Dioxin-Funde

Die Dioxinbelastung nimmt langsam ab

Schädlicher Landgang

Schädlicher Landgang

17. Januar 2005 "Das" Dioxin gibt es nicht: Zweihundertzehn chemische Verbindungen mit ähnlicher Struktur verbergen sich hinter dem Begriff. Davon sind 75 "echte" Dioxine und 135 mit dem Dioxin eng verwandte Furane.

Dioxine gehören zu den giftigsten chlororganischen Verbindungen, können Krebs verursachen, schädigen das Immunsystem - und sind sehr langlebig. Sie entstehen bei vielen chemischen Prozessen als Nebenprodukte und lagern sich anschließend in den Boden ein. "Dioxine sind persistent und bauen sich nur schwer ab", sagt Claus Bannick, Fachgebietsleiter für Bodenschutz vom Umweltbundesamt in Berlin.

Eier sind keineHauptaufnahmepfade“

Über tierische und pflanzliche Lebensmittel gelangen Dioxine auch in die Nahrungskette des Menschen. Die Gifte reichern sich vor allem im Fett-, Leber- und Hautgewebe an. Laut Bundesinstitut für Risikobewertung nimmt der Mensch das meiste Dioxin über Milch auf, vor Fleisch und Fisch.

Auch wenn Freilandhühner beim Picken Teile des Bodens mitfressen und Dioxine auf diese Weise auch in Eier und somit in deren Konsumenten wandern, gehörten Eier nicht zu den "Hauptaufnahmepfaden" für Dioxine, heißt es bei dem Bundesinstitut. Seit dem 1. Juli 2002 gilt die von der Europäischen Union festgesetzte Höchstmenge von drei Pikogramm Dioxin pro Gramm Fett für Eier aus Käfighaltung. Seit Anfang dieses Jahres muß der Grenzwert auch für Eier aus Freilandhaltung angewendet werden.

Die Altlasten bleiben ein Problem

Sind bei einer Verbrennung organischer kohlenstoffhaltiger Verbindungen Halogen-Verbindungen wie Chlor oder Brom zugegen, so können sich im sogenannten Dioxinfenster bei Temperaturen zwischen dreihundert und sechshundert Grad Dioxine bilden. Bis Ende der achtziger Jahre entstand das meiste Dioxin bei der Müllverbrennung. Durch strengere Grenzwerte - die striktesten der Welt - und eine verbesserte Technik ist der Dioxinausstoß von Müllverbrennungsanlagen in Deutschland mittlerweile nur noch gering. Bis Anfang der neunziger Jahre enthielten auch die Abgase von Kraftfahrzeugen Dioxine. Mit einer Verordnung zum Bundes-Immissionsschutzgesetz vom 17. Januar 1992 wurde auch diese Dioxinquelle durch ein Verbot der Beimischung von Chlor- und Bromverbindungen zu Kraftstoffen beseitigt.

Beim Bundesinstitut für Risikobewertung spricht man in diesem Zusammenhang von "Quellenverstopfung". Das Versiegeln von Dioxinquellen hat schon Verbesserungen gezeitigt. Als Indikator für die Dioxinbelastung beim Menschen gilt die Muttermilch, deren durchschnittlicher Dioxingehalt sich nach Angaben des Bundesinstituts für Risikobewertung zwischen 1992 und 2002 halbiert hat. Die Altlasten aber blieben nach wie vor ein Problem. Zugleich entstehen noch immer Dioxine bei der Herstellung von Pflanzenschutzmitteln und in der Eisen- und Stahlproduktion und beim Bleichen mit Chlor in der Papierherstellung.

Öffentliche Diskussion

Die öffentliche Diskussion über Dioxine begann Ende der sechziger Jahre, zunächst in Amerika. Die Vereinigten Staaten hatten im Vietnam-Krieg das dioxinhaltige Entlaubungsmittel Agent Orange eingesetzt, das bei Vietnamesen und amerikanischen Soldaten zu Gesundheitsschäden führte. Im Juli 1976 trat ein besonders giftiges Dioxin aus einem Reaktor des Pflanzenschutzmittelherstellers ICMESA im italienischen Seveso aus.

"Seveso war ein wichtiger Eckpunkt in der Diskussion über krebserregende Dioxine", erinnert sich Claus Bannick vom Umweltbundesamt. Damals starben in der Umgebung des Reaktors viele Vögel und Tiere, Menschen bekamen Chlorakne. Diese Dioxinvergiftung, begleitet von starken Pusteln im Gesicht, beschäftigte die Öffentlichkeit zuletzt im Dezember vergangenen Jahres: Der ukrainische Präsidentschaftskandidat Juschtschenko hatte seine Gegner bezichtigt, ihn mit Dioxin vergiftet zu haben.

Dioxine entstehen bei vielen chemischen Prozessen als Nebenprodukte. Sie lagern sich hartnäckig im Boden an. Über die Nahrung gelangen die krebserregenden Stoffe auch in den Menschen. Durch das Eindämmen von Dioxinquellen ist die Belastung der Böden in letzter Zeit aber stark zurückgegangen.

Text: flf., Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.01.2005, Nr. 14 / Seite 7
Bildmaterial: AP

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