Stierhatz in Pamplona

Mit der Asche des Vaters

Von Leo Wieland

Für Hunderte eine Herausforderung: Die Stierhatz von Pamplona

Für Hunderte eine Herausforderung: Die Stierhatz von Pamplona

09. Juli 2007 Die Fiesta begann mit einem sauberen Hornstoß durch einen australischen Oberschenkel. Chris Mitchenson aus Sydney zog bei seiner Mutprobe mit dem 575 Kilogramm schweren Kampfstier Cantinillo auf der steil ansteigenden Santo-Domingo-Gasse rasch den Kürzeren. Doch der 36 Jahre alte Besucher hatte trotz der gefährlichen Verletzung Glück. Binnen weniger Minuten nach dem ersten Stiertreiben der diesjährigen „Sanfermínes“ lag er unter dem Chirurgenmesser im Spital und konnte im Anschluss seine ferne Familie beruhigen. Ihm war, wie allen anderen Festteilnehmern, klar, dass der heilige Fermín, Schutzpatron Pamplonas und all seiner tollkühnen Stierläufer, wieder ganze Arbeit geleistet hatte.

Zum Auftakt der Festwoche in der Hauptstadt des alten Königreichs Navarra gab es noch eine Premiere. Xabi Itoiz hatte, wie er sagte, „ein Versprechen zu erfüllen“. So verstreute der 26 Jahre alte passionierte Läufer, mit den sechs Stieren aus dem Gestüt der Sevillanerin Dolores Aguirre hart im Nacken, die Asche seines Vaters auf der Strecke. Jener Javier Itoiz, der seinem Sohn in mehrererlei Hinsicht das Laufen beigebracht hatte, war im April an einem Herzinfarkt gestorben. Sein letzter Wunsch war es, dass seine Überreste dort vom Wind verweht und mit Sekt begossen werden sollten, wo er jeden Sommer am glücklichsten war.

Betrunkene Frühlingsrollen

Pünktlich um zwölf Uhr mittags hatte am 6. Juli der Böller vom Balkon des Rathauses wieder den Beginn des Ausnahmezustandes markiert. Die rot-weiß gekleidete Menge band sich ihre Halstücher um, schwenkte zu Tausenden ihre Flaschen und Weinsäcke und sang: „Alkohol, Alkohol, Alkohol. Jetzt besaufen wir uns, denn uns ist so wohl.“ Wer seine Festtracht nicht beschmutzen wollte, musste sich die Sache schon zu Hause im Fernsehen anschauen. Denn auf der Straße waren die unerwünschten Begegnungen mit betrunkenen Jugendlichen unausweichlich. Die 2000 aufgebotenen Polizisten waren nur ein kleines Kontrollkontingent gegenüber den animierten Legionen mit ihren ambulanten Vorräten aus Eiern, Mehl, Senf, Ketchup und Ahornsirup. Die Bäuche schon voller „Kalimotxo“, jener unnachahmlichen Mischung aus billigem Rotwein mit Coca-Cola, hatten sie sich so lange auf dem Boden gewälzt, bis sie von lebendigen Frühlingsrollen nicht mehr zu unterscheiden waren.

Dass bei den Sanfermínes jeder auf seine Kosten kommt, hatten am Vorabend auch die Tierschützer der Organisation „People for the Ethical Treatment of Animals“ (Peta) bewiesen. Fast 2000 Teilnehmer aus mehr als dreißig Staaten – die große Mehrheit Ausländer – hatten sich vor der Arena in Farbbeutelwurfreichweite zum Denkmal für Ernest Hemingway versammelt, zu ihrem inzwischen traditionellen Nacktmarsch wider die Grausamkeiten des Stierkampfes und Stiertreibens. Die Erste, die den Haken ihres Büstenhalters löste, war eine deutsche Chemiestudentin, die dem Lokalreporter des „Diario de Navarra“ selbstbewusst erklärte, dass sie so etwas immer gern für einen guten Zweck tue. Die Männerwelt von Pamplona, vorneweg die ideologisch eigentlich anders gepolten „Aficionados“, hatten die Invasion der unbekleideten Gäste mit ihren Plastikhörnern und ihrem moralischem Mandat wieder sehnsüchtig erwartet. Für sie ist nun einmal der zeitlich versetzte Anblick der Nackten und der Toros das Beste beider Welten.

Möge San Fermín Milde walten lassen

Die ersten „Encierros“, die in diesem Jahr auf das Wochenende fielen, waren so überlaufen, dass die Sicherheitsdienste Seitenschleusen in den Barrieren öffnen und manche schwankende Gestalt zu ihrem eigenen Schutz aus dem Gewühl ziehen mussten. Aber auch für die Läufer mit den zusammengerollten Zeitungen, die wussten, was sie taten, war die 850 Meter lange Strecke diesmal eine besondere Herausforderung. Die Straßen klebten und brachten in jeder Kurve Mensch und Stier zu Fall. Das Kopfsteinpflaster hatte sich während der Nacht mit einem tückisch-zähen Lack aus Sekt, Bier und anderen Säften überzogen, den die Putzkolonnen wegen des Besucheransturms nicht rechtzeitig reinigen konnten. Die Krankenhausbilanz fiel dennoch mit einem Dutzend Verletzten, davon zwei durch Hornstöße und der Rest durch Prellungen, Abschürfungen und Knochenbrüche, glimpflich aus. Die Stiere waren – bis zu ihrem frühen Tod am Nachmittag – allesamt unversehrt geblieben.

Die Politik, die sich dank der Aktivitäten radikaler baskischer Nationalisten sporadisch in die Fiesta einmischt, bewegte sich auch in diesem Jahr in ihren spezifischen provokatorischen Grenzen. Vergleichsweise harmlos waren die vergeblichen Versuche von zwei Stadträten, die gerade mit den Stimmen von Eta-Sympathisanten neu gewählt wurden, vor dem Rathaus neben der spanischen und lokalen Fahne demonstrativ noch die baskische „Ikurriña“ zu hissen. Dem Musikverein Muthiko Alaiak gelang es jedoch immerhin, die Gefühle zahlreicher Katholiken zu verletzen, indem er den angesehenen Erzbischof von Pamplona, Fernando Sebastián, auf einem Plakat unter dem Kreuz einer Christusfigur karikierten, welche den rechten Arm zu einem „Faschistengruß“ hob. Bei einem Bußgottesdienst zu Ehren des Beleidigten baten Hunderte von Gläubigen in der San-Nicolás-Kirche um Vergebung und San Fermín um milde Nachsicht.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, REUTERS

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Nicht alle sind schnell genugPatron San Fermín und die Sanitäter müssen wieder ganze Arbeit leistenDie trauen sich aber was! Besucherinnen reiten die Bullenstatuen in PamplonaGanz nüchtern geht es bei der Sache auch nicht zu. Mit „Kalimotxo“, jener unnachahmlichen Mischung aus billigem Rotwein und Coca-Cola, sind die meisten Teilnehmer vertraut Mensch und Tier in ziemlich auswegloser LageWas für ein Anblick, diese Stierhatz!Es soll immer mehr Anhänger der Stierhatz geben, die sich ebenso gerne die nackten Proteste der Gegner ansehenDie Kleidervorschriften für Männer sind klar, lassen manche Frauen aber offenbar ratlos zurück
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