Der Rabbiner eilt wieder jeden Morgen in die Synagoge

08. Dezember 2007 Es geht ihm gut. Es geht dem Rabbiner Zalman Gurevitch, den am 7. September ein junger Mann aus Afghanistan in der Nähe des Frankfurter Polizeipräsidiums mit einem Messer attackiert und verletzt hat, sogar besser als vor dem Attentat. Nicht gesundheitlich. In dieser Hinsicht leidet Gurevitch noch unter den Verletzungen und der darauf folgenden Notoperation im Bürgerhospital, er muss heute häufiger als früher eine Pause einlegen. Aber psychisch, so sagt er selbst, sei er gestärkt aus dieser Prüfung hervorgegangen.

Gurevitch sieht auch in seinem Falle die alte chassidische Weisheit bestätigt, dass jede schlechte Sache doch auch einen guten Kern enthält. Jetzt erst weiß er so richtig, wie sehr er und seine Arbeit respektiert und geschätzt werden, sagt er. Nicht nur von vielen Mitgliedern der hiesigen jüdischen Gemeinde, sondern auch von Wildfremden im ganzen Land, die ihn nach der Attacke in E-Mails, Briefen oder Anrufen ihres Mitgefühls versichert haben. Oberbürgermeisterin Petra Roth ist an sein Krankenbett geeilt und hat ihm die Genesungswünsche des Magistrats ausgerichtet, viele andere haben ihn besucht und Trost zugesprochen. "Das hat mir Kraft gegeben in der schlimmen Zeit", sagt der Rabbiner und zieht daraus den Schluss, dass die Sympathie schon vorher vorhanden gewesen war und jetzt offen zum Vorschein gekommen ist.

Wenige Tage nach der Tat im September ist der Attentäter von der Frankfurter polizei festgenommen worden, für Gurevitch stellt dies den Beweis dar: "Frankfurt ist eine sichere Stadt." Die große Frage lautet, ob die Attacke geplant oder eine Zufallstat gewesen ist. Bisher war Gurevitch davon überzeugt, dass der Täter spontan gehandelt hat. Nach seiner Erinnerung ging an jenem Tag der junge Attentäter an ihm und seinen beiden Begleitern vorbei und rief ihm etwas zu. Er habe daraufhin den Afghanen gefragt, was er gesagt habe. Dieser habe ihm als Antwort die Faust in den Bauch gerammt. Er habe dann noch einmal dieselbe Frage gestellt, worauf der junge Mann unvermittelt mit den Worten "Scheißjude, ich bring' dich um" mit einem Messer auf ihn eingestochen habe. Später habe er dann gemerkt, dass schon der vermeintliche Faustschlag ein Messerstich gewesen sei.

Nach der Lektüre der Zeugenaussagen sei er jetzt allerdings in seiner Überzeugung erschüttert, es habe sich um eine Spontantat gehandelt. Denn eine Frau aus Rio, die bei ihm zu Hause Gast gewesen sei und die ihn an jenem Tag begleitet habe, habe ausgesagt, dass der Attentäter schon aus einer Entfernung von 50 Metern auf sie zugerannt sei.

Wie auch immer der Täter gehandelt hat, spontan oder gezielt, er hat Zalman Gurevitch in dessen fröhlicher Gläubigkeit nicht erschüttern können. Der Rabbiner steht wieder jeden Morgen früh auf, eilt nach einer kleinen Tasse Kaffee zum Gebet in die Synagoge und beginnt dann sein Tagwerk. Dieses besteht zu einem nicht geringen Teil daraus, die von ihm gegründete Jeschiwa - eine Talmudschule - in der Westend-Synagoge zu verwalten und Geld für sie zu sammeln. Sein erster großer öffentlicher Auftritt nach dem Attentat wird am Sonntag stattfinden, wenn er um 17 Uhr auf dem Vorplatz der Alten Oper Kerzen an einem Chanukka-Leuchter anzündet.

Dieses schon zu den Frankfurter Traditionen zählende Ereignis hat Gurevitch vor einigen Jahren ins Leben gerufen. Er will damit seinem Auftrag gemäß jüdische religiöse Tradition vielen eher säkular lebenden Mitgliedern der jüdischen Gemeinde nahebringen. Gurevitch gehört der Chabad-Bewegung an, einer Gruppierung innerhalb des orthodoxen Judentums, die sich an den Lehren des Rabbi Schneor Salman von Ljadi orientiert. Das Oberhaupt der Chabad-Bewegung ist über vier Jahrzehnte lang der berühmte Rabbiner Menachem Mendel Schneerson gewesen. Um in dessen Nähe studieren zu können, ist Gurevitch aus seiner Heimatstadt Paris nach New York gezogen.

Die Bilder des "Rebben" und vier seiner Vorgänger hat Gurevitch in seinem Arbeitszimmer aufgehängt. Seit ihn die Chabad-Organisation 1990 nach Frankfurt geschickt hat, versucht er, andere Juden von der Form eines kontemplativen und dennoch freudigen Glaubens zu überzeugen. Richtschnur sind für Gurevitch und die Anhänger der Chabad-Bewegung die jüdischen Religionsgesetze, die streng einzuhalten sie sich bemühen. Doch wissen diese Orthodoxen, dass sie nicht mehr im Schtetl Polens oder Galiciens leben. "Nein", sagt Gurevitch, der fröhliche Rabbiner, "wir trennen uns nicht von der modernen Welt." Ihm jedenfalls ist nach überstandenem Attentat Frankfurt wieder ganz nahe. Hans Riebsamen



Text: F.A.Z., 08.12.2007, Nr. 286 / Seite 57

 

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