Daniel Glattauer

Der Mann mit dem großen Herz

Von Julia Schaaf

Sie sehen einen freundlichen, entspannt wirkenden Mann...

Sie sehen einen freundlichen, entspannt wirkenden Mann...

16. April 2009 Eines Tages hatte er diesen Fremden am Telefon, der ihn um Hilfe bat. Er sei verzweifelt, habe nächtelang kein Auge zugetan - und nur er, Daniel Glattauer persönlich, könne ihn retten. Der Mann bat, Glattauer möge seiner Freundin schreiben, "seiner Emmi", damit sie ihm verzeihe. Glattauer wiegelte ab. Er saß wie gewöhnlich bei der Arbeit in der Redaktion der österreichischen Tageszeitung "Der Standard" und befand, Beziehungsfeuerwehr sei eigentlich nicht sein Job.

Aber er erinnerte sich an die Frau, um die es ging, eine Leserin aus Hamburg, die ihm von "ihrem Leo" berichtet hatte, in den sie sich per E-Mail verliebt hatte wie die Emmi in Glattauers Buch und mit dem sie jetzt tatsächlich zusammen sei. Und weil Daniel Glattauer ein freundlicher Mensch ist, informierte er die Betreffende über die Entschuldigung ihres Freundes. Kurz darauf kam die Antwort: Dieses Schwein von Mann verführe regelmäßig Frauen im Netz und habe sie betrogen.

Ist er so, wie er mailt?

...im Wesen eher studentisch. Schreibt Glattauer über sich selbst. Voilà!

...im Wesen eher studentisch. Schreibt Glattauer über sich selbst. Voilà!

Dies ist eine Geschichte über das Mailen, das Lieben, das Schreiben darüber und die schwierige Frage, wie das alles mit der Wirklichkeit zusammenhängt. Die Hauptfigur dieser Geschichte heißt Daniel Glattauer, ist 48 Jahre alt und hat im Herbst 2006 mit "Gut gegen Nordwind" einen E-Mail-Liebesroman vorgelegt, der zunächst von Buchhändlerinnen an Kundinnen und weiter an Freundinnen empfohlen wurde und dann von der Kritik bestaunt wurde. Die Fortsetzung "Alle sieben Wellen" (Deuticke, 17,90 Euro) hat jetzt gleich mit Erscheinen den Sprung in die Bestsellerlisten geschafft.

Es geht wieder um diesen Mann und diese Frau Mitte Dreißig, die sich über rund 220 Seiten E-Mails schreiben, mehr nicht, jedenfalls nicht viel. Aber Glattauer gelingt ein Rausch, der an Intensität seinesgleichen sucht, und selbst wenn einem das selbstbezügliche Sehnen und Doch-nicht-zueinander-Finden bisweilen auf die Nerven geht, ertappt man sich mitunter dabei, wie die Augen vorschnell zum Ende der Seite rutschen, weil man wissen will, wie es weitergeht mit Emmi und mit Leo. Schon der Rhythmus aus kurzen und längeren Notizen, aus raschen Repliken und Schreibpausen wirkt wie ein Strudel. Und dann: so unendlich viel Gefühl. Wegen der Flut an ergriffenen Zuschriften von Lesern, die hauptsächlich Leserinnen sind, will Glattauer die E-Mail-Adresse in den nächsten Wochen von seiner Homepage nehmen. Wer ist dieser Mann, der sich das alles ausgedacht hat? Schreibt der Autor privat so charmant und gewitzt wie seine Figuren? Und ist er in Wirklichkeit so, wie er mailt?

Betreff: Porträt

Sehr geehrter Herr Glattauer, ich freue mich auf unser Treffen nächsten Mittwoch in Wien. Wie wäre 13 Uhr? Beste Grüße noch unbekannterweise: Julia Schaaf

Zehn Sekunden später

Out of Office AutoReply: In den nächsten Wochen bin ich viel unterwegs und werde meine Post leider vernachlässigen müssen. Alles Liebe Daniel Glattauer

Zweieinhalb Stunden später

AW: Porträt

Liebe Julia Schaaf, ich freue mich auch! Café Eiles? Alles Liebe Daniel Glattauer

Ein Tag später

AW: Porträt

Lieber Herr Glattauer, was die Kaffeehäuser angeht, verlasse ich mich auf Ihre Wahl. Ich finde bestimmt hin. Und wie finde ich dann Sie? Herzlich: Julia Schaaf

Ein Tag später

Betreff: Nachtrag

Lieber Daniel Glattauer, ich lese gerade Ihr neues Buch, und der Sog Ihres E-Mail-Dialogs ist so groß, dass ich mich frage, was ich tun muss, um auch eine Mail im Emmi-Leo-Stil von Ihnen zu bekommen. Könnten Sie mir nicht für unser Treffen eine Beschreibung von sich schicken, anhand derer ich Sie erkennen kann? Am besten nach dem Emmi-Punkte-Prinzip? Lesende Grüße, Julia Schaaf

Ein Tag später

AW: Nachtrag

Liebe Julia Schaaf, woran Sie mich erkennen?

