Von Alex Westhoff
08. Mai 2008 Von draußen wehen Schnipsel von Jessis Stimme herein. Er sagt bestimmt wieder Dinge in sein Mikrofon wie: So ein richtiger Schlag in die Schnauze, da spritzt das Blut. Das hier ist nur was für richtige Männer. Auch das Gekreische der Fahrgäste auf der kleinen Achterbahn Wilde Maus durchdringt hin und wieder den speckigen Vorhang am Eingang. Ich bin dran. Es ist wahr. Fünf Stufen hoch, durch die klobigen Seile hindurch, in den Ring, Handschuhe an, hellbraune, da sind die Zuschauer, immer auf die Milz, ruft einer. Wo verdammt liegt die Milz nochmal? Egal. Angst.
Eine Extraportion Adrenalin bricht sich Bahn, der Schweiß schießt aus allen Poren, meine Jeans pappen an den Beinen fest wie ein nasser Sack. Ein Boxring ist ein gruseliger Ort. Ich bin allein. Nicht ganz, da steht noch einer im Seilgeviert. Sebastian aus Hannover, so wurde er jedenfalls vorgestellt, geschorener Schädel, schwarze Klamotten, auch er trägt hellbraune Boxhandschuhe.
Der Angstgegner: Sebastian aus Hannover
Eigentlich sieht er mir mehr wie ein Karol aus Warschau aus, halt osteuropäisch. Dafür spricht auch, dass sein Deutsch eher rudimentär ist. Aber er hat freundliche Augen. Finde ich jedenfalls. Seit mehr als einer halben Stunde weiß ich schon, dass ich boxen muss. Ach, was heißt hier muss. Ich hätte ja abhauen können. Jetzt ist es zu spät.
Ich wache, ich träume nicht. Aber es ist alles so unwirklich. Zum Beispiel der Betrunkene, der sich mit einer Hand an einem Ringseil festklammert und unentwegt zetert: Hau ihn um! Hau ihn um! Ich stehe in einem Boxring, den zwei dürre Strahler unterm Zeltdach in ein diffuses Licht tauchen, mit mir im Ring steht Sebastian aus Hannover, der seinen Lebensunterhalt mit Faustkampf verdient, um den Ring stehen etwa 80 Kirmesgänger, die fünf Euro bezahlt haben, um mein Blut zu sehen.
Den ganzen Abend labern, bis die Birne raucht
Wird man später in meinem Gesicht wirklich die Spuren von diesem Freitagabend sehen? Johann Jessi Heinen, der Leiter der Boxbude auf dem Frühlingsfest auf dem Canstatter Wasen, hat es ja gesagt, nein geschrien, als er mich auf der Bühne der Menge zum Fraß vorgeworfen hat: Schauen Sie sich das Gesicht dieses jungen Mannes genau an. Wenn der da rauskommt, rief er und deutete auf den Vorhang, der die Sicht auf den Boxring versperrt, sieht das ganz anders aus.
Und wer unter den Kirmesbesuchern nicht warten mochte, bis ich wieder herauskomme aus dem Halbdunkel, der kann für nur fünf Euro den angekündigten Veränderungen meines Äußeren auch live am Ring beiwohnen. So ist das System, so verdienen Jessi, seine fünf Kämpfer und die Helfer ihr Geld. Dafür muss Jessi aber auch den ganzen Abend labern, bis die Birne raucht, wie er sagt, pausenlos um Zuschauer und Freiwillige werben. Immer vier Kämpfe werden fürs Geld geboten.
Blutige Nasen bleiben aus
Neben all den austauschbaren Fahrgeschäften und Fressbuden auf dem Rummel fasziniert die blinkend bunte Boxbbude. Sie hat etwas Anrüchiges, einen Hauch von Illegalität. Da oben stehen fünf Kerle aus verschiedenen Gewichtsklassen, die grimmig gucken, Sandsäcke traktieren und sich effekthascherisch die Fäuste bandagieren. Wieder und wieder. Die Leute bleiben stehen. Wer sind die Bekloppten, die sich mit einem dieser Typen in einen Ring sperren lassen? Meistens finden sich nicht so schnell vier Freiwillige. Aber Jessi hat immer einige Jungs im Publikum, in Zivil, er nennt sie Animierer. Irgendwer muss ja den Anfang machen. Zeit ist Geld. Oft kämpfen Jessis Jungs bei drei von vier Kämpfen unter sich. Es sind technisch gute Fights, die versprochenen blutigen Nasen, blauen Augen, Kieferbrüche bleiben aus.
