Von Robert Lücke
04. April 2004 Jesus von Nazareth kniet nieder, das Kreuz geschultert, und fragt: "So?" Aber Calogero Cacciatore schüttelt den Kopf: "Ernster, ernster!" ruft der kleine Mann mit dem runden Kopf, und Jesus, der eben noch milde gelächelt hat, schaut jetzt sehr ernst. Da hellt sich Cacciatores Miene auf: "Ja, besser! Der Junge ist gut, das wird einer der besten Jesusse, die wir je hatten!"
Jesus ist Gerlando Galluzzo, und Gerlando Galluzzo ist Jesus - zumindest Karfreitag. Im vergangenen Jahr spielte noch ein anderer den Heiland, der war Mechaniker. Zuvor war Jesus sechs Jahre lang von einem Elektriker verkörpert worden. Nun probt Galluzzo noch einmal die Erlösung der Menschheit, guckt dabei aber einen Moment lang schon wieder nicht würdevoll genug, findet Cacciatore.
Wenige Jesus-Anwärter
Cacciatore ist der Regisseur bei der Karfreitagsprozession, die die italienische katholische Gemeinde in Wuppertal diese Woche zum vierundzwanzigsten Mal zeigt - die größte dieser Art in Deutschland, nur in Stuttgart findet noch eine vergleichbare Osterpassion statt.
Galluzzo hat zum ersten Mal die Hauptrolle übernommen, alle zwei, drei Jahre will die Gemeinde einen neuen Jesusdarsteller den Weg von der Verurteilung durch Pilatus bis zur Kreuzigung spielen lassen. "Ist besser. Wenn sich Jesus Gründonnerstag ein Bein bricht, stehen wir nicht plötzlich ohne erfahrenen Darsteller da", sagt Salvatore Giancani, der Regieassistent. Mancher Darsteller fängt als Legionär an, dient sich hoch zum Hohepriester, bevor er dann endlich den Messias spielen darf. Um die Schurkenrollen - die mit Jesus ans Kreuz geschlagenen Verbrecher oder den Verräter Judas - reißt sich niemand, aber auch Jesus-Anwärter gibt es nur wenige. "Für die Hauptrolle braucht man Mut", sagt Giancani.
Stürmerstar
Gerlando Galluzzo, Jesus 2004, ist ein schlanker junger Mann von 23 Jahren mit pechschwarzen Locken, dichten Augenbrauen und sehr dunklen Augen. Mit seinem Vollbart könnte er gut Stürmerstar sein bei Milan oder Lazio, aber er ist Exportsachbearbeiter bei einer Textilfirma in Wichlinghausen, einem eher ärmlichen Wuppertaler Stadtteil, in dem viele Ausländer leben, vor allem Türken und Italiener. Wenn Fußball im Fernsehen kommt und Galatasaray, Inter Mailand oder die eine oder andere Nationalmannschaft spielen, füllen sich die Straßen nach Schlußpfiff in Sekundenschnelle mit hupenden Autocorsi in Rot oder Rot-Weiß-Grün. Je nachdem, wer gewonnen hat.
Hier im Viertel ist Galluzzo groß geworden, schon mit sechs Jahren hat er in der italienischen Gemeinde, der Missione Cattolica Italiana, mitgearbeitet. Vor drei Monaten fragten ihn die Organisatoren der Osterfestspiele, ob er nicht in diesem Frühjahr den Jesus spielen wolle. Der junge Mann gefiel den Veranstaltern, sie glaubten, daß er das Zeug dazu habe. Galluzzo faltet die Hände wie zum Gebet, wenn er spricht, und sagt: "Ich habe mich sehr gefreut. Ich geh' ja auch jeden Sonntag in die Kirche." Er spricht mit Wuppertaler Dialekt, aus Kirche wird dann "Kirchö" und aus dem Glauben der "Glauböö". Eine Woche Bedenkzeit hat er sich ausbedungen, die er in seinem Zimmer bei den Eltern verbrachte und dabei auf der Gitarre Lieder von Tracy Chapman und Eros Ramazotti gespielt hat. Dann sagte er zu.
Liebe und Ruhe
Seine Familie, die vor 35 Jahren aus Aragona, einem Dörfchen auf Sizilien, nach Deutschland ausgewandert ist, platzt natürlich vor Stolz. Gerlandos Vater macht schon seit vielen Jahren bei den Passionsspielen mit und lenkt die Besuchermassen, sein kleiner Bruder spielte schon mal den Diener von Pontius Pilatus. Er selbst half allenfalls bei der Technik aus und befestigte die Mikrophone an den Gewändern der Hauptdarsteller - welch ein Karrieresprung...
