29. Juni 2004 "Stellen Sie sich vor, Ihr Baby sitzt auf einem Glastisch und Sie sehen von unten gegen die Scheibe", empfiehlt Kara, während sie der schwangeren Amy mit dem Schallkopf über den Bauch fährt. Am Kopfende der Liege steht ein Monitor, auf dem die typische schwarzweiße Vulkanlandschaft erscheint, die sich mit Hilfe des Ultraschallgeräts aus dem Mutterleib hervorzaubern läßt. Damit auch die Zuschauer in der lederbezogenen Sitzecke die Ultraschalluntersuchung genau mitverfolgen können, sind die Aufnahmen in Vergrößerung auf einem flachen Bildschirm an der Zimmerwand zu sehen. Die 31 Jahre alte Amy, die in der 30. Woche schwanger ist, hat ihren Mann, ihre Eltern, die Schwiegereltern und ihre beste, ebenfalls hochschwangere Freundin zu dem Termin in dem Ultraschallstudio "Baby Insight" im Washingtoner Vorort Potomac mitgebracht.
"Dies ist die eine Pobacke des Babys, hier, ein wenig tiefer im Bild, ist die zweite, und dazwischen sieht es ganz so aus, als hätten wir ein süßes kleines Mädchen", erläutert Kara der Schwangeren und ihrer Verwandtschaft. Das Ergebnis der Geschlechtsdiagnose kommt für Amy nicht überraschend. Auch der Gynäkologe hatte bei der Routineuntersuchung vor einigen Wochen schon auf ein Mädchen getippt. In Staunen versetzt Kara ihr Publikum aber, als sie von der zweidimensionalen Darstellung zu dreidimensionalen Ultraschallaufnahmen wechselt. "O wie niedlich, das ist ja großartig", ruft die Familie auf dem Sofa, als der Kopf des Kindes in weichen goldbraunen Tönen auf dem Bildschirm erscheint. Die Kopfform, die Augenpartie und die Nase sind gut zu erkennen. Nur Mund und Kinn werden von einem schwarzen Schatten verdeckt. "Das ist die Hand des Babys oder ein Stück Nabelschnur", erläutert Kara, "aber das haben wir gleich." Energisch ruckt sie mit dem Schallkopf auf Amys Bauch hin und her. "Komm, Baby, beweg dich", ermuntert sie das ahnungslose Wesen. Zunächst scheint Karas Störmanöver vergeblich, aber schließlich verschwindet der schwarze Schatten vor dem Gesicht des Kindes doch. "Sie hat volle Lippen", kommentiert eines der Familienmitglieder auf dem Sofa. "Genau wie Matthew." - "Nein, eher wie Mattie", widerspricht Amys Mutter.
Jungunternehmer mit großen Plänen
"Baby Insight" ist eines der immer zahlreicher werdenden Ultraschallstudios in den Vereinigten Staaten, in denen künftige Eltern ihren ungeborenen Nachwuchs aufnehmen lassen können. Das Gesamtpaket mit dreißigminütiger Ultraschallsitzung und Geschlechtsbestimmung kostet bei "Baby Insight" 240 Dollar. Dafür bekommt man ein Videoband mit selbstgewählter Hintergrundmusik, elektronisch gespeicherte Fotos des Kindes sowie Fotoabzüge und Grußkarten. Mütter wie die 33 Jahre alte Pam, die sich während einer fünfminütigen Untersuchung nur über das Geschlecht ihres Kindes vergewissern wollen, zahlen 89 Dollar. Pam kommt geradewegs von ihrem Gynäkologen, der annimmt, sie werde ein Mädchen bekommen. "Aber ich will ganz sichergehen, damit wir das Kinderzimmer passend einrichten können und die richtige Babykleidung kaufen." Ein Video oder Bilder von dem Ungeborenen, das auch nach dem Urteil Karas ein Mädchen ist, möchte die Mutter nicht: "Lieber lasse ich mich bei der Geburt überraschen."