Fünfhundert Euro für ein K.o.
Seine Kämpfer, sagt Jessi, wirbt er Monate im Voraus an. Sie müssen besser sein als jeder Vereinsboxer, der in die Bude kommt. Bis zu 500 Euro Prämie bekommt derjenige, der einen seiner Boxer k.o. haut. Anreiz genug für so manch großmäuligen Schläger. Schon mal geboxt?, fragt Jessi jeden Freiwilligen. Bisher nur auf der Straße, sagen viele. Ein paar Mal auf dem Schulhof früher, lüge ich.
Dabei habe ich mich nur einmal so richtig geprügelt. Damals bei meinem Freund Frederik zu Hause. Wir haben mit Lego gespielt, er war neidisch auf meine Raumfähre, dann hat er mich gekratzt, dann haben wir uns geschlagen - er hatte es aber auch nicht anders verdient.
Wegtänzeln wie Mohammed Ali? Fehlanzeige
Ring frei. Sebastian aus Hannover ist ein anderes Kaliber als Frederik. Er schlägt mich, links, rechts, links, rechts. Ich kann nichts dagegen tun. Ich halte die Deckung oben. Nimm meinen Magen, aber lass mein Gesicht in Ruhe, du Wicht. Sebastian aus Hannover ist einen Kopf kleiner als ich. Trotzdem, es hagelt Schläge. Immer diese Haken gegen die Rippen.
Das Publikum bleibt ruhig. Man muss dem Kerl doch zwischen Gürtellinie und Schädeldecke mal eine verpassen können. Geht nicht. Dieser Mann hat Augen wie ein Adler, ist geschmeidig wie eine Raubkatze, schnell wie ein . . . - ach was weiß ich, wie ein Düsenjet. Ich versuche wegzutänzeln - wie Mohammed Ali. Wo ich auch hintänzele, er ist schon da.
Das ist hier kein Streichelzoo
Und dann das: Ich versuche einen linken Aufwärtshaken. Es rumst gewaltig. Aber leider über meiner linken Augenhöhle, ich mache einen Schritt nach hinten. Doooong, krakeelt Jessi in sein Mikrofon. Wahnsinn, mir hat noch nie jemand mit der Faust ins Gesicht geschlagen. Warum werde ich bloß nicht richtig aggressiv, warum habe ich keinen Killerinstinkt? Meine erste Minute im Ring ist um, eine von zwei Runden wäre geschafft. Hallelujah!
Das hier ist kein Streichelzoo. Hier gibt's richtig auf die Schnauze, ruft Jessi draußen zig Mal pro Abend. Draußen martialisch - drinnen hart, aber herzlich. Wir schlagen niemanden kaputt, der nicht boxen kann, hat Jessi am Nachmittag gesagt, als wir hinter der Bühne inmitten der Wagenburg aus Anhängern, Wohnwagen und Truck am Campingtischchen saßen.
Ich wollte doch eine Reportage über dieses alte, vom Aussterben bedrohte Kirmesgewerbe schreiben. Über Jessis Bude, die letzte hierzulande verbliebene, die das Kirmesboxen noch lebt. Über schwere Zeiten mit hohen Standmieten und Besuchern, denen das Geld nicht mehr so locker in der Tasche sitzt.
