Heimerziehung

Kinder, ab ins Heim!

Von Julia Schaaf

Die Heimerziehung sollte so normal wie möglich gestaltet werden

Die Heimerziehung sollte so normal wie möglich gestaltet werden

08. Januar 2007 Die wichtigen Feste werden alle im Heim gefeiert. Unter dem Frühstücksteller des Geburtstagskindes zum Beispiel liegt eine schmückende Serviette, und „dann tut jeder gratulieren“, wie Benny sagt, der kürzlich 13 Jahre alt geworden ist. Benny pflügt seinen Kaffeelöffel durch eine Schale mit Kakaopulver, der Junge spricht langsam: „Nachmittags sind dann alle da.“ Jeder Satz scheint aus unendlicher Ferne zu kommen und übergroße Konzentration zu kosten. Bennys Blick klebt am Kakao.

Die Erzieherin neben ihm streichelt seine Hand. „Und dann hab' ich Geschenke ausgepackt“, sagt Benny. Ein Legoschiff. Ein Freunde-Buch, „da tut man reinschreiben, wer Freunde sind“. Gummibärchen. „Ein paar Socken von Deutschland.“ Als Benny auch noch das geschenkte Haargel erwähnt, fängt Jana an zu kichern, bis Anne, die Älteste, sie zischend zur Ruhe ruft. Benny drückt einen Kakaohügel über den Schälchenrand auf den Tisch. „Hör bitte auf“, sagt die Erzieherin, fasst seine Hand fester und wiederholt mit Nachdruck: „Bitte!“

Kräutertee und Kekse

Patchwork-Familie: Türschild zur “Wohngruppe“ von Familie Günther

Patchwork-Familie: Türschild zur "Wohngruppe" von Familie Günther

Ein Doppelhaus am Stadtrand von Marburg, dort, wo die Tempo-30-Zone in Landschaft übergeht. An derselben Klingel stehen sechs verschiedene Nachnamen, sonst ist von außen nicht zu erkennen, dass das Gebäude eine Wohngruppe der Jugendheim Marbach GmbH beherbergt. Die Wände des Wohnzimmers sind in warmem Gelb gestrichen, über der Anrichte hängen Fotos von gemeinsamen Urlauben. Am großen Esstisch gibt es Kräutertee und Kekse. Jeder darf erzählen, keiner muss. Als Benny (Name geändert) nicht mehr stillsitzen kann, verabschiedet er sich für eine Runde Radfahren.

Markus, 16, kommt aus einer Alkoholikerfamilie, hat ein Jahr lang die Schule geschwänzt und lässt sich gerne massieren. Der schüchterne Joel hat einen Waschbrettbauch. Sein Betreuer witzelt liebevoll: Verglichen mit dem Vierzehnjährigen, habe er selbst einen Waschbärbauch. Jana, 14, mit dem sonnigen Lachen lebt seit einem Hirnschlag als Kind in einer Welt aus Kuscheltieren. Sie sagt: „Ich will zur Mama.“ Aber die ist in der Psychiatrie. Micha verbringt den Nachmittag beim Bogenschießen.

„Das ist ja fast wie Familie“

Auf Anne sind alle stolz. Die Siebzehnjährige hat einen geraden Blick und macht eine Ausbildung zur Arzthelferin, nur sieben Bewerbungen waren mit ihrem Realschulabschluss nötig. Anne sagt: „Bevor ich hierhergekommen bin, habe ich immer gedacht, ein Heim ist ein Riesenhaus, und da leben 150 Kinder. Aber das hier ist ja wie eine Wohngemeinschaft. Das ist ja fast wie Familie.“

Es gibt sie noch, vereinzelt, die Häuserklötze, die nach Kaserne aussehen und sechzig Jungen auf einmal beherbergen. Erziehungsanstalten mit gigantischen Speisesälen, in denen dem Direktor auf Kommando ein vielkehliges „Guten Appetit“ entgegenschallt. Aber schon das „Waisenhaus“ in München trägt seinen Namen nur mehr aus Tradition, und hinter der überkommenen Fassade verbirgt sich eine typische moderne Institution, in der unterschiedlichste Betreuungsangebote und Erziehungshilfen ineinandergreifen.

Was heißt es 2007 ins Heim gesteckt zu werden?

