Krankenhausarzt von Amstetten

„Ich habe nur meine Pflicht getan“

Von Martin Wittmann, Amstetten

11. Mai 2008 Es liegt in der Natur dieser grausigen Geschichte, dass der Fall Amstetten kaum Helden zulässt. In den Reihen der Behörden sind sie wohl nicht zu finden - sie sprachen Josef F. das Sorgerecht für drei Kinder zu, im heute schwer nachvollziehbaren Glauben, die Tochter Elisabeth sei einer Sekte beigetreten und lege ihre Kinder vor seiner Haustüre ab. Auch die Polizei hat damals, 1984, als Elisabeth als vermisst gemeldet wurde, herzlich wenig nachgeforscht. Und die tatenlosen Nachbarn, die den Journalisten nun wie selbstverständlich erzählen, Josef F. sei als verurteilter Sexualstraftäter und Tyrann im Ort bekannt gewesen, taugen auch nicht zur Glorifizierung.

Die Journalisten sind ebenfalls keiner Auszeichnung würdig, zumindest jene nicht, die sich als Arzt verkleiden oder auf die Bäume im Landesklinikum Amstetten-Mauer klettern, um Fotos von den berühmten Patienten zu machen: von Elisabeth, deren Mutter und den fünf Inzestkindern. Und F.s Frau Rosemarie mag nie davon gewusst haben, dass ihr Mann die eigene Tochter 24 Jahre lang ein paar Meter unter dem Familiensitz als Gefangene hielt, sie dort vergewaltigte und dabei sieben Kinder zeugte, inklusive den drei vor der Tür gefundenen. Dass sie aber 1994 einen Anrufer nicht als ihren Mann, der sich mit verstellter Stimme als verschwundene Elisabeth ausgab, enttarnen konnte, scheint unglaublich. Wen also loben in dieser Horrorgeschichte? Es bleibt einzig Albert Reiter. Der Mann, den die Welt als ganz in Weiß gekittelten, leicht grantig dreinblickenden Mittfünfziger kennengelernt hat, wie er auf Pressekonferenzen verlässlich vom Gesundheitszustand seiner Patientin Kerstin F., der Tochter des „Monsters von Amstetten“, berichtet.

Eine rätselhafte Patientin

Einen „Held“ geschimpft zu werden löst bei dem Arzt bedrohliche Genervtheit aus. „Ich habe nur meine Pflicht getan“, wiegelt der Leiter der Intensivstation im Klinikum Amstetten ab. Was sollte der bescheidene Primar auch sonst sagen? Dass ohne ihn Josef F.s „Zweitfamilie“, wie der Tatverdächtige sie nennt, noch immer im Keller leben würde? Wahrscheinlich wäre es so. Denn Reiter ist es, der am Abend des 19. April nach der Einlieferung einer bewusstlosen, krampfenden, aus dem Mund blutenden Frau in sein Krankenhaus Verstand und Mut zeigt.

Kerstin F. ist damals in kritischem Zustand. Die Krämpfe verursachen Sauerstoffmangel, ihre Organe drohen zu versagen. Um ihr Leben zu retten, versetzt Reiter die rätselhafte Patientin in künstlichen Tiefschlaf und leitet eine Nierenersatztherapie ein. Eine genaue Diagnose kann der gebürtige Tiroler nicht stellen, dazu meint er, die Anamnese der Frau kennen zu müssen (noch heute liege Kerstin F. im künstlichen Tiefschlaf). Noch am Abend kommt der Großvater der Patientin, Josef F., in die Klinik, der Mann, der zuvor den Krankenwagen rief. In der Hand hält er einen Brief von Kerstins Mutter, die sich, so sagt er, einer Sekte angeschlossen habe. Glaubt man dem österreichischen Magazin „Profil“, so stand wörtlich auf dem Zettel: „Bitte helfen Sie ihr. Sie war noch nie zuvor in einem Krankenhaus. Sie hat sehr, sehr große Angst vor fremden Menschen. Ich habe meinen Vater um Hilfe gebeten, weil er der einzige ist, den sie kennt.“ Der Brief war, genauso wie die Zettel, die mit den Findelkindern vor der Haustür „gefunden“ wurden, auf Drängen Josef F.s tatsächlich von Elisabeth verfasst worden.