"Baby Insight" wird von dem 31 Jahre alten Juristen Matt Evans und seiner Frau Laurie betrieben, die selbst drei Kinder haben. Evans arbeitete vor zwei Jahren noch in einer großen Washingtoner Anwaltskanzlei. Nun bringt er frische Rosen, die den Tisch in dem geschmackvoll eingerichteten Warteraum seines Studios schmücken sollen, und füllt den Seifenspender auf der Toilette nach. Die Idee, mit Aufnahmen von Ungeborenen seinen Lebensunterhalt zu verdienen, hat er aus Kalifornien, wo medizinische Laien schon länger Ultraschallstudios betreiben. "Baby Insight" in Potomac ist Evans' Probeprojekt. Weitere Studios sollen in diesem Sommer in den Bundesstaaten Florida, North Carolina, Arizona und Pennsylvania eröffnet werden. Bis zum nächsten Sommer soll dann ein Franchise-Netz mit bis zu 200 "Baby Insight"-Filialen in ganz Amerika entstehen. "Außerdem haben sich Interessenten aus Kanada, Frankreich, Ungarn und Indien gemeldet", berichtet der Jungunternehmer stolz. Neben eigenständigen Studios, wie dem in Potomac, schweben ihm auch Kooperationen mit amerikanischen Gynäkologen vor. "Außerhalb der Sprechzeiten könnte ,Baby Insight' in deren Praxen Ultraschallsitzungen anbieten."
Medizinische Bedenken
Die amerikanische Behörde zur Überwachung von medizinischen Geräten (FDA) ist allerdings alles andere als begeistert von den Ultraschallstudios. Sie erinnert daran, daß man noch nicht genau wisse, ob der wiederholte Einsatz der Ultraschalltechnik zu späteren Schäden für das Kind führen könne. Zwar seien bislang keine negativen Folgen bekanntgeworden. Doch dürfe man nicht vergessen, daß Ultraschall eine Energieform sei, die, wie Laboruntersuchungen gezeigt hätten, Gewebeveränderungen bewirken könne. Deshalb sei davon abzuraten, Ultraschallbilder nur zum Spaß und ohne ärztliche Aufsicht anfertigen zu lassen. Dieser Ansicht ist auch das "American Institute of Ultrasound in Medicine" (AIUM). Die Vereinigung, die die Nutzung von Ultraschalltechnik wissenschaftlich sowie mit Aus- und Fortbildungsprogrammen begleitet, argwöhnt, daß in den Ultraschallstudios nicht professionell gearbeitet werde. Schließlich werde deren Betrieb bisher nicht reguliert und kontrolliert. Das könnte sich allerdings bald ändern, denn die FDA erwägt, den Studiobetreibern Grenzen zu setzen. Dabei spielt auch die Befürchtung eine Rolle, daß Schwangere irrtümlich annehmen könnten, der Gang ins Ultraschallstudio ersetze die Vorsorgeuntersuchung beim Gynäkologen.
Evans findet diese Sorgen übertrieben. Er verweist darauf, daß bei "Baby Insight" nur Fachkräfte mit Lizenz und langjähriger Erfahrung in Kliniken, sogenannte Sonographers, arbeiteten. Außerdem müßten die Kundinnen vor der Ultraschallsitzung schriftlich versichern, daß sie ärztlich betreut werden. Das ausdrückliche Einverständnis der betreuenden Gynäkologen verlangt Evans aber nicht. Von den Frauen, die an diesem Morgen bei "Baby Insight" Aufnahmen machen lassen, hat nur eine zuvor darüber mit ihrem Arzt gesprochen. Und der habe keine Einwände gehabt.
Als Amy schließlich die Fotoabzüge in Empfang nimmt, treten ihr Tränen in die Augen. "Jetzt weiß ich doch wenigstens, wie das kleine Wesen aussieht, das mir in den ersten Wochen der Schwangerschaft so viel Übelkeit bereitet hat." Ähnliche Kommentare hört die Mitarbeiterin Kara oft von den Eltern. "Viele sagen, die Bilder hätten ihnen geholfen, eine Beziehung zu dem Kind aufzubauen." Befürchtungen, daß die Aufnahmen womöglich Schmerz und Trauer verstärken könnten, falls Schwangerschaft und Geburt nicht nach Plan verlaufen, habe dagegen noch keine Kundin geäußert. "Wenn tatsächlich etwas schiefläuft, dann haben die Eltern zum Trost immerhin die Bilder." Sollte Kara bei einer Ultraschallsitzung Auffälligkeiten feststellen, würde sie der Mutter davon nichts mitteilen. Vielmehr würde sie den betreuenden Gynäkologen benachrichtigen, damit er sich um die Schwangere kümmere. "Aber ein solcher Fall ist zum Glück noch nicht vorgekommen."
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.06.2004, Nr. 149 / Seite 9
Bildmaterial: dpa