Yoido Full Gospel Church

Die größte Kirchengemeinde der Welt

Von Anne Schneppen, Seoul

Auf der Insel Yoido, dem Finanzzentrum der südkoreanischen Hauptstadt, liegt die Yoido Full Gospel Church

Auf der Insel Yoido, dem Finanzzentrum der südkoreanischen Hauptstadt, liegt die Yoido Full Gospel Church

19. Februar 2007 „Halleluja“, grüßt der Parkwächter. Auf der Straße bewegen sich Menschenmassen. Auto an Auto, Reisebusse, so weit das Auge reicht. Wer die Yoido Full Gospel Church sucht, braucht keinen Stadtplan. Schon von weitem ist die Megakirche zu erkennen, ein riesiger, rotbrauner Rundbau, der an ein Sportstadion erinnert. Hier auf der Insel Yoido, dem Finanzzentrum der südkoreanischen Hauptstadt, feiert die größte Kirchengemeinde der Welt ihre Gottesdienste, und das ist jedes Mal eine organisatorische Meisterleistung.

Die Schar der Gläubigen ist so groß, dass es sonntags sieben Gottesdienste braucht, zu jedem kommen mehr als 20000 Menschen. Und doch gibt es kein Drängeln und Schubsen, wenn sich die Kirche im 80-Minuten-Takt leert und wieder füllt. Ein Heer von Helfern mit Walkie-Talkies lenkt die Ströme. Als gäbe es eine geheime Choreographie, beginnt die Harmonie schon bei den in Dreierreihen einparkenden Bussen. Am Haupteingang der Kirche warten freundliche Saalordner in weißen Dinnerjacketts und fischen jene, die zum ersten Mal kommen, aus der Menge. Ausländer werden über den Fahrstuhl zu einer für sie reservierten Empore geleitet.

Der Platzanweiser spricht Englisch. „Halleluja. You are truly blessed to be here“, sagt er lächelnd und drückt den Besuchern das Programm des Gottesdienstes in die Hand, zusammen mit einem kleinen Fragebogen: Name, Wohnort, E-Mail-Adresse, jeder wird registriert. Zur Übersetzung stehen Simultandolmetscher und Kopfhörer bereit, im Angebot sind Englisch, Chinesisch, Japanisch, Russisch, Indonesisch, Spanisch und Französisch. Tief unten im gigantischen Saal bringen die hundert Sänger eines Gospelchors die Gläubigen in Schwung, begleitet von einem beeindruckenden Orchester.

Eine Kirche der Superlative

Die pfingstlerisch-charismatische Yoido Full Gospel Church ist eine Kirche der Superlative: 621 Pastoren, 632 Missionare in 56 Ländern, in der Sonntagsschule lernen 38000 Kinder, zwölf Chöre wechseln einander ab. Zum Glaubensimperium gehören mehrere Hochhäuser auf einem der teuersten Grundstücke des Landes, eine große Tageszeitung, Rundfunk- und Fernsehsender, eine Universität in Korea, ein Theologisches Seminar in Kalifornien sowie verschiedene soziale und karitative Einrichtungen. Für 15 Millionen Dollar wurde die „Elim Wohlfahrtsstadt“ gebaut, in der Obdachlose und andere in Not Geratene ein Zuhause finden und eine Ausbildung erhalten. Im Jahr 1993 wurde die Yoido Full Gospel Church als die größte Einzelgemeinde der Welt ins Guinnessbuch der Rekorde aufgenommen. Heute wird die Zahl ihrer Mitglieder von der Kirche selbst mit mehr als 750000 angegeben. Die Kirche ist eine Erfolgsgeschichte der Evangelisation. Seniorpastor Cho Yong-gi erreicht mit seiner Sonntagsmesse 400000 Gläubige - nicht nur die in der Kathedrale und ihren Nebenräumen, sondern auch in Außenkirchen, die seine Predigt auf Bildschirmen per Satellit übertragen. Man kann sie darüber hinaus im Radio hören und mehrsprachig im Internet herunterladen. Im Fernsehen sieht man Pastor Cho noch in entlegenen Gegenden wie Usbekistan, Spanien, Russland oder Island.

