Von Dominik von Glass
11. Juni 2006 Jetzt reicht es dem Christian Neuner aber endgültig. Mit beiden Händen zieht er die blutig entstellte Fratze seines toten Schafes hoch. Wo, japst er, um Luft ringend für eine schlagkräftige Tirade, wo sind die Bärenfreunde, wo sind die? Die sollen a mal anschaun, wie so ein Viech leidet, bis es tot ist! Wo bleibt da der Tierschutz, wo? Zwar hat er, an sich sanftmütig, mit rundem Kopf und flachem Sennerhut, das heute schon Dutzende Male gesagt, geschrieen, proklamiert, in Kameras, Fotografen- und Reportergesichter, ja sogar in sein Handy hinein. Aber immer noch findet er beeindruckende Variations- und Steigerungsmöglichkeiten seiner These, daß Bruno aus dem Verkehr gezogen werden müsse.
Und immer wieder gelingt es ihm, auf Zuruf die höchstmögliche Erregungsstufe zu erklimmen - ein überaus nützliches Talent an jenem Pfingstmontag am beschaulichen Lautersee oberhalb Mittenwald, denn eine ganze Horde Reporter ist an das Ufer des Gebirgssees gekommen, um die von Bruno in der Nacht zuvor gerissenen drei Schafe in Augenschein zu nehmen. Eigens für die Presse sind die Schafe noch ein paar Stunden an ihren Todesstätten in Sterbepose drapiert geblieben, wie ein ereignisleitender Herr vom Landratsamt in Gönnerstimmung einfließen läßt.
Nicht ganz aus der Luft gegriffen
Natürlich kann man Christian Neuner, dem Chef der Ziegen- und Schafzüchter aus dem oberbayerischen Grenzort Mittenwald, zugute halten, daß sein unablässig repetierter Schlachtruf wider Bruno nicht ganz aus der Luft gegriffen ist. Denn erst am Tag zuvor, am Pfingstsonntag, hatten wir ihn auf einer Weide in Klais bei Mittenwald getroffen, nur ein paar Kilometer entfernt vom Lautersee. Da lagen ein Zicklein und drei Schafe in ihrem Blut, mit durchbissenen Rücken, weichgeschmetterten Schädeln, aufgerissenen Brustkörben.
Und Christian Neuner hatte als Wortführer der sonst eher wortkargen hiesigen Schaf- und Ziegenmänner gezetert, daß es für die Bauern nun kein Zustand mehr sei: Erst der ständige Ärger mit Brüssel und der Agrarpolitik und jetzt noch ein amoklaufender Braunbär - so als sei dieser ge-schickt worden, um die Bauern endgültig in die Verzweiflung zu treiben. Der Bär muß weg, wie is mir wurscht. Es nickten gewichtig die knorrigen Köpfe der umstehenden Bergbauern, eingehüllt in Qualm aus Zigarren und gebogenen Pfeifen.
Eventhafte Szenerie
Und dann eben der nächste Tag, wo der Neuner-Christian nicht mehr für andere sprach, denn diesmal waren die toten Schafe vom Lautersee seine eigenen. Und der Bär hatte sein nächtliches Spielchen noch ein wenig ins Bedrohliche variiert: Trieb die Schafe vorbei an Wirtshaus, Hotel, Kiosk, Bootshaus und Spazierweg, wo am Tag Hunderte Touristen herumlaufen, hetzte sie in die Binsen einer Sumpfwiese, um sie dort auszulöschen, ohne einen Bissen zu nehmen. Dem Makabren zum Trotz haftet der Szenerie am Lautersee etwas Eventhaftes an, und insofern paßt Neuners schrilles Klagelied dann doch wieder ins Bild.
Da sind die Reporter, die endlich auf ein wunderbar unkomplexes Problem treffen: einen Bären, der seit Wochen immer nachts zuschlägt und dann weg ist. Da kann man fragen: Wo ist der Bär? Wie gefährlich für den Menschen? Wohin gelaufen? Kommt er wieder? Ist er jetzt satt? Jeder kann da was wissen und fordern. Einfache, erregende Erkenntnisse, weit unterhalb des Abstraktionsniveaus der Gesundheitsreform, etwa auf der Ebene einer Ballackschen Wadenverletzung. Ein ideales Thema in Zeiten der großen Koalition.
Touristen zwischen Blutfleck und Schafsleiche
Und da sind die Touristen, aufgrund ihrer stets merkwürdig zwecküberschreitenden Zweckbekleidung aus High-Tech-Fasern immer gleich als solche zu erkennen. Bunt raschelndes Wandervolk, tuschelnd, knipsend, tappend zwischen Blutfleck und muffiger Schafsleiche. Ihnen ist an guter Unterhaltung im nervenden Nieselregen gelegen. Ja, wir wollen den Bären finden! Hocherfreut ruft das eine hagere ältere Dame mit breitem Hut. Wieso solle sie Angst haben vor Bruno? Da oben im Wald habe sie gerade plattgedrücktes Gras gefunden.