1.) Ich bin vor Ihnen da

2.) Ich sitze nie ganz vorne und nie ganz hinten im Lokal, am liebsten auf der Seite

3.) Ich verstecke mich vor einem Treffen niemals hinter einer Zeitung

4.) Ich schau die Menschen an, die am Tisch vorbeikommen

5.) Vielleicht sehen Sie mich so wie eine befreundete Stewardess, die einmal über den ersten Eindruck von mir gesagt hat: "Wenn ich eine Portion Essen zu wenig für meine Fluggäste hätte, dann würde ich zuallererst auf dich zusteuern und dich fragen, ob du verzichten würdest." (Dabei bin ich total schlank!)

6.) Sie sehen also einen recht freundlichen und entspannt wirkenden Mann mit relativ wenigen, dafür aber bereits leicht grauen Haaren und einer markanten dunkel umrandeten Brille. Er wirkt trotz fortgeschrittenen Alters im Wesen eher studentisch, trägt ganz bestimmt kein Sakko, und sagt, vermutlich lächelnd: "Sie sind Julia Schaaf. Hallo! Man erkennt sich ja immer sofort!"

Mailen, was sonst nie über die Lippen kommt

Mittwoch, 13 Uhr, und weil man dort im Hof sitzen kann, doch im Café Schottenstift, Stammcafé der "Standard"-Redaktion. Glattauer sieht aus, wie er angekündigt hat, und erzählt, dass er eigentlich nie einen E-Mail-Roman hatte schreiben wollen. "Ich fand's nicht sowas wahnsinnig Originelles", sagt er, und seine Stimme schaukelt Wienerisch freundlich hin und her. Aber weil es ihm so gut gefiel, sich wechselweise in seine beiden Figuren hineinzuversetzen und ihre Geschichte zu entwickeln von einer Mail zur nächsten, ist diese Form entstanden, die eigentlich nur für den Einstieg gedacht war. Auch als Schöpfer des schriftlichen Dialogs wusste er zu keinem Zeitpunkt mehr über seine Protagonisten als seine Leser oder die beiden Mailenden selbst. Wenn sich Fans jetzt nach der Zukunft von Emmi und Leo erkundigen, zuckt der Autor bloß die Schultern und sagt: "Keine Ahnung."

Glattauer hat nicht recherchiert über die Liebe in Zeiten des Internets, auch ein Technik-Avantgardist war er nie. Er mochte das Mailen, weil er das Telefon immer als kühles und gehetztes Medium empfunden hatte. In Auseinandersetzungen kann er manchmal schriftlich in Worte fassen, was ihm von Angesicht zu Angesicht nie über die Lippen käme. Er glaubt, dass man die Sensibilität eines anderen Menschen aus Mails herauslesen kann, sein Temperament und vielleicht auch etwas über den Charakter. "Aber was sagt das schon?"

Er hat keine Botschaft, das liegt ihm nicht

In seiner neuen, ihm durchaus befremdlichen Rolle als E-Mail-Liebesberater empfiehlt Glattauer deshalb, virtuellen Frühlingsgefühlen recht schnell ein echtes Treffen folgen zu lassen. Sonst laufe man Gefahr, sich einen Traumpartner zusammenzuphantasieren, der den Abgleich mit der Realität nur schwer überstehe. "Das ist verheerend, was die beiden machen", sagt Glattauer über Emmi und Leo. Da hat einer gut reden. Der Autor hat vor drei Jahren die Frau geheiratet, mit der er schon zwanzig Jahre zusammen war, weil sich beide ein Symbol für ihre Zusammengehörigkeit wünschten und Lust hatten auf ein Fest.

In "Alle sieben Wellen" lässt Glattauer seine Schreibfreunde das Wesen von Partnerschaften erörtern, die Frage, wie viel Vernunft es braucht, ob man tatsächlich mit einem Menschen alles wollen darf und wo Betrug beginnt. Er hat keine Botschaft, das liegt ihm nicht. Allenfalls fügt er seinen persönlichen Senf hinzu: "Ich bin einer, der dranbleibt", sagt Glattauer. "So richtig lieben und zu zweit sein kann man nur, wenn man auch mit dem Mangel an Leidenschaft zurechtkommt." Und Betrug? Der Autor lässt nicht gelten, wenn einer sagt, es habe ihn halt erwischt. "Man betrügt, wenn man etwas zulässt in sich."