Südkorea ist in Asien das christlichste Land nach den Philippinen, aber mehr protestantisch als römisch-katholisch geprägt. In Europa mögen die Kirchen an Anziehungskraft verlieren, in Korea ist das anders. Im nächtlichen Seoul leuchten überall rote Neonkreuze. Niemand wundert sich über bibelschwingende Laienprediger auf Straßenkreuzungen oder über Gläubige, die schon vor Morgengrauen zum Beten gehen. Koreaner zeigen sich fromm, die meisten besuchen regelmäßig den Gottesdienst. Seit dem Ende des Korea-Krieges 1953 hat sich das Christentum mit großer Geschwindigkeit ausgebreitet: Fast ein Drittel der 48 Millionen Einwohner ist heute christlich; rund 50000 protestantische und 1200 katholische Kirchen gibt es im „Land der Morgenstille“. Von den zehn größten Kirchen der Welt sind acht in Korea, die meisten dieser protestantischen Megakirchen entspringen wie die Yoido-Gemeinde der charismatischen Bewegung, beeinflusst von amerikanischen Missionaren, die Ende des 19. Jahrhunderts die ersten protestantischen Gemeinden gründeten. Dabei füllten sie nicht etwa ein Glaubensvakuum, ist die koreanische Kultur doch geprägt von einem toleranten Nebeneinander des Konfuzianismus, Buddhismus und Schamanismus. Es ist für manche kein Widerspruch, zum Gott der Christen zu beten, die Schamanin zu bezahlen, wenn die Geister gut gestimmt werden müssen, den Wahrsager für die Zukunft der Kinder zu Rate zu ziehen.

Applaus brandet auf

Als Pastor Cho hinter den Altar tritt, brandet Applaus auf, als wären die Gläubigen nur seinetwegen hier. Eingerahmt von mannshohen Topfpflanzen, wirkt der Gründer der Gospel Church mehr wie ein hagerer Professor, die randlose Brille betont eine hohe Stirn. Zunächst bittet Cho um Kraft und Gottes Segen, auch und ausdrücklich für Präsident Roh, der im letzten Jahr seiner Amtszeit ziemlich verlassen wirkt. Cho gedenkt auch der unglücklichen Brüder und Schwestern im Norden der geteilten Halbinsel, er spricht vom Leiden der Bevölkerung, er fleht um ihre Befreiung. Die Yoido-Full-Gospel-Kirche engagiert sich für die Menschen im kommunistischen Nordkorea und macht kein Hehl daraus, dass sie auf den Zusammenbruch des Regimes wartet, im Gegensatz zur Regierung von Roh Moo-hyun. In der Predigt geht es um eine Frau, die vergeblich nach irdischem Glück trachtet, fünf Männer heiratet, von denen keiner der rechte ist. Cho greift die Beispiele aus dem Leben, er spricht in einfachen Metaphern, er setzt Emotion frei. Die Menge lauscht ergriffen. Erst gegen Ende kommt Cho richtig in Fahrt, gerät die Gemeinde in Bewegung, begleitet von hymnenartigen Gesängen und lauten Gebeten fallen einige in Ekstase, werfen die Hände zum Himmel, wiegen sich vor und zurück. Das Beten erreicht tosende Stärke, auf der Empore beginnen manche in Zungen zu reden, mit rollenden Augen, es klingt wie ein fremdländischer Dialekt. „Ihr seid das auserwählte Volk, ihr könnt wie ein König leben“, ruft der Pastor und legt die rechte Hand aufs Herz.

Cho Yong-gi kam 1936 in ärmlichen Verhältnissen zur Welt, Korea stand damals unter dem Joch japanischer Besatzung. Mit sechzehn erkrankte er an Tuberkulose, die Ärzte sagten ihm, dass es keine Hoffnung mehr gebe. Eine Freundin seiner Schwester bekehrte ihn auf dem Krankenbett. Nach Darstellung seiner Kirche erschien ihm damals Christus in Gestalt eines Lichts. Cho wurde geheilt, studierte Theologie. 1958 gründete er die Full Gospel Church. Der Durchbruch kam, so heißt es in der Chronik, als Cho eine von Gicht gelähmte Frau heilte. Die Berichte über Wunder und Heilungen durch Handauflegen und Exorzismen verbreiteten sich wie Lauffeuer und führten der jungen Kirche neue Mitglieder zu. Bald schon reichte das Armeezelt nicht mehr aus für die Gottesdienste. 1968 zählte die Yoido-Kirche 8000 Gemeindeglieder, 1973 zog sie auf die damals kaum entwickelte Yoido-Insel im Han-Fluss, 1979 waren die 100000 überschritten. Die Kirche wuchs und wuchs, fand Rückhalt vor allem bei den einfachen Leuten und Frauen. Die Gläubigen sind in Tausenden Hauskreisen organisiert, wo sich bis zu zehn Mitglieder wöchentlich zu Gebet und Bibelstudium treffen. Wird die Zelle zu groß, teilt sie sich.

