Aids

Infektionskrankheiten bleiben eine Geißel

Von Michaela Seiser

24. Mai 2005 Infektionskrankheiten bleiben eine Bedrohung für große Teile der Welt. „Eine Pandemie ist so wahrscheinlich wie das nächste Erdbeben in Kalifornien“, befürchtet Alexander von Gabain, der Vorstandsvorsitzende des Wiener Impfstoffherstellers Intercell. Zwar gibt es gegen verschiedene Viren Vakzine, aber keine globale Impfstrategie. Das dürfte die Entwicklung neuer Wirkstoffe hemmen. Vor allem in der Bekämpfung des HI-Virus hat sich Ernüchterung unter den Forschern breitgemacht.

Seit dieses Virus vor zwanzig Jahren entdeckt wurde, suchen ganze Wissenschaftlerarmeen ein Mittel gegen die sich rasch ausbreitende Geißel der Menschheit. Es herrscht aber Skepsis darüber vor, daß es in den kommenden Jahren den großen Durchbruch geben wird. Zu diesem pessimistischen Befund kamen führende Repräsentanten der Vakzinforschung unlängst bei einem Symposion am niederösterreichischen Semmering über den Stand der Impfstoffe gegen Infektionskrankheiten und ihrer Verbreitung in der Ersten und Dritten Welt (www.viennavaccines.com).

Der Anreiz geht verloren

Für Gabain stellt sich die Frage, ob die Wissenschaft mit der Industrie und den nationalen Gesundheitsbehörden eng genug verzahnt ist und ob die Mittel entsprechend eingesetzt werden. Industrielle Entwicklungsstrategien müssen seiner Ansicht nach früher an akademische Laboratorien herangetragen werden. Die Wissenschaftler müßten anwendungsorientierter arbeiten. Wenn Vakzine nicht einmal bei den Gesundheitspolitikern der Ersten Welt hinreichend anerkannt seien, verliere die Biotech-Industrie den Anreiz, neue Wirkstoffe so weit zu entwickeln, daß bei Bedarf die Produktion schnell hochgefahren werden kann, monierte der Molekularbiologe im Gespräch mit dieser Zeitung.

Das habe auch Auswirkungen auf Regionen der Dritten Welt: „Wir brauchen privatwirtschaftliche Modelle, um Entwicklungsanreize für diese Länder mit zu entwickeln.“ Noch ist nicht klar, zu welchen Kosten Impfstoffe in unterentwickelten Regionen vertrieben werden können. In Ländern der Dritten Welt besteht jedoch der größte Bedarf für Vakzine, deren Entwicklungskosten mit 200 bis 500 Millionen Euro beziffert werden. Infektionskrankheiten breiten sich dort besonders stark aus. Jeder vierte Mensch auf der Erde stirbt nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation WHO) an einer durch Mikroben verursachten Infektion. Allein in Entwicklungsländern gibt es dreizehn Millionen Tote im Jahr, die Hälfte von ihnen Kinder.

Bioterrorismus breitet sich aus

Als wichtigste „Killermikroben“ gelten das Malaria hervorrufende Plasmodium vivax mit 300 bis 500 Millionen Fällen im Jahr, HIV mit 40 Millionen Infizierten und Mykobakterium tuberkulosis mit zwei bis drei Millionen Todesopfern im Jahr. Bei den von Insekten übertragenen Flavi-Viren, die sich unter anderem in Hirnhautentzündung manifestieren gibt es nur zum Teil akzeptable Vakzine.

Sorgen bereiten den Forschern auch die arzneimittelresistenten Mikroben, die sich in Krankenhäusern verbreiten. Erschwerend kommt die Mutation der Gene hinzu, wie Stanley Cohen, Molekularbiologe an der Universität Stanford sagte. Neuerdings breiten sich Antibiotika-resistente Keime aber nicht nur in den Fluren von Kliniken aus, wie jüngste Berichte von Forschern in Europa und Amerika zeigen. Die Wissenschaft nimmt auch den Bioterrorismus in den Blick. Impfungen, mit denen große volkswirtschaftliche Schäden verhindert werden können, kosten vergleichsweise wenig, manchmal nicht mehr als ein Hamburger an der Imbißbude.

Lieber ein Krankenhaus mehr

Der Vakzinmarkt, in den achtziger Jahren zum Pfennig-Geschäft verkomme, hat sein Volumen nach Einschätzung von Frost & Sullivan in den vergangenen fünfzehn Jahren auf fast 12 Milliarden Dollar vervierfacht. Bis zum Jahr 2010 dürfte ein Volumen von 25 Milliarden Euro erreicht werden. Damit macht die Impfstoffindustrie nur einen Bruchteil der gesamten Pharmabranche und der Ausgaben im Gesundheitswesen aus. Politiker eröffnen im Interesse ihres politischen Überlebenszyklus aber lieber ein Krankenhaus, als mehr für vorbeugende medizinische Maßnahmen wie Impfstoffe auszugeben.

Hier sei ein Paradigmenwechsel erforderlich, sagt Reinhart Waneck, Sprecher des Primarärzteverbandes in Österreich und ehemaliger Staatssekretär im Gesundheitsministerium. Waneck, der als Arzt auch im Ausland tätig war, tritt vor allem für den Ausbau der Vorsorgemedizin ein. Damit läßt sich seiner Ansicht nach auf lange Sicht die Kosten im Gesundheitswesen um ein Fünftel senken.

Noch sechs Jahre warten

Impfen gehört zu den wichtigsten und wirksamsten Maßnahmen der Vorsorgemedizin. Zwar sind die Infektionskrankheiten in den vergangenen zehn Jahren in Europa mit nach Angaben der WHO mittels Impfungen zurückgedrängt worden. Doch wegen einer gewissen Impfmüdigkeit und eines immer noch stark unterschiedlichen Immunisierungsgrads der Regionen und Bevölkerungsgruppen komme es inzwischen wieder zu größeren Ausbrüchen vermeidbarer Krankheiten, heißt es.

So gab es in den vergangenen Jahren große Masern-Ausbrüche unter anderem in Frankreich und Deutschland. Die Impfstoffe der Zukunft sollen indes nicht nur Krankheiten vorbeugen, sondern auch therapeutisch, also zur Heilung einer schon bestehenden Krankheit, eingesetzt werden. Dies ist allerdings Zukunftsmusik. Bis der erste therapeutische Impfstoff zugelassen ist, werden noch sechs Jahre gebraucht, glaubt Alexander von Gabain.



Text: F.A.Z., 25.05.2005, Nr. 119 / Seite 40
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