben sich nach Auskunft des Unternehmens monatlich nur drei bis vier; und wer da nicht indiskutabel aussieht, wird für ein erstes Filmchen engagiert. Einzige Bedingung: ein aktueller Aids- und Hepatitis-Test. Die Gagen in Deutschland liegen bei 200 bis 400 Euro am Tag.

Sex beruflich

Diese Preise stützen die Behauptung, mit der die Branche alle Vorurteile von unglückseligen, durch Geldnot in die Pornographie geschlitterten Frauen zu entkräften sucht: Allein der Gage wegen mache keine diese Arbeit. Vielleicht einmal, zweimal, dreimal. Aber dann gebe die Arme selbst wieder auf oder werde nicht mehr gebucht. Schließlich gehe es ja darum, Lust zu vermitteln. Auch eine Achtundzwanzigjährige, die seit knapp zwei Jahren als Linda Logan im Geschäft ist, glaubt, "kamerageil", "nymphoman" und "sexuell etwas extremer veranlagt" müßten alle Pornodarsteller sein.

Conny Dachs, seit neun Jahren in Hardcore-Filmen zu besichtigen, sagt, er habe Gefallen daran gefunden.
So pragmatisch derb wie der Umgangston am Set, so diskret formulieren die Profis im Gespräch. Wie aber ändert sich das Privatleben, wenn Sex beruflich alles ist? "Es ist nichts, wo man abstumpft", behauptet Dino Baumberger und bemüht wieder seinen Pulloververkäufer: Der leide ja auch nicht unter einer Pulliphobie.

"Privat ist natürlich schöner", sagt Conny Dachs. "Aber man muß doch mal das Tier rauslassen." Linda Logan hat sich, als sie gut zwanzig Tage im Monat arbeitete, zu Hause nur auf das eigene, einsame Bett gefreut. Jetzt, bei zwei Drehs im Monat, sagt sie: "Das ist die perfekte Mischung" - Blümchensex daheim. Und die vulgäre Seite vor der Kamera ausleben. "Man verändert sich", sagt Carlo Klein. Eine Nackte, breitbeinig dahingestreckt, lasse ihn nach zwölf Jahren hinter der Kamera kalt. Er bevorzuge heute Verhüllung, Zurückhaltung, Zärtlichkeit.

„Vollerotik“ statt Porno

Das Bild der Schmuddelbranche bleibt offenbar mehrdeutig. Illegale Pornographie - Sex mit Kindern, mit Tieren, unter Anwendung von Gewalt - empfinden die Professionellen als Nestbeschmutzung. Saubermänner wie Baumberger reden gar eine durch und durch anständige Welt herbei. Er behauptet etwa, die Trennung zum Rotlichtmilieu sei strikt; Prostituierte hätten im Porno keine Chance. Auch Viagra und risikoreiche Spritzen, die dem männlichen Darsteller Durchhaltevermögen bescheren, kämen nie zum Einsatz. Andere Insider berichten das Gegenteil. Sie wissen außerdem von Männern, die für ihr Casting zahlen, und Frauen, die vor dem Dreh mit Gelegenheitsproduzenten ins Bett müssen. Manche Verträge beinhalten lasche Gesundheitsbestimmungen und ausgedünnte Persönlichkeitsrechte - in einem Fall auch bei Sibel Kekilli. "Da hat die überhaupt nicht aufgepaßt", sagt Carsten Hopf, verantwortlich für DVD-Produktionen bei Beate Uhse.

Dino Baumberger kämpft trotzdem gegen das Image des Anrüchigen. Schon allein des Geschäfts wegen. Wenn Pornographie - wie auf Premiere - plötzlich Vollerotik heiße, könne die Hausfrau womöglich bald ungeniert in der Erwachsenenvideothek stöbern. "Gott sei Dank", glaubt Baumberger, "durch diese Kekilli ändert sich das Bild."

Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 29.02.2004, Nr. 9 / Seite 51

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