„Papst der Gemeindewachstumsbewegung“

Der Erfolg der Yoido Full Gospel Church ist nicht von ihrem Gründer zu trennen. Als „Papst der Gemeindewachstumsbewegung und als Role Model der protestantischen Gemeindearbeit“ beschreibt ihn Malte Rhinow, Mitarbeiter von Mission Eine Welt (Bayern), der seit vielen Jahren in Seoul arbeitet: Der ungewöhnlich charismatische Cho Yong-gi habe aus seiner Heilungserfahrung und seiner Lebensgeschichte ein erfolgreiches System geschaffen, „ein religiöses Business mit ganz kirchenähnlichen Zügen und autoritären Strukturen“, beeinflusst vom amerikanischen Evangelikalismus, aber verwurzelt in der koreanischen Kultur, in der Volksglaube und Schamanismus noch lebendig sind. „Früher gingen die Armen zur Schamanin, heute gehen sie zu Cho und erleben bei ihm den Wechsel von Fluch zu Segen“, sagt Pfarrer Rhinow. Cho bietet seinen Anhängern eine religiöse Erfahrung, er nutzt Prophetie, Vision, Heilung, Zungenrede und ist dabei doch auf das Diesseits konzentriert. „Gesundheit, Ansehen und Erfolg sind die Messlatten des Wohlbefindens“, sagt Rhinow und fasst die Segenstheorie der Kirche zusammen: „Gebt eure Kraft, eure Zeit und euer Geld. Betet, lest die Bibel und missioniert, dann werdet ihr in eurem Leben viel erreichen. Wer gibt, bekommt ein Vielfaches zurück.“ Rendite des Glaubens.

Wer die Kirche betritt, muss vorbei an Tausenden mit Umschlägen gefüllten Holzfächern, die nach den Namen der Gläubigen geordnet sind. Diese sind angehalten, jeden Monat ein Zehntel ihres Bruttoeinkommens ihrer Kirche zu spenden. Yoido-Pastor Lim Hoon versichert, dass dies ernst genommen wird: „Viele geben mehr.“ Für die meisten Südkoreaner hat sich die Hoffnung auf mehr Wohlstand in der Tat erfüllt. In nur drei Jahrzehnten ist Südkorea vom Agrarstaat zur Hightech-Industrienation aufgestiegen. Auch dies mag zum Erfolg der Yoido-Kirche beigetragen haben. Freilich ist Cho Yong-gi nicht unumstritten, seine Kritiker tun sich schwer mit seinem materialistischen Fundamentalismus, seinem Geschäftssinn, den schamanistischen Elementen, einmal abgesehen von Vorwürfen mangelnder Transparenz bei den Finanzen oder Gerüchten um das angeblich nicht ganz lupenreine Privatleben Chos.

Frauen in Nationaltracht reichen große Samtsäcke

Die perfekte Choreographie des Gottesdienstes endet mit dem Einsammeln der Geldspenden, und auch dies ist ein Spektakel. Frauen in Nationaltracht reichen große Samtsäcke durch die Bänke. Vor dem Altar werden die Gaben aufgehäuft, und es braucht mehrere Männer, um sie aus dem Saal zu tragen. Derweil werden die ausländischen Erstbesucher zur nächsten Veranstaltung geleitet. Wie eine asiatische Reisegruppe folgen sie dem Schild „Foreigner Briefing“, hinüber in das benachbarte Hochhaus, durch ein Foyer, in dem zwei japanische Luxuslimousinen zur Schau stehen. Hier befindet sich ein Teil der Kirchenzentrale, sind Büros der eigenen Hochschule und Entwicklungshelfer, das Herz der Mission. Der weißhaarige Bruder Jim erwartet die Neuen hinter einem Tisch mit Büchern, eine kleine Auswahl der mehr als 200 Werke des „Dr.Cho“. Für den Einstieg empfiehlt er ein Standardwerk: „Wie man betet“. Auch die Tassen und Broschen im Souvenirshop nebenan eigneten sich „wunderbar als Gesprächsstoff“. Binnen Minuten ist die Gruppe in seinen eloquenten Vortrag versunken. Ein halbes Dutzend Zuhörer, die der Zufall vereint: ein texanischer Geschäftsmann auf Durchreise, ein junger Kanadier, der mit seiner Anwesenheit einen Weihnachtswunsch seiner Mutter erfüllt, ein Student aus der Ukraine, ein Pastor aus Nigeria. Eine gute Stunde redet Bruder Jim über Hoffnung, Heilung, Wunder und die Segnungen der Yoido Full Gospel Church, die Zeit vergeht im Fluge. „Versuchen Sie doch in den nächsten Tagen einfach, Fremde auf der Straße mit einem ,Halleluja' anzusprechen“, rät Bruder Jim. In Seoul stehen die Chancen nicht schlecht, dass ein „Halleluja“ zurückkommt.

Text: F.A.Z., 19.02.2007, Nr. 42 / Seite 7
Bildmaterial: Puzzlet Chung / Wikipedia

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