Nackig wandern

Raus aus den Klamotten, rein in den Wald

Von Philip Eppelsheim

09. Juli 2008 Dreißig Grad, selbst die Klimaanlage im Auto versagt. Schweißflecken. Ist es die Hitze oder die Angst vor den nächsten sechs Stunden? Was mich erwartet, wird mir vollends klar, als ich auf den Parkplatz im Wald einbiege. Menschen in T-Shirts, nur in T-Shirts, stehen dort. Fünfzehn Männer und zwei Frauen sind ins Sauerland gekommen, um nackt zu wandern. Einige von ihnen haben Hunderte Kilometer zurückgelegt, um ihre Hüllen fallen zu lassen - Hartgesottene, die während des Sommers fast jedes Wochenende im Wald unterwegs sind. Naturisten nennen sie sich, kennengelernt haben sie sich über das Internet. Dort werden solche Wanderungen angeboten.

Zögerlich steige ich aus, leicht geschockt von dem seltsam anmutenden Anblick. Schon werde ich begrüßt: „Hallo, ich bin Helmut.“ Helmut, Jahrgang 47, ein Mathematiker, der Software für Atomkraftwerke entwickelt, hat die Wanderung organisiert. Wie er dasteht in seinen beigen Shorts plus gleichfarbenem T-Shirt und die Muskeln unter braungebrannter Haut spielen lässt, erinnert er an eine Mischung aus Hollywood-Footballtrainer und Bundeswehrausbilder. Und ich bin der eingezogene Wehrdienstleistende. Helmut setzt einen Haken vor meinen Namen. „Läufst du die komplette Strecke mit, oder gehst du eine Abkürzung?“ Wir werden sehen.

T-Shirts und Shorts fallen

Nach zehn Minuten gibt Helmut das Kommando: „Fertigmachen, es kann losgehen.“ T-Shirt und Shorts fallen. Und Helmut steht da, wie Gott ihn schuf. Abgesehen von den Snoopy-Socken und den Turnschuhen. Ich bilde mir ein, zu frieren. Doch wage ich nicht, mich zu widersetzen. Und muss feststellen: Ich bin der Einzige mit Streifen an den Armen und mit Abstand der Blasseste. Bernd, Rentner aus Mainz, lächelt mir aufmunternd zu - oder belustigt? Seine Haut erinnert an gegerbtes Leder.

Vorbeifahrende Radfahrer johlen, als sie uns Nacktwanderer sehen. Gott sei Dank stehe ich hinter einem Auto. Mir schießt durch den Kopf, was Anita und Wolfgang Gramer in ihren „Nackt-Aktiv“-Büchern schrieben. Diese Veröffentlichungen hatte ich zur Vorbereitung studiert, besser gesagt: um mir einbilden zu können, vorbereitet zu sein. Auf meine Anfrage hatte Anita Gramer etwas unwirsch geantwortet, ihr gehe es keineswegs nur um Nacktwandern, vielmehr gelte ihr Interesse „dem Aspekt eines integralen Nacktseins in unserer Gesellschaft“.

Mücken- und Bremsenschwärme

Mir vorerst nicht - das Wandern reicht völlig. Skeptisch hatte ich die Gramerschen Beschreibungen ihrer Trips durch Andalusien gelesen. Die Routen wurden in „Schamstufen“ eingeteilt, wobei drei die höchste war. Ich bin jetzt auf einer gefühlten Zehn. Als Helmut auch noch mitteilt, vor einigen Minuten sei von hier aus eine große - bekleidete - Wandergruppe losmarschiert, erwäge ich, bei einer Begegnung hinter einen Baum zu springen.

Um Naturverbundenheit soll es bei den Nacktwanderungen gehen, hat Helmut gesagt. Meine Naturverbundenheit beginnt mit Angriffen ganzer Mücken- und Bremsenschwärme und setzt sich mit dem Duft von Autan fort, das Helmut, bestens ausgestattet, mir überlässt. 19 Kilometer liegen vor uns, „auf gut präparierten Wegen“, wie der Wanderführer verspricht. Ich hätte schmale Trampelpfade im Dickicht des Arnsberger Naturparks bevorzugt.