In Süditalien gehören Passionsspiele und Prozessionen in der Karwoche zu Ostern wie hier der Hase, und für viele Italiener in Deutschland ist es ein Stück Heimat. "Für mich nicht, ich bin ja hier geboren", sagt Galluzzo. Seine Antworten sind immer kurz, er sagt nur das Nötigste. Und überlegt vorher lange. Wie er Jesus verkörpern möchte? "Die Sachen, die ich sagen muß, versuche ich mit viel Liebe und Ruhe darzustellen. So wie mir Jesus immer begegnet ist." Und zwar? Er denkt noch mal lange nach, die Hände bleiben gefaltet. "Es soll aus meinem Herzen kommen. Denn da ist Jesus. Er hat mir immer geholfen in meinem Leben, immer wenn ich in Schwierigkeiten war oder auch nicht. Ich merke dann, daß es Gott gibt." 25 Kilo wiegt das Holzkreuz, das er über eine Strecke von fünf Kilometern tragen muß. "Ich werde auf meinem Weg daran denken, wie Jesus für uns gelitten hat."
Pittoreske Veranstaltung
Ursprünglich war das Passionsspiel nur für die italienischen Gläubigen in Wuppertal und Umgebung gedacht. Das blieb auch lange Jahre so, bis Mitte der neunziger Jahre auch viele Deutsche an der pittoresken Veranstaltung Gefallen fanden. Mittlerweile nimmt neben italienischen Priestern und Nonnen auch ein deutscher katholischer Pfarrer teil, sogar Protestanten laufen mit.
Das Spektakel beginnt auf einem Kirchplatz am Rande der kleinen Altstadt von Wuppertal mit der Verurteilung Jesu durch Pilatus.
Alle Mitwirkenden sind als römische Legionäre mit Helm, Rüstung, Schild und Wurfspieß verkleidet, Pilatus trägt eine lange Tunika, Männer und Frauen in Lumpen und Umhängen spielen das teils gaffende, teils mitleidende Volk Jerusalems. Das Kreuz geschultert, geht Jesus, mit weißem Gewand, rotem Umhang, Dornenkranz und auf Sandalen den Weg zu einem Hügel in einer Parkanlage, wo das Martyrium auf Golgatha nachempfunden wird. Während des Passionsweges werden Bibelstellen in italienischer Sprache vorgelesen und über Lautsprecher übertragen. Ansonsten ist die Karfreitagsprozession aber zweisprachig, italienische Dialoge werden von einem Chronisten am Wegesrand auf deutsch erklärt.
Vorstadt-Schönheiten
Der Zulauf ist gewaltig, bis zu 15000 Menschen säumen den Weg, wobei das Publikum bunter nicht sein könnte: fein herausgeputzte italienische Kinder sind genauso vertreten wie blondierte deutsche Vorstadt-Schönheiten oder schmerbäuchige Proleten mit der Bierdose in der Hand. Für die Teilnehmer spielt das Wetter dabei keine Rolle, zweimal hat es sogar richtig gestürmt und gehagelt. "Da halfen wirklich nur noch Gebete", sagt Regieassistent Giancani.
Ein wenig erinnert die ganze Szenerie an den Ulkfilm "Das Leben des Brian", wenn erwachsene Männer in Römer-Montur an McDonald's-Lokalen, Schlecker-Drogeriemärkten oder an "NRW's größtem Sexkaufhaus" vorbeidefilieren, Legionäre später den Heiland ans Kreuz hieven und einen mit Essig getränkten Schwamm reichen. Und wenig später brüllt Schwester Lidia dann auch noch ein Kommando auf italienisch, woraufhin sich alle auf die Knie fallen lassen und ein Erdbeben imitieren. Weil das so in der Bibel steht. Und weil sie es in Wuppertal am Karfreitag seit 24 Jahren so tun.
Viele Leute, die mit dem Glauben "was zu tun haben und eine Beziehung zu Gott haben, die sind davon sehr bewegt, vor allem die Leute, die zum ersten Mal mitgehen", sagt Giancani. "Als Spinner werden wir nur noch ganz selten angesehen", fügt auch Gerlando Galluzzo hinzu. Im Gegenteil: Die meisten seiner Freunde und Bekannten haben ihn zu seiner Rolle beglückwünscht. Er selbst, davon ist Galluzzo überrzeugt, werde ein Leben lang etwas davon haben: "So kann ich Gott danken - er hilft mir ja auch", sagt er und klingt weder schwülstig noch aufgesetzt. "Sehen Sie, ich bin 23 und seit acht Jahren mit meiner Verlobten zusammen. Auch das ist ein Geschenk Gottes." Er lächelt zwar ein bißchen, aber man merkt, wie ernst es ihm ist. Vielleicht müsse er am Freitag auch weinen, die Emotionen seien sehr stark. Denn eines ist sicher: "Wir spielen hier kein Theater."
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 04.04.2004, Nr. 14 / Seite 51
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