Dem nachzugehen wolle sie, ganz Naturmensch, ihre nachmittäglichen Bemühungen widmen. Eine mittelalte Dame mit Walking-Stöcken, auf dem Steg über dem Sumpf gerade am toten Schaf nordisch vorbeigewalkt, sagt, da man ja als Tourist nichts über den Bären wisse, vertraue man der Ordnungsmacht. Ein Herr aus Brunsbüttel mit erregt hervortretenden Augen ereifert sich darüber, daß das Viech jeden Moment aus dem Busch springen kann, und die Polizei fährt hier rum und macht nichts. Und dafür zahlen wir auch noch Kurtaxe.
Der Anspruch, etwas zu machen mit dem wilden Bären - das ist das eigentlich Absurde. Bisher war es nämlich so: Immer hat der Bär etwas gemacht, und zwar uns allen etwas vor. Seit er am vorletzten Mai-Wochenende als erster wilder Braunbär in Deutschland seit dem Abschuß des letzten vor 170 Jahren die Gegend rund um Garmisch-Partenkirchen verunsicherte, ist der Bär stets in Vorleistung getreten: In der Nacht machte er Beute, schlug Ziegen, Schafe, Hasen, Tauben, Hühner; zerlegte Bienenstöcke, Weidezäune und Holzscheunen, jeweils an Orten, die von niemandem vorhergesehen werden konnten.
Man vertreibt sich die Zeit
Dann strömten alle herbei, Bärenspezialisten, Bärenfallenaufsteller, Bärenanwälte, Bäreneingreiftruppe, Polizei, Presse, Würdenträger. Nach Garmisch verlegte sich das Spiel ins Tiroler Zillertal, dann ins oberbayerische Mittenwald, jetzt wieder zurück nach Tirol. Skihütten-Wirtsleute bei Zirl sahen ihn. In der Nacht zum Sonntag zerstörte Bruno schließlich auf der Ganalm in der Gemeinde Terfens einen Hasenstall. Die Hasen überlebten knapp.
Was aber machen wir mit Bruno? Nichts. Am Pfingstsonntag, auf der Weide bei Klais, begleitend Christian Neuners ersten Wutausbruch, die berühmte Bäreneingreiftruppe, bekannt durch die auf ihr lastende Annahme, ständig aktiv dem Bären auf der Spur zu sein: Fünf Männer aus Deutschland und Österreich, Wildbiologen, Leute des WWF, der Jagdverbände, Wissenschaftler, immer in legerer Outdoorkleidung namhafter Hersteller. Ihre Operationsbasis ist zu der Zeit das düstere Hotel St. Hubertus in Fügen im Zillertal, weil damals der Bär zuletzt dort aktiv war.
Man vertreibt sich die Zeit mit Kaffeetrinken und strategischen Gesprächen. Die berühmte Bärenfalle steht mit stinkendem Schafsschlegel als Köder auf dem Hotelparkplatz und ist bis dahin niemals im Einsatz gewesen. Denn wenn man nicht wisse, wo der Bär genau sei (was man genaugenommen niemals wußte), kann man die Falle nicht sinnvoll einsetzen, da dann die Wahrscheinlichkeit eines Fangs gleich Null sei, erklären die Eingreiftruppler, die beim Rehgulasch sitzen.
Wohin der is, wissen wir net
Am nächsten Morgen plötzlich Unruhe am Frühstückstisch. Der Bär habe irgendwo zugeschlagen. Die mitfrühstückende Presse werde zu gegebener Zeit informiert. Die Herren Bärenfänger springen auf, lassen einen altersschwachen Geländewagen an, der gleich wieder abstirbt, rumpeln weg. Kommen gleich wieder. Pulli vergessen, verdammt. Die Falle: bleibt stehen. Hab i jetzt ka Lust, die dranzuhängen. Der Bär hat im bayerischen Klais bei Mittenwald gewütet. Und dort ist sie wieder: die Eingreiftruppe. Wildbiologe Thomas Huber und die Seinen bei der Tatortbesichtigung. Geduckten Hauptes in einem länglichen Wiesengrund auf Spurensuche.