„Hast Du eigentlich auch FKK-Erfahrung?“

Die Wanderrucksäcke geschultert, setzt sich die nackte Mannschaft in Bewegung. Ich bilde das Schlusslicht, im Glauben, so am besten gewappnet zu sein. Dumm, dass der Radfahrer von hinten kommt. Starren Blickes gleitet er vorbei. Bernd stört das wenig. Er hat sich zu mir gesellt. Ein FKKler seit Urzeiten. „Hast du eigentlich auch FKK-Erfahrungen?“ Nein, habe ich nicht. In den Augen der Mitwanderer bin ich wahrscheinlich vollkommen verklemmt. Ich liebe es eben, Kleidung zu tragen. Meine Nackterfahrungen beschränken sich auf einige Sauna-Besuche in der Jugend. Den Reiz des FKK-Badens habe ich nie verstanden. Und als Michel Houellebecq dann noch Sexpartys im südfranzösischen FKK-Dorf Cap d'Agde zum Inhalt von „Elementarteilchen“ machte, wurde mir deutlich: Dies ist nicht meine Welt.

„Aber FKK ist nicht Sex und Schmuddel“, behauptet Helmut, der meinen Begleiter Bernd abgelöst hat. Schließlich sei man auch nicht angezogen zur Welt gekommen, und nackt könne man die Natur ganz anders erleben. Sein Weg zum FKK sei eine lange Entwicklung gewesen, erzählt er. Geprägt von einer konservativen Erziehung, habe er als Kind eine ausgeprägte Scheu vor dem öffentlichen Nacktsein gehabt. Schwer zu glauben. Ausgerechnet die Bundeswehr bescherte ihm das erste Nacktbadeerlebnis. Mit ein paar Kameraden sprang er hüllenlos in ein Schwimmbad. Mittlerweile wandert er sogar allein nackt durch die Wälder. Als überzeugter Naturist. Für ihn bedeuten diese Unternehmungen Schamstufe null. Ich hingegen beneide den Hund in unserer Gruppe um sein Fell.

Vorfreude auf Regentropfen

Die ersten fünf Kilometer liegen hinter uns, und ich wünsche mir, der Radfahrer könnte die einzige Begegnung mit Bekleideten an diesem Tag bleiben. Schließlich sollen Unwetter aufkommen, und wer hält sich da schon in Wäldern auf? Doch wohl nur die Nackten. Und die freuen sich sogar auf den angekündigten Regen. „Herrlich, wenn die Tropfen auf die Haut prasseln.“ Selbst wenn der Regen ausbleiben sollte, sei für Abkühlung gesorgt. Ein Bach liege auf der Route, sagt Helmut.

Tatsächlich. Es ist eher ein Rinnsal. Dennoch Anne wirft sich in das rötliche Wasser. Und plötzlich halten alle Hände - Kameras. Es wird geknipst und geknipst. In einer Sauna würde niemand auf einen solchen Gedanken verfallen, aber für die Naturisten scheint es normal. Auf einem Home-Video möchte ich nicht zu sehen sein. Genau das scheint der Plan eines Mitwanderers zu sein: „Einen fünf Minuten langen Film will ich machen“, sagt er. „Regen wäre schön. Das fehlt noch.“ - „Der will doch nur nasse Nackte filmen“, lästern die anderen. Allmählich werde ich nachdenklich. Fünf Minuten? Nasse Nackte?

Fast nur Männer jenseits der vierzig

Da die anderen sich nicht an der Filmerei stören, bemühe ich mich, gelassen zu bleiben. Wobei ich mich allerdings frage, weshalb fast nur Männer jenseits der vierzig mitlaufen. Warum hat der Mann fortgeschrittenen Alters das Bedürfnis, sich zu zeigen, wie die Natur ihn schuf? Man sei halt Individualist, sagt Horst, der Offenbacher. „Naturisten sind eben nicht 08/15.“ Die Frauen der Nacktwanderer sehen das anscheinend anders. „In FKK-Bereichen ist meine Frau auch, wandern lässt sie mich alleine“, sagt Bernd. „Geht es dir eigentlich noch gut?“, fragt er dann. Ich nicke. Aber er scheint es mir nicht zu glauben.

