Udo Jürgens

Siebzig Jahr, volles Haar

Von Dieter Bartetzko

Stimmgewalt am Klavier: Udo Jürgens

Stimmgewalt am Klavier: Udo Jürgens

30. September 2004 Als Caterina Valente 1959 mit einem mehrwöchigen Gastspiel im Olympia endgültig den Sprung aus den bunten Abenden des Wirtschaftswunderlands in die internationale Showszene vollzog, trampte der junge Udo Jürgens nach Paris, um ihre Kunst zu beobachten. Er lernte viel daraus. Bald auch aus der Intensität von Gilbert Bécaud und der Melancholie eines Charles Aznavour. Das atemraubend atemlose Singen hörte er sich bei Jacques Brel ab. So trat er wenige Jahre später auf die Bühne und vor die Fernsehkameras, am Flügel versiert wie Bécaud und selbstkomponierte Lieder singend wie dieser, ein hagerer Schlaks, den seine intensiven Gefühle beben ließen, mit Gesten, die das Publikum geradezu attackierten, und mit Blicken, die es hypnotisieren wollten.

Aber Udo Jürgens erarbeitete sich all die Rollen des internationalen Chansons und Schlagers nicht, um die westliche Welt, sondern um Österreich und die Bundesrepublik zu erobern. Dafür rackerte er, beginnend eigentlich schon während seines Studiums am Klagenfurter Konservatorium in den Fächern Klavier, Gesang und Kompositionslehre, mit umwerfender Energie. Dreimal nacheinander unterwarf er sich dem peinigenden Wettbewerb des "Grand Prix" mit selbstkomponierten Liedern. 1964 erreichte sein "Warum nur, warum?" den fünften Platz, 1965 belegte er mit "Sag ihr, ich lass' sie grüßen" den vierten. 1966 dann der Sieg mit "Merci Cherie", das den Durchbruch in den deutschsprachigen Ländern brachte, in allen anderen dagegen wenig Beachtung fand.

Komponist von „Reach For The Stars“

Die Zähigkeit, mit der er den Grand-Prix-Triumph schließlich errungen hatte, ist ihm wohl angeboren. Der Mut, dreimal die Feuertaufe zu wagen, war ihm vermutlich durch den für einen namenlosen Anfänger unfaßbaren Erfolg zugewachsen, Ende der fünfziger Jahre für Shirley Bassey ihren Hit "Reach For The Stars" komponiert zu haben. Nach 1966 aber war er der bis heute erfolgreichste Spezialist für chansonesken, gehobenen Schlager mit zuweilen angejazzten Untertönen. "Alle Macht den Gefühlen" sang er viele Jahre später. Die Beweise hatte er zuvor mit eingängigen Liedern über Trennungsschmerz und das Glück des ersten Mals, über die Augenblicke und die Ewigkeitswerte der Liebe, über Blondinen und Brünette, Spröde und Willige geliefert.

In den siebziger Jahren jagte - viele davon inzwischen Evergreens - ein Hit den nächsten; es war das Jürgens-Jahrzehnt: Seinem noch heute jedermann vertrauten "Griechischen Wein" von 1974, einer pathetisch-tapsig mitfühlenden Gastarbeiter-Ballade, folgten die gemäßigte Kaffeekränzchen-Satire "Aber bitte mit Sahne" und die zeitgemäß auf den bundesdeutschen Kleinbürgeralltag ausgeweitete Variante von Brechts "Kleinbürgerhochzeit" namens "Ein ehrenwertes Haus".

Skandal im „Lieb' Vaterland“

Auf all deren wohlerzogen kritische Untertöne traf zu, was Unterhaltungsexperten dann dem reifen Jürgens bescheinigten - glatt, aber nicht platt. Nur einmal schien es, als durchbreche der Sänger die Grenzen der Konvention und werde von den Vertretern des damals sogenannten Establishments ins Lager der "roten Unterwanderer" getrieben: 1971, als sein "Lieb' Vaterland" zum bundesdeutschen Skandal geriet. Schon der Titel, eine renitente Übernahme der 1840 gedichteten und 1870 vertonten treuherzig militanten "Wacht am Rhein", empfanden nicht nur Nationalisten als unerhörte Frechheit. Der Text aber, in dem Jürgens in süffisantem Ton Versicherungen und Banken als skrupellose Ausbeuter, Arbeiter als Elendsgestalten und die Führungsschichten der Republik als verschworene Gemeinschaft Eigen- und Geldsüchtiger besang, wurde von Politikern und Kulturhütern als Vaterlandsverrat und anmaßende Einmischung ausgerechnet eines Schlagersängers attackiert, der Nettig- oder Rührseligkeiten singen, aber sich aus politischen Dingen heraushalten sollte.

Erschrocken über den Aufruhr, absolvierte Jürgens tapfer und letztlich standfest den Canossagang durch Talkshows und Interviewstudios. Am Ende schloß die Bonner Republik ihren Frieden mit ihm, und er dankte es als zuverlässig aufrichtiger, anständiger Bürger, der sich immer korrekt und zur rechten Zeit über soziale und kulturelle Mißstände empörte; nie mehr zu laut, selten unausgewogen.

Erfolglose Ausflüge ins ernste Fach

Nur ein Ehrgeiz, dessen Erfüllung er mit derselben Energie wie seine Karriere als Entertainer betrieb, blieb unbefriedigt: Die Versuche des Udo Jürgens, einen, und sei es nur bescheidenen Rang auf dem Feld der sogenannten E-Musik zu belegen, scheiterten. Sein mit klassischen Einfärbungen versehenes Musical "Helden" (nach G. B. Shaw) kam 1972 trotz aufwendiger Werbekampagne zur Wiener Uraufführung nicht über einen Achtungserfolg hinaus; seine Komposition "Wort" für die Berliner Symphoniker, mit denen er sie auch einspielte, errang 1979 Respekt bei den betreffenden Musikern, aber blieb im übrigen unbeachtet.

Heute wird Udo Jürgen Bockelmann siebzig Jahre, absolviert mit ungebrochenem Elan und phänomenaler Jugendlichkeit Tourneen, nimmt CDs auf und ist noch immer Deutschlands und Österreichs führender Entertainer. Sein Ziel jetzt, wo er alles erreicht hat? Ein Konzert bei den Salzburger Festspielen. Was sonst?

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.09.2004, Nr. 228 / Seite 35
Bildmaterial: AP, APA, dpa, dpa/dpaweb, PHOTOPRESS

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