Der Fall Marco W.

Wenn das Opfer schweigt

Von Marco Dettweiler

24. Oktober 2007 Charlotte schweigt. Das 13 Jahre alte Mädchen aus Manchester hat vermutlich auch gute Gründe dafür. Sie steht seit sechs Monaten unter starkem psychischen Druck. Möglicherweise trägt sie - wie ihr türkischer Anwalt sagt - schon „seelische Schäden“ davon. Charlotte müsse also unter allen Umständen geschützt werden. Nicht vor Marco W., dem sie vorwirft, dass er sie vergewaltigt hat, denn der deutsche Schüler sitzt seit jener Nacht, als die Tat angeblich begangen wurde, in türkischer Haft. Marco W. kann ihr also nichts tun. Schon eher Menschen, die den Fall aus den Medien kennen und der Meinung sind, dass Charlotte den deutschen Schüler belogen hat und ihr vorwerfen, dass sie nun den Urlaubsflirt als sexuellen Missbrauch darstellt.

Wenn es wahr wäre, dass Charlotte von Marco vergewaltigt wurde, leidet sie also mehrfach: an den seelischen Schäden ihres sexuellen Missbrauchs und an der Zurschaustellung in der Öffentlichkeit. Es gibt sicherlich genügend Deutsche, die ohne Kenntnis der Sachlage auf der Seite Marcos stehen und in Charlotte ein böses Mädchen sehen, das sich an „unserem“ jungen Türkei-Touristen rächen will. Es ist gut, dass niemand weiß, wie Charlotte genau aussieht.

Vermeintliche Opfer und mutmaßliche Täter

In der Sendung „Menschen bei Maischberger“ saßen alle, die mit dem Fall Marco W. zu tun haben - außer dem vermeintlichen Opfer und dem mutmaßlichen Täter. Auch der Vater von Marco, Ralf Jahns, leidet. Sein Gesicht, das die Öffentlichkeit das erste Mal in einer Fernsehsendung sehen konnte, strahlt mittlerweile eine gewisse Hoffnungslosigkeit und Resignation aus. Jahns ist verzweifelt, da sein Sohn seit sechs Monaten in einer Großraumzelle eines türkischen Gefängnisses in Antalya sitzt. Er sei zum „Realisten“ geworden. Das klingt nicht mehr nach einem kämpferischen Vater, der an die baldige Freilassung seines Sohnes glaubt.

Jahns detaillierte Beschreibung des letzten Tages des Türkei-Urlaubes, der damit endete, dass sein Sohn von der Polizei verhaftet, abgeführt und inhaftiert wurde, dürfte für alle Eltern, die vorm Fernseher saßen, wie eine Horrorstory klingen. „Aus einem Traumurlaub ist ein Albtraum geworden“, sagt Jahns. Marcos Vater geht seit dem Tag der Verhaftung davon aus, dass sein Sohn zu Unrecht hinter Gittern sitzt. Einmal in der Woche darf er ihn zusammen mit seiner Frau im Gefängnis in Antalya besuchen. Für zehn Minuten. Zwischen den Eltern und dem Inhaftierten ist eine dicke Glasscheibe, geredet wird über das Telefon. Man kennt solche Geschichten: aus dem Fernsehen oder Kino - allerdings mit Happy-End.

Die Fronten sind ebenso klar wie starr

Die eigentliche Gegenspielerin von Marcos Vater saß bei Maischberger nicht in der Runde. Es ist die Mutter Charlottes. Sie hat Anzeige wegen sexuellen Missbrauchs erstattet. Sie ist dafür verantwortlich, dass der Schüler aus Uelzen in U-Haft kam und weiterhin auch bleibt. Die Fronten sind ebenso klar wie starr. Charlottes Mutter und Marcos Vater glauben jeweils ihren Kindern. Von außen betrachtet gibt es also zwei Opfer in diesem Fall: ein vergewaltigtes Mädchen und ein zu Unrecht inhaftierter Junge. Weder die Eltern reden miteinander, noch die Kinder.

Nach Auffassung des türkischen Strafrechtsprofessors Bahri Öztürk liegt darin genau das Problem. Der Fall könne erst dann richtig beurteilt werden, wenn sich die „beiden Familien miteinander versöhnen“. Denn dann könne man Marco aus der U-Haft befreien. Öztürks Vorschlag ist, dass Marco während des Prozesses in der Türkei leben könnte. Dann bestünde keine Fluchtgefahr, es fehlte der Grund für die U-Haft. Das Verfahren könnte dann zwar dennoch mit einer Verurteilung und einer Haftstrafe für Marco enden.

Die beiden Familien versöhnen

Doch säße Marco bis dahin nicht mehr in der U-Haft, wäre die Mutter dadurch nicht mehr dem Vorwurf ausgesetzt, sie zögere absichtlich den Prozess hinaus, damit Marco möglichst lange im Gefängnis bleibt. Zudem könnte auch die türkische Justiz zeigen, dass sie die in diesem Fall sehr streng auslegten Gesetze nicht nur anwendet, weil sie - verständlicherweise - entsetzt ist über die Aussagen deutscher Politiker. Die hätten sich nämlich sehr ungeschickt und kontraproduktiv geäußert. Darauf konnten sich in der Runde bei Maischberger alle einigen: der Vater, der türkische Strafrechtler und der deutsche Kriminologe Christian Pfeiffer. Strafrechtler Öztürk legte nach: „Wenn Politiker helfen wollen, sollen sie helfen, die beiden Familien zu versöhnen.“

Am Freitag ist die sechste Verhandlungsrunde im Fall Marco W. in Antalya. Charlottes türkischer Anwalt, Ömer Aycan, hat angekündigt, dass dann eine Aussage Charlottes vorgelegt würde. Laut Medienberichten ist es eine auf Video aufgezeichnete Aussage. Aufgrund des britischen Rechts hätte das Mädchen diese in England vor der Polizei machen müssen. Bei einem Prozess in Deutschland ginge das nicht. Charlotte müsste vor Gericht aussagen.

Charlotte muss so oder so irgendwann ihr Schweigen brechen, sonst kann die türkische Justiz den Prozess nicht sinnvoll fortführen. Ihre Aussage wird entscheidend sein für die nächsten Jahre von Marco W.



Text: FAZ.NET
Bildmaterial: ddp

 
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