Dass das Nacktwandern inzwischen Hunderte Anhänger in Deutschland hat, bleibt mir auch auf den folgenden Kilometern unverständlich. „Ach, hör doch nur die Vögel“, schwärmt Helmut. Kann man ihnen nicht auch angezogen zuhören? Während ich mich die nächste Anhöhe hinaufschleppe, zeigt sich, dass das Schwitzen ohne Klamotten nicht wirklich angenehm ist. Neben mir keucht ein älterer Herr aus Ostdeutschland. Er hat seine bessere Hälfte dabei. Nackig-Walking hat sie für sich entdeckt. Mit 19 sei er auf dem Moped nach Usedom gefahren, erzählt er. Dort habe er zunächst mit FKK angefangen, das Nacktwandern hingegen erst vor einigen Jahren begonnen. „Auf Fuerteventura ist das schließlich schon lange ganz normal.“ Pause. „Sie hätten ruhig eine hübsche Redakteurin mitbringen können.“ Dann keuchen wir wieder einträchtig schweigend nebeneinander her. Einige Regentropfen fallen auf die Haut. „Erfrischend. Wir haben schließlich keine Kleidung, die feucht werden kann.“

Raus aus den Snoopy-Socken

Helmut verkündet, nun sei die schönste Strecke der Wanderung erreicht. Kein Schotter mehr, sondern Waldboden, Pfützen und Gras. Er zieht die Schuhe aus, streift seine Snoopy-Socken ab. Nur das Navigationsgerät bleibt am Körper. „Barfuß, das ist ein ganz anderes Laufen. Da sieht man erst, wie sensibel die Füße sind“, sagt er und versucht mich zu locken: „Ah, das Moos ist traumhaft. Wie ein Teppich.“ Aber meine Schuhe bleiben an. Socken und Schuhe bedeuten für mich das letzte Stück Verhüllung, meine letzte Zuflucht. Auch sie noch abstreifen? Ich kann es nicht.

Bernd erkundigt sich wieder einmal nach meinem Befinden. Er sinniert über Nachwuchsprobleme, die FKKler plagen: Schuld daran seien die Vereinsmeier, die sich auf eingezäuntem Gelände bewegen, sagt er. Und dann kommen endlich die Worte, auf die ich seit Stunden warte. „Warum wandern wir eigentlich nackisch?“ Bernd lacht. „Weil es einfach schee ist.“ Ach so. Am Himmel kreist ein Hubschrauber. „Erwischt“, lacht einer. Ich finde es eher bedenklich, schließlich wurde gerade noch erwähnt, dass in Frankreich Nackte von Hubschraubern verfolgt wurden. Schon sehe ich mich auf der Flucht durchs Unterholz springen. Aber die Mitwanderer genießen ungerührt die Rast. Und ich versuche, mich gegen die Ameisenhorden zu wehren. Vergebens.

„Du hast da ein bisschen Sonnenbrand“

Fast sechs Stunden bin ich nun nackt im Wald unterwegs. Ich habe mich daran gewöhnt. Jedenfalls rede ich es mir ein. Im Grunde geht es mir noch genauso wie zu Beginn der Wanderung. „Du hast da ein bisschen Sonnenbrand“, bemerkt Bernd besorgt. Egal. Hinter jeder Kurve erwarte ich den Parkplatz. „400 Meter noch.“ Helmuts Worte - eine Erlösung. Schnell in die Klamotten. Helmut hat vorausgesagt, dass sie unangenehm zwicken werden. Tun sie nicht. „Bist du nächste Woche wieder dabei?“, fragt Helmut. Mein Blick verrät mich. Eher nicht. Anne meint zum Abschied: „Da hast du einen großen Schritt gewagt.“ Immerhin, denke ich, während ich den Parkplatz verlasse.



Text: F.A.S.
Bildmaterial: Eppelsheim

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