Sein entscheidender Fehler

Reiter wird misstrauisch. Er müsse mit der Mutter sprechen, um Kerstins Krankengeschichte zu erfahren. Er ruft die Polizei und bittet die Staatsanwaltschaft, die Medien bei der Suche nach der Vermissten miteinzubeziehen. Das ORF sendet daraufhin den Beitrag „Todkranke sucht Mutter“, in dem Reiter an die Verschwundene appelliert. Die sieht die Sendung, im Keller. Mit aller Kraft versucht sie eine Woche lang, Josef F. davon zu überzeugen, sie ins Krankenhaus zu ihrer Tochter zu bringen. Schließlich lässt er sie raus. Auch die beiden übrigen im Keller aufgewachsenen Inzestkinder dürfen in die Außenwelt. Das 73 Jahre alte Oberhaupt zweier Familien, die er beide mit unerträglicher Strenge drangsalierte, gibt auf. Aber warum? Fühlt er sich endlich überfordert? Ist es Mitgefühl? Oder ist er doch so erfolgsverwöhnt, so übergeschnappt, wie sein irrer Plan andeutet, den er vergangene Woche über seinen Anwalt Rudolf Mayer dem österreichischen Magazin „News“ anvertraut hat: „Elisabeth und die Kinder sollten nach ihrer Freilassung erzählen, sie wären bis zuletzt an einem geheimen Ort, bei einer Sekte gewesen.“

So weit kommt es freilich nicht. Josef F. meldet sich am 26. April bei Reiter. Die verlorene Tochter sei wieder da. Reiter schöpft Verdacht, zumal, wie das Magazin „Profil“ schreibt, Josef F. einen Gentest ablehnt und die Ärzte daran hindern will, neuerlich die Polizei anzurufen. Es ist sein entscheidender Fehler. Die Kriminalpolizei erhält doch einen Anruf. An diesem Punkt wird Reiters Heldengeschichte eine Legende. Der Anruf sei aus dem Krankenhaus gekommen, sagt die Polizei, von wem, solle niemand erfahren.

Anonymer Anrufer beendet Martyrium

Am Abend meldet sich die 42 Jahre alte, mittlerweile weißhaarige Elisabeth F. zusammen mit ihrem Vater in der Klinik. Reiter spricht mit ihr über die Krankheitsgeschichte von Kerstin. Dann werden sie und Josef F. noch am Ort festgenommen. Sie erzählt ihre Geschichte. Der Vermisstenfall Elisabeth F. ist damit gelöst, der Inzestfall Josef F. beginnt. Im Polizeiauto sagt der Tatverdächtige, nur in Anwesenheit seines Anwalts werde er sprechen.

Vergangene Woche hat er also in Anwesenheit seines Anwalts gesprochen, und die Öffentlichkeit durfte auch dabei sein. In dem als „Die irre Lebensbeichte des Josef F.“ beworbenen Artikel gibt Josef F. alles zu, was er muss, und streitet alles ab, was er kann. Ja, er habe seine Tochter 1984 in den drei Jahren zuvor zur Zelle umgebauten Keller gelockt, um sie sich dort als „Zweitfrau“ zu halten. Nein, er habe seine Tochter nicht schon vergewaltigt, als sie elf gewesen sei. Erst später, „unten“. Ja, er wisse, dass er verrückt und kriminell sei. Der Einzige, der das außer Josef F. selbst und seinen Opfern erkannt und damit ein nur schwer vorstellbares Martyrium einer Familie beendet hat, es war der anonyme Anrufer aus dem Krankenhaus.



Text: F.A.S.
Bildmaterial: AP

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