Die Zeiten, in denen der Ruf der deutschen Heimerziehung zu Recht eine Katastrophe war, liegen mehr als drei Jahrzehnte zurück. Damals setzten breit angelegte Reformen dem Unheil aus Massenverwahrung, Fürsorge und Züchtigung ein Ende. Ambulante Alternativen wie Familienhilfe und Nachmittagsbetreuung wurden erfunden, seit den späten Neunzigern sind solche Formen der Unterstützung auch aus Kostengründen en vogue. Erst neuerdings, seit schwere Fälle von Misshandlung und Verwahrlosung regelmäßig in die Medien finden, fordern Politiker, Kinder früher aus ihren Familien zu holen. Was aber heißt es, im Jahr 2007 in ein Heim gesteckt zu werden? Und was bringt das den Kindern?

Auf den ersten Bildern in seinem Fotoalbum ist Gabriel ungefähr zwei Jahre alt: ein dunkelhaariger Junge mit kaffeeschwarzen Augen und verhaltenem Lächeln. Das Jugendamt hatte entschieden, der gewalttätige Vater schade den Söhnen, Gabriel und sein älterer Bruder kamen ins Jugendhilfezentrum Johannesstift in Wiesbaden. Seither leben die Jungs zusammen mit einem Erzieherpaar in einer Familienwohngruppe von sechs Kindern. Andreas Günther, der bei Tisch am Kopfende sitzt, wirkt wie eine Mischung aus Alm-Öhi und Oberlehrer; seine Frau mit dem mütterlichen Busen trägt das Haar dynamisch kurz, ihr Kaninchenbraten ist sehr zart. Gabriel hat sich daran gewöhnt, zu Hause Pantoffeln zu tragen und sein Heft mit den Schularbeiten zum Korrigieren auf die Fensterbank im Wohnzimmer zu legen. Abends zur Tagesschau beginnt die „Elternzeit“, dann hat das Erzieherpaar die Aufenthaltsräume für sich. Zu Weihnachten wird das Fotoalbum aktualisiert.

Trennung von Familie wirkt oft weniger zerstörerisch

Jetzt sitzt der nachdenkliche Vierzehnjährige auf seinem Schreibtischstuhl zwischen Postern von Garfield, Jennifer Lopez und Borussia Mönchengladbach. „Das ist ja auch nicht ganz leicht, hier zu sein“, sagt er in seiner nachdenklichen, ernsten Art. Gabriel schätzt die Günthers, die er mit Vornamen anredet, seine „Erzieher“, wie er sagt. Die Mutter besucht er gelegentlich am Wochenende, aber das eher ungern. Manchmal wünscht er sich, er wäre adoptiert worden. Manchmal träumt er davon, eine eigene Familie zu gründen und die Kindheit zu vergessen. „Nicht jedes Kind hat so ein großes Zimmer“, sagt Gabriel, und dann: „Es wäre mir natürlich lieber, in einer richtigen Familie zu leben.“

Je jünger Kinder sind, umso eher kommen sie zu Pflegeeltern, aber auch das ist nur so eine Faustregel: Laut Gesetz gilt es, für jedes Kind individuell die passende Form der Unterbringung zu finden - im Idealfall nach Absprache mit dem Kind selbst und den Eltern. Überhaupt die Eltern. Noch immer kursiert der Generalverdacht, eine schlechte Familie sei besser als ein gutes Heim. Die Fachwelt ist sich mittlerweile einig, dass die Trennung von den Eltern in vielen Fällen weniger zerstörerisch wirkt als eine psychisch kranke, mit Selbstmord drohende Mutter, Prügelorgien oder Verwahrlosung. Man weiß inzwischen aber auch, dass Heimerziehung nicht gegen die Eltern funktioniert. Mamas kommen zum Geburtstagfeiern, Papas kriegen den Tip, den Alkohol doch mal im Schrank zu lassen, wenn das Kind zu Besuch ist. Ida Rathgeber, Geschäftsführerin der Jugendheim Marbach GmbH, sagt: „Wir können so gut sein, wie wir wollen. Aber die Eltern bleiben die Eltern - und damit die wichtigsten Personen im Leben unserer Kinder.“

Plätzchenbacken und Kaffeepreise vergleichen

Ansonsten gilt: Heimerziehung, so normal wie möglich. Normale Schulen, normale Sportvereine, normale Nachbarschaft. „Heimerziehung ist heute sehr an den Realitäten orientiert“, sagt Hans-Ullrich Krause, Leiter des Kinderhauses Berlin-Mark Brandenburg und Vorsitzender der Internationalen Gesellschaft für erzieherische Hilfen. Bei Unterbringung auf Dauer sind die Gruppen so klein wie irgendwie finanzierbar, das Betreuerteam bleibt möglichst konstant. Scheinbar profane Dinge wie Einkaufen sind Programm. Was kostet eigentlich ein Liter Milch? Und wo steht der im Regal? „Wir wollen die Kinder so erziehen, dass sie mit ihrer Familie später ein tolles Leben gestalten können“, sagt Krause. Andrea, die bei den Günthers in Wiesbaden aufgewachsen ist, hat Plätzchenbacken gelernt, gewohnheitsmäßig ist bei der Neunundzwanzigjährigen zu Hause samstags Waschtag. Und Sonntagabend werden Supermarktprospekte studiert und Kaffeepreise verglichen.