Der Mann von der F-A-Z tritt in den Ring
Sein Uropa hat die Bude gegründet, die männlichen Nachfahren wurden erst Boxer, später Leiter des Geschäfts. Jessi, mit 16 Jahren einst deutscher Juniorenmeister im Leichtgewicht, ist ja auch eigentlich ein netter Kerl. Da rutschte mir dieser fahrlässige Scherz heraus:
Mal schauen, vielleicht habe ich ja heute Abend doch Lust, einen deiner Jungs umzuhauen. Ein paar Stunden später stand ich dann am Rand der Bühne, Jessi packte mich perfide am Arm und schrie in sein Mikro: Dieser Mann von der F - A - Z behauptet schon den ganzen Tag, dass er einen von meinen Jungs besiegen kann. Das wollen wir mal sehen.
Begenn zweitä Runne, kräht Thomas aus Neuss, sein Akzent könnte polnisch sein. Eigentlich ist Thomas der Schwergewichtskämpfer der Bude, aber auch Kartenabreißer und nun Ringrichter. Er kriegt nicht viel zu tun. Es ist zumindest von meiner Seite ein äußerst fair geführter Kampf. Zum Beispiel sind Nierenhaken bei Jessi verboten. Ich kann mit Recht von mir behaupten, dass ich Sebastian aus Hannover kein Mal auf eine Niere gehauen habe. Ob ich ihn überhaupt gehauen habe?
Adrenalin ist besser als Schmerzmittel
Ich erinnere mich genau an eine Szene: Ich verschanze mich hinter meiner vermeintlichen Doppeldeckung, durch den Spalt zwischen meinen Handschuhen sehe ich seine Hiebe kommen. Meistens jedenfalls. Ja, bleib genau so stehen. Jetzt bin ich gezwungen zurückzuschlagen. Rums! Oh nee, jetzt nehme ich ihm auch noch die Arbeit ab.
Unter seiner mächtigen rechten Geraden prallen meine Fäuste zurück und landen in meinem eigenen Gesicht. So nicht, du Sebastian aus Hannover. Meine Rechte schnellt raus, ein schöner Schwinger Richtung Kinn. Ich schwöre, eine Millisekunde vorher war da noch sein Kinn. Das kommt mich teuer zu stehen. Denn in diesem Moment ist meine rechte Rippenpartie bar jeglicher Deckung. Und das sind die Augenblicke, für die die Fachwelt den Begriff Wirkungstreffer hat. Zwei Atemzüge gehen ins Leere.
Da ist was mit der rechten Rippe
Aus! Ich lasse langsam die Fäuste sinken, Sebastian aus Hannover hat mich wohl in diesem Moment schon vergessen. Das Publikum bleibt ruhig. Adrenalin ist besser als jedes Schmerzmittel. Aber ich weiß, da ist was mit meinen rechten Rippen. Thomas aus Neuss nimmt mir die Handschuhe ab. Irgendwas drückt von innen gegen meinen Schädel.
Warum haben die bloß den breiten Aufgang zum Ring durch diese schmale Hühnerleiter ausgetauscht . . . - ich gerate ins Straucheln. Mein Gesicht glüht. Mein Körper schaltet um auf Notstrom. Wo ist der Mann, der mir mit einem Handtuch gut zuwedelt? Wo ist der Mann, der mir isotonische Getränke in den Schlund spritzt? Die nächsten beiden Kämpfer steigen an mir vorbei in die Arena. The show must go on.
Der Lichtschein der beiden Funzeln überm Ring entlässt mich in die Dunkelheit einer Ecke im Zelt. Ich bin allein. Habe ich ihn je getroffen? Ja, einmal habe ich ihn am Oberarm gestreift. Das kann mir niemand mehr nehmen.
Text: F.A.S.
Bildmaterial: F.A.Z. - Tobias Schmitt
Erdbeben in China: Mehr als 20.000 Tote - Regenfälle behindern ![]()
Touristenmetropole Jaipur: Mindestens 60 Tote bei Bombenserie in Indien
Deutscher Druck auf Burma: Steinmeiers Umweg über Peking
Perfekte Eltern als Vorbild? Genug gerackert, Super-Mutti
Immer wieder verheerende Erdbeben: China unter doppeltem Druck
Haben die No Angels Siegchancen beim Grand Prix?