Leider keine Fährte, keine Fluchtrichtung, keine Ahnung. Die Risse: zweifelsfrei der Bär, erklärt Thomas, über ein notgeschlachtetes Ziegenkitz gebeugt. Dumpfe, großflächige Verletzungen, tiefe Durchbisse durch den Rücken, der kleine Finger paßt da hinein. Und dann die Tatze, die Thomas im Schlamm eines offenen Stalles entdeckt: frühstückstellergroß, fünf Zehen. Der Bär. So geht es auch am Lautersee: die Eingreiftruppe kommt, stellt fest, es war der Bär. Wohin ist er? Da ist überall Gras, Bewuchs, da sigst kaane Tatzn, sagt Thomas. Wohin der is, wissen wir net. Und die Falle? Ach ja, die Falle. Die Eingreiftruppe aus starken Männern hilft beim Aufladen der toten Schafe. Ein idealer Moment für Urlaubsfotos.
Der Bärenbeauftagte der Staatsregierung
Die bayerische Staats- und die Tiroler Landesregierung ist dem Bär mit Worten dicht auf den Fersen. Er sei praktisch unablässig im Visier von Jägergruppen und Bären-Task-Forces. Aber niemand hat ihn je gejagt, und niemand hat ihn je aktiv aufgespürt. Die Jäger sind friedfertige bayerische Forstbeamte mit Funkgeräten. Der Bärenbeauftragte der Staatsregierung, Manfred Wölfl, kennt sich vor allem mit Luchsen aus.
Der bayerische Umweltminister Werner Schnappauf fährt die geniale Doppelstrategie aus Betäuben und Fangen einerseits und Abschießen im Notfall andererseits? Aber ein Bär läßt sich bei optimalem Betäubungsschuß, den es nur im Gehege gibt, in frühestens fünf Minuten betäuben; bis dahin ist er außerordentlich ungenießbar. Und auch zum Abschießen muß man Bruno erst mal finden.
Immerhin wurde um Bruno ein großer politischer Resonanzkasten gebaut. Darin dröhnt es wie in einer Generalrevision des Systems der Schengener Grenzüberwachung. Grüne fordern einen professionellen Managementplan für zurückkehrende Wildtiere. Ministerien des Bundes verorten die Bärenkompetenz bei den Ländern. Die bayerische SPD richtet im Landtag eine schriftliche Anfrage an die Staatsregierung mit dem Ziel festzustellen, daß nicht das Umwelt-, sondern nur das Innenministerium eine Liquidierung des Bären anordnen könne, da es sich um eine Frage der öffentlichen Sicherheit und Ordnung handele.
Bären-Management in den Alpen
Am Ende bildet der gescholtene Umweltminister selbst die Speerspitze der Bürokratisierung des Bruno: Es werde einen Experten-Workshop zum Bären-Management in den Alpen geben, der ein gemeinsames internationales Protokoll verabschieden werde, das wiederum Grundlage und so weiter und so fort...
Der gute Bruno, zwei Jahre jung und wanderfreudig, hat von alledem nichts mitbekommen. Zuletzt hat er im österreichischen Leutasch Hasen gemeuchelt, bei Seefeld zwei Bärenfallen mißachtet und bei Zirl, wie gesagt, ein Hüttenwirtspaar erschreckt. Ihm geht es wohl bärig. Der hünenhafte Schafzüchter Johann Hörmann scheint das zu ahnen, denn er hat auf seiner Schafweide oberhalb Mittenwald, fünfzehn Gehminuten vom Lautersee, zur Selbstinitiative gegriffen, wie es aus seinem runden Gesicht mit knarzendem Tiroler Idiom verlautet.
Mir san ja hier an sich zivilisiert
Der Johann, riesengroß und breit, in braunem Strickjanker und schweren stichelgrau gewebten Wollhosen, in gewaltigen Arbeitsschuhen der Größe 48, vom Orthopädieschuhmacher, weil es die so nicht zu kaufen gibt. Drähte und Kontakte knüpfen seine tatzengleichen Hände an den Baustellen-Blinklampen zusammen, die er sich vom Bauhof besorgt hat. Die will er rund um seine Schafweide aufstellen. Wenn des in der Nacht da blinkcht, dann hoffen mir, daß der Bär dann vielleicht net herkchemmt. Er rammt einen Lampenschaft in die Erde: Mir san ja hier an sich so zivilisiert, überall san Straßen und a Fremdenverkcher, daß da kchana an Bärn brauchen kchann.
Deshalb werden von diesem Montag an vier professionelle finnische Bärenjäger mit fünf schweren Bärenhunden im bayerisch-österreichischen Grenzgebiet den Bruno verfolgen, ihn erstmals richtig jagen, in hoheitlichem Auftrag. Die Herren haben neben einem Betäubungsfachmann auch echte Gewehre dabei. Und aus der hiesigen Bäreneingreiftruppe ist zu hören, daß die Finnen dem Ansinnen der Bärenbetäubung, dem offiziellen Ziel der Hatz, mit Befremden gegenüberstehen. Sowas, sagt einer aus unserer Bären-Task-Force, haben die noch nie gemacht.
Text: F.A.Z., 12.06.2006, Nr. 134 / Seite 9
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