Letztlich jedoch sind das alles Äußerlichkeiten. „Die wirklich schwierigen Kinder haben dann eine Chance, wenn sie auf einen Menschen treffen, der einen inneren Draht zu ihnen findet“, sagt Ida Rathgeber. Heimerziehung ist Beziehungsarbeit. Hingucken. Nachfragen. Zuhören. Konflikte durchstehen. Da sein. Das ist weder mit Routine getan noch - in vielen Fällen - innerhalb eines normalen Schichtdienstes zu bewältigen. „Ich habe die Kinder immer mit dabei“, sagt eine der Erzieherinnen in Marburg über ihre freien Tage. Und selbst dann bleibt die Arbeit ein ständiges Ringen.

Der Pflegevater als Brautvater

Benny zum Beispiel. Als er vor weniger als einem Jahr in der Gruppe eintraf, war er unnahbar, zappelig und provokant, er spielte den dicken Max und redete ohne Unterlass. Bis die Betreuer begriffen, dass der Rüpel, dem vor zwei Jahren die Mama gestorben war, eigentlich noch ein Kerlchen ist. Seitdem wird viel geschmust, abends gibt es eine Gutenachtgeschichte, und alle sind erleichtert. „Es ist furchtbar, permanent ein Kind anschreien zu müssen“, sagt eine der Erzieherinnen. Aber Ruhe kehre selten ein: Jetzt, da es mit Benny endlich besser läuft, ist herausgekommen, dass Markus sein Praktikum schwänzt.

Schwer zu sagen, wo das alles hinführt. Alle Erzieher können gegensätzlichste Geschichten von Ehemaligen erzählen. Einige sind in der Psychiatrie gelandet oder immer mal wieder im Knast, andere haben Familien gegründet und sich mehr schlecht als recht selbständig gemacht. Einer ist neulich als Fachverkäufer bei Obi wiederaufgetaucht. Eine andere lebt auf der Straße, völlig entwurzelt. Aber wie stehen schon die Chancen für ein gediegenes Leben, wenn - wie in der Marburger Gruppe - vier von sechs Kindern Sonderschüler sind? Andrea sagt über ihre Wohngruppenjugend in Wiesbaden: „Die Zeit, die ich hier erlebt habe, nimmt mir keiner mehr.“ Bei ihrer Hochzeit vergangenes Frühjahr hat Andreas Günther sie wie ein Brautvater zum Altar geführt. Inzwischen arbeitet die junge Frau als Erzieherin. Zuweilen auch als Aushilfe im Heim.

Im Jahr 2005 waren in Deutschland 59.407 Kinder und Jugendliche in Pflegefamilien untergebracht, 72.382 Jungen und Mädchen lebten im Heim. Die Zahl der Heimkinder sinkt seit einigen Jahren, vor allem hat sich - der Arbeitsstelle für Kinder- und Jugendhilfestatistik an der Universität Dortmund zufolge - die Gewährungspraxis der Jugendämter geändert: Wenn 2005 nur noch 20.650 Kinder in Heimen angemeldet wurden, sind das 13 Prozent weniger als vier Jahre zuvor.

Kritiker beklagen den Kostendruck, Heimleiter warnen, viele Kinder hätten bessere Entwicklungschancen, wenn man sie früher eingewiesen hätte. Aber für einen Platz bei der Jugendheim Marbach GmbH zum Beispiel sind am Tag stolze 150 Euro zu zahlen. Die Kosten für Heimerziehung und betreutes Wohnen insgesamt beziffert die Dortmunder Arbeitsstelle für 2004 auf 2,59 Milliarden Euro (Pflege: 602 Millionen Euro).

Es gibt in Deutschland keine Qualitätsstandards für Kinderheime, stattdessen wird - mit Fortbildung und Supervision - auf die Professionalität der Erzieher vertraut. Allerdings üben die Jugendämter indirekt Kontrolle aus, indem sie entscheiden, mit welchen Trägern sie arbeiten.

Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 07.01.2007, Nr. 1 / Seite 45
Bildmaterial: Frank Röth

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