„Ich bin immer privat“

Daniel Glattauer macht gerade eine interessante Wandlung durch. Fast zwei Jahrzehnte war er Journalist, hat Gerichtsreportagen geschrieben oder Kolumnen und sich als Beobachter der Welt verstanden. Jetzt steht plötzlich seine Person im Mittelpunkt eines Wirbels und soll Antworten geben. Zum Beispiel, ob er selbst eine Liebe per E-Mail erlebt habe (nein) und wieso er sich so gut in eine Frau hineinversetzen könne (wieso nicht?). Er hält Lesungen, gibt Interviews, und schon drängt der Verlag, Einladungen zu Talkshows anzunehmen. Aber Glattauer ist einer, der sagt: "Ich bin immer privat. Ich kann und will mich hinter nichts verstecken."

Ein sonniger Nachmittag bei Wiener Melange reicht aus, damit er einem das Du und sein Stück Trüffeltorte anbietet und obendrein eine Einladung in sein Wochenendhaus im Waldviertel ausspricht. Die Unterhaltung ist beschwingt, persönlich, und zwischendurch erwidert Glattauer: nichts. Die journalistische Rolle des Zuhörers ist ihm offenbar vertrauter als die des öffentlich gefragten Schriftstellers, der zu allem eine Meinung haben soll.

„Ich will kein typischer Schriftsteller sein“

Glattauer trinkt lieber Rotwein als Whisky (wie Leo) und hält sich (wie Leo) für einen "netten Typen", für einen Menschenversteher, dessen Sympathie vom Verbrecher (im Gerichtssaal) bis zum Verkäufer einer Obdachlosenzeitung (im Café) allen gilt. Eine Frau wie Emmi hingegen wäre nichts für ihn (zu forsch). Er macht auch keine dieser pointierten Punkte-Listen wie sie. Fragt man ihn, was an ihm typisch österreichisch sei, erbittet er Bedenkzeit und numeriert seine Antwort trotzdem nicht durch. Eher verspielt als verbissen und mit eher unscharfem Blick auf die Dinge, sagt er dann, um gleich darauf einzuschränken, wie wenig er diese Zuordnung mag. "Ich will kein typischer Journalist sein, kein typischer Schriftsteller, kein typischer Garnichts."

Lieber schlüpft er in die Rolle des Beobachters und typisiert andere, in der Tram, auf der Straße oder gleich hier im Café: Den Angeber, dem der Zigarillo zwischen den Lippen wippt. Die Landeier aus der Steiermark, die sich besonders städtisch geben ("Das ist eine fade Herrenrunde. Da würde ich nie gern dabeisitzen."). Die asiatischen Touristinnen im Halbschatten, über die er sagt: "Ich glaub', denen geht es gut." Glattauer schreibt übrigens präziser, als er spricht. Aber was sagt das schon?

Und wenn er nicht vorm Rechner sitzt? Die Antwort kommt einen Tag später per E-Mail: "Leben genießen, wo, wann und wie immer das möglich ist. Am besten im Freundeskreis sitzen, essen, trinken, reden. Im Hintergrund gute Musik. Besonders schön: in einem Garten, an einem Strand, auf einem Berg mit Aussicht. Ich hoffe wir sehen uns wieder mal. Daniel."

Daniel Glattauer ist aufgewachsen in einem Arbeiterviertel im Süden Wiens, wo er 1960 als jüngerer Sohn eines Boulevardjournalisten und einer Hausfrau geboren wurde. Er studierte Pädagogik, arbeitete drei Jahre für die Tageszeitung „Die Presse“ und wechselte schließlich zum „Standard“, wo er seit 15 Jahren Gerichtsberichterstattung macht und Kolumnen für die erste Seite schreibt. Zurzeit ist Glattauer von seiner Tätigkeit als Redakteur beurlaubt. Er überlegt, künftig nur noch als Autor zu arbeiten. Glattauer pendelt zwischen Wien und seinem Haus in Niederösterreich. Er ist verheiratet und hat den inzwischen erwachsenen Sohn seiner Frau mit aufgezogen.

Glattauers Kolumnen mit Alltagsbetrachtungen gibt es auch als Buch. Sein Roman „Der Weihnachtshund“ wurde verfilmt. Außerhalb von Österreich bekannt gemacht hat Glattauer sein E-Mail-Liebesroman „Gut gegen Nordwind“. Mit dem Folgeband ist er derzeit auf Lesereise, wobei er Leos Part liest und Emmis Mails vom I-Pod einspielt. Termine im April: München (18.), Hamburg (21.), Braunschweig (22.), Hannover (23.), Straubing (28.), Regensburg (29.).

Text: F.A.S.
Bildmaterial: Heribert